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Premierenkritik

Zähes

Ding



Allan Clayton als Candide in der Komischen Oper Berlin | Foto (C) Monika Rittershaus

Bewertung:    



Der diesmalige Raum der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst ist augenscheinlich leer. Die Weite, die man sieht, scheint unendlich zu sein. Zum "Ende" hin, befürchtest du beim dauernden Dorthinsehen, ist nichts; wer also bis dorthin gelangen sollte, muss befürchten, entweder an eine Wand zu knallen oder (weiß man eigentlich dann immer, was einem "ganz hinten" urplötzlich erwartet?) wegzukippen, abzustürzen... Nach und nach, natürlich, fahren dann diverse Bühnenelemente rein und raus: ein Klassenzimmer, eine Hinrichtungsstätte, ein Käfig - Utensilien, Mobilare, kleine oder große oder riesengroße aufblasbare Erdbälle etc. pp. Zudem: Klaus Bruns' Hunderte (Tausende?) Kostüme; plötzlich kriegst du mit, dass du tatsächlich wieder mal der Augenzeuge einer sauteueren Inszenierung bist, a la bonheur!

Lennys Candide hat Premiere an der KOB Berlin - heißt: großer Bahnhof. Jede Menge Promi-Gehopse im Haus. Und - dieses MUSS der Regisseur nach der Entgegennahme seines Schlussapplauses unbedingt ins Mikrofon verlauten lassen - sind drei Bernstein-Töchter extra aus New York hierher geflogen (worden), um bei dem Event dann live dabei zu sein; du drehst dich also, so wie alle, um und suchst die hohen Gäste, und du weißt natürlich nicht, wo sie konkret dann stehen, wo du schlussendlich nach ihnen suchen solltest...

*

Barrie Kosky hatte vor fünf Jahren West Side Story auf bestürzend schöne Art und Weise inszeniert! Obgleich, mit diesem Werk - es ist und bleibt DAS Stück Leonard Bernsteins - kann man eigentlich nie was verkehrt machen; es funktioniert an sich schon, Text, Dramaturgie, Musik, alles ist aufeinander abgestimmt, nichts bleibt dem Zufall überlassen, es ist einfach rund - - völlig im Gegensatz zu der viel seltener gespielten Operette nach Voltaires Candide; hier ist es, nach meiner festen Überzeugung, erstrangig der Text und die Dramaturgie (des Textes zur Musik), was ein Vollrundsein dieses merkwürdigen Opus torpediert. Es gibt eine umfässliche Stationen-Handlung, und es wird sehr viel (zu viel) in ihr gequatscht oder pseudophilosophiert; allein dass dann das Meiste, was passiert, im Weltreich von Absurdistan geortet werden könnte, gibt der endgültigen "Sicht" der Dinge einen wohlversöhnlichen Aspekt, will sagen:

Dieses Ding hat eine unaushaltbar-unendliche Länge. Es ist zäh, es nervt, es nebuliert, kurzum: du betest - schon nach ein paar ersten Szenen - dass die Scheiße hoffentlich dann bald vorüber geht!!

Jedoch:

Es gibt untoppbare und unsterblich geword'ne Hits aus dem Candide: seine Ouvertüre, seine große Kunigunde-Arie und und und... Das Alles knall'n - unter der Leitung des kanadischen Dirigenten Jordan de Souza - Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin und die gecasteten SolistInnen mit Charme und Witz und Verve und lauter Ungezügeltheiten auf die Bretter. Hochelektrisierend, ja!!!!

Franz Hawlata (der früher mal Hans Sachs in Bayreuth war) hat eine tolle Sprechstimme. Sie kommt bei seiner Conferencier-Verpflichtung als Voltaire sowie als Dr. Pangloss aufs Markanteste zum Tragen.

Allan Clayton als Candide ist der wohltönende Sympathieträger der Aufführung.

Nicole Chevalier erklimmt (s. die große Kunigunde-Arie) alle nur erdenklichen Koloraturhöhen, ihr genereller Spielwitz ist entwaffnend.

Bei Anne Sofie von Otter ahnt man nur noch, dass sie einstmals sogar singen konnte.

Und Tom Erik Lie - mein Komödiantenliebling dieses Abends - schießt den absoluten Vogel ab bei "seiner" Putze Martin!

Otto Pichler hatte Alle/Alles durchchoreografiert [Namen der TänzerInnen, s.u.].

* *

Und zäh hin, zäh her - - Candide wird sich, höchstwahrscheinlich, über ausverkaufte Vorstellungen nicht beklagen müssen.




Candide an der Komischen Oper Berlin | Foto (C) Monika Rittershaus

Andre Sokolowski - 25. November 2018
ID 11064
CANDIDE (Komische Oper Berlin, 24.11.2018)
Musikalische Leitung: Jordan de Souza
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Rebecca Ringst
Kostüme: Klaus Bruns
Choreografie: Otto Pichler
Dramaturgie: Maximilian Hagemeyer
Chöre: David Cavelius
Licht: Alessandro Carletti
Besetzung:
Voltaire/Dr. Pangloss ... Franz Hawlata
Candide ... Allan Clayton
Kunigunde ... Nicole Chevalier
Maximilian ... Dominik Köninger
Paquette ... Maria Fiselier
Die alte Frau ... Anne Sofie von Otter
Cacambo ... Emil Ławecki
Martin ... Tom Erik Lie
Gouverneur ... Adrian Strooper
TänzerInnen: Meri Ahmaniemi, Alessandro Bizzarri, Martina Borroni, Damian Czarnecki, Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Claudia Greco, Hunter Jaques, Christoph Jonas, Sara Pamploni, Lorenzo Soragni und Mariana Souza
Chor der Komischen Oper Berlin
Premiere war am 24. November 2018
Weitere Termine: 01., 12., 21., 31.12.2018 // 10., 25.01. / 03.02. / 27.03. / 03.04. / 30.06.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.komische-oper-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

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