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Festival

Fazit



Bewertung:    



Was für ein Wochenende: Die Pop-Welt feiert Madonnas 60. Geburtstag und betrauert gleichzeitig den Tod von Aretha Franklin, der großen Lady of Soul und starken Pop-Frau. Ihr sei hiermit gedacht.

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A change is gonna come. Das zeigte sich auch bei der Pop-Kultur Berlin, die von all dem eher wenig beeindruckt zum vierten Mal stattfand. Das dreitägige Musik-Festival, 2015 vom Musikboard Berlin ins Leben gerufen, bespielte wie im letzten Jahr die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg mit Konzerten, Talks und kleinen Auftragswerken von KünstlerInnen, den sogenannten „Commissioned Works“. Man gibt sich offen, divers und gleichzeitig kontrovers, was vor allem den missglückten Umgang mit der erneuten Beeinflussung des Festivals durch die Israel-Boykott-Kampagne BDS betrifft. Hier muss sich die Festivalleitung durchaus vorwerfen lassen, etwas zu blauäugig gehandelt zu haben. Wenn man das Thema schon auf die Tagesordnung setzt, sollte man schon etwas besser vorbereitet sein. Stephanie Carp, die Leiterin der RUHRTRIENNALE, droht deswegen gerade in einem selbstgemachten Informationsdesaster unterzugehen. Man wird sicher den Nahostkonflikt nicht lösen können, wie Festivalleiterin Katja Lucker richtig betonte. Nebenbei wegdiskutieren lässt sich das Problem mit dem Boykott aber auch nicht. Außer Haltung braucht es da für die Zukunft vor allem eine klare Strategie.

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Zurück zur Pop-Kultur, was neben Haltung und einem gewissen Lifestyle vor allem Musik bedeutet. Und da war das Festival wie in den Jahren zuvor durchaus gut aufgestellt. Neben gestandenen Pop-Größen wie Neneh Cherry, die als Headlinerin wie schon beim ersten Festival im Berghain nach wie vor die Massen zu begeistern versteht, war einiges Neue, aber auch viel Bewährtes im Programm zu finden. Was einmal gut geht, klappt sicher auch ein zweites Mal, wird sich das Kuratorenteam gesagt haben und hatte den bereits im letzten Jahr aufgetretenen Pop-Musikerinnen Sophia Kennedy (wir berichteten) und Kat Frankie mit Commissioned Works beauftragt. Die seit 2007 in Berlin lebende australische Singer-Songwriterin hatte sich unter dem Motto Bad Behavior: exploring the sounds of protest ein paar MusikerkollegInnen eingeladen, mit denen sie über eine Stunde lang dem guten alten Protestsong frönte. Lieder quer durch die Geschichte und über den Erdball, die für oder vor allem gegen etwas Stellung beziehen. Ist Protest gleichzeitig Pop, oder wie wird er eigentlich dazu? Mit derlei Fragen, die zumindest mal in einem kurzen Statement zu einem Song von Víctor Jara aufkamen, beschäftigte sich das launige Konzert allerdings weniger, brachte aber einiges zu Frauenrechten, Black Power oder auch den guten alten Rauch-Haus-Song der Ton Steine Scherben zu Gehör.

Passend dazu dann auch der Song "Miete Strom Gas" der Berlin Rock-Band Die Türen, der zur Hymne nicht nur des von der Gentrifizierung der Innenstädte bedrohten Künstlerprekariats werden könnte. Das Festival hatte die Jungs mit dem Regionalexpress zur bezahlten Sommerfrische in die Uckermark geschickt. Wiedergekommen sind sie mit ein paar Urlaubsbildern und dem Album EXOTERIK (was auch immer das sein mag). Es enthält Songtexte wie „Information ist der Unterschied, der soziale Unterschiede macht“ oder „Keine Zeit, keine Liebe, kein Glück. Ich bin eine Krise“. Aber keine Angst, Die Türen warteten mit der üblichen kritischen Ironie und gut Abtanzbarem auf. Und irgendwie muss die Miete ja auch bezahlt werden.

Kein Problem mit der Miete oder anderen Krisen dürften mittlerweile die Herren von Automat haben. Das Berliner Elektro-Avantgarde-Trio bestehend aus Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), Achim Färber und Georg Zeitblom ist gut im Geschäft. Für die Pop-Kultur erarbeiteten sie sozusagen das Auftragswerk Modul. Rhythmisch treibender Bass (Zeitblom) und Drums (Färber) zu gefrickelten Sounds aus dem Elektronikbaukasten von Jochen Arbeit. Als Gast am Mikro schaute neben Gemma Ray und Paul St. Hilaire auch kurz mal die US-Punk-Ikone Lydia Lunch vorbei.

Bad Behavior, also schlechtes Benehmen, kann man den älteren Herren von The Last Poets sicher nicht vorwerfen, auch wenn sie sich in ihrer Musiker-Karriere sicher mehr als einmal lautstark Gehör verschafft haben dürften. Die US-amerikanischen Hip-Hop-Legenden und Stimmen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung seit den 1960er Jahren traten in der jetzigen Besetzung mit Umar Bin Hassan, Abiodun Oyewole und dem Perkussionisten Baba Donn Babatunde auf. Gemeinsam verkündeten sie ihre Botschaft von Understand What Black Is. R E S P E C T, um mit Aretha Franklin zu sprechen.



Choolers Division | (C) Stefan Bock


Der rappende Nachwuchs war dann u.a. im Franzz-Club zu erleben. Dort trat die belgische Choolers Division auf. Dass die beiden fantastischen Rapper Botkine und Marien das Down-Syndrom haben, scheint hier zwar völlig nebensächlich, führt aber zu einem weiteren Schwerpunkt des Festivals, dass sich seit diesem Jahre verstärkt die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung auf die Fahne geschrieben hat, was nicht nur barrierearme Zugänge zu den Konzerten oder GebärdendolmetscherInnen wie die sich am Rande der Kesselhausbühne im unermüdlichen Dauereinsatz befindliche Laura Schwengber bedeuten soll. Auch das in der Kulturbrauerei befindliche inklusive RambaZamba Theater steuerte mit Rausch-Royal einen tollen künstlerischen Beitrag bei. Ensemblemitglieder präsentierten ein musikalisches Programm bestehend aus elektronischen Popsongs mit von Avantgarde- und Dada-Künstlern inspirierten Texten.

Wie immer waren auch die Pop-Damen überproportional im Einsatz. Die männliche Metal-Domäne in ihrem Heimatland Schweden durchbricht schon des längeren die Sängerin und Organistin Anna von Hausswolff, die mit ihrer Band im Kesselhaus zur brachialen Ceremony lud. Wem das noch nicht zu pathetisch düster war, konnte bei den dänischen Myrkur im nordischen Flair der brettharten Gitarrenriffs die glockenklare Stimme der Sängerin Amalie Bruun vernehmen und in ihren mit tiefschwarzem Kajal umrandeten Augen versinken. Nicht weniger stimmgewaltig ist die in Bayern geborene Sängerin Andrra, die in ihrem albanischen Gesang ihre kosovarischen Wurzeln kultiviert, was wiederum sehr schön zu den Synthesizerklängen von Mäcki Hamann und Drumbeats von Jörg Wähner passt. Auch Andrra ist zum zweiten Mal bei der Pop-Kultur, ein Zeichen, dass sich Innovation und künstlerische Beharrlichkeit auszahlt. Sehr interessant auch das Berliner Elektro-Pop-Duo OY, bestehend aus der Sängerin Joy Frempong, die auch gut den Synthie bedient, und Drummer Lleluja-Ha. Mit entsprechend exotischen Kostümen und ihrem Album Space Diaspora präsentierten sie sich als legitime Nachfahren von Avantgarde-Legende und Afro-Pop-Exzentriker Sun Ra. Und mit Same Same Different bringen OY gleich noch das Credo der Pop-Geschichte auf den Punkt.



Joy Frempong von OY | (C) Stefan Bock

Stefan Bock - 18. August 2018
ID 10857
Weitere Infos siehe auch: http://www.pop-kultur.berlin/


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