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Festival

Pop-Kultur

2017

Eröffnung


Bewertung:    



Wenn man so will ist die Pop-Kultur in ihrem dritten Jahr mit der Wahl der Location Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg an ihre Ursprünge zurückgekehrt. An diesem geschichtsträchtigen Ort, an dem sich nach der Wende die ersten Kulturkreativen des ehemaligen Szenebezirks mit hoher Club- und Kneipendichte ansiedelten, fand auch einige Jahre das Vorgängerfestival, die ehemalige Popkomm statt. Mittlerweile ist der Prenzlauer Berg straff durchgentrifiziert, was sich nicht nur in einem verstärkten Clubsterben bemerkbar macht, sondern auch in immer massiveren Anwohnerbeschwerden wegen ruhestörenden Lärms aus den noch verbliebenen Clubs auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Der Prenzlauer Berg hat zwar seine Anziehungskraft für Städtetouristen noch nicht ganz verloren, aber hinsichtlich einer lebenden alternativen Kneipen- und Clubkultur an Attraktivität stark eingebüßt.

Der Aufgabe neue innovative Kultur-Orte zu entdecken, trug die Pop-Kultur mit dem letztjährigen Ausflug in den Boom-Bezirk Neukölln Rechnung, nun scheint es an der Zeit Bilanz zu ziehen. Dabei hat man auch vom 2016 spontan gegründeten Neuköllner Gegenfestivals „Off-Kultur“ gelernt und tatsächlich einige Berliner Szene-Größen und DJs eingeladen, die im benachbarten Prater in der Kastanienallee auftreten werden. Aber keine Pop-Kultur ohne kleinen Medienskandal. Diesmal verursacht durch die Absage einiger arabischer Acts, die sich durch eine von der Organisation BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) betriebene Boykott-Kampagne gegen das 500-€-Sponsoring der israelischen Botschaft in Berlin für die Anreise der jüdisch-arabischen Sängerin Riff Cohnen abschrecken ließen.

Trotz Charme-Offensive mit Facebook-liken Kätzchen- und Hundepostern seitens der Pop-Kultur sorgte die vom BDS offensiv auch im Internet betriebene Anti-Israel-Kampagne im Vorfeld doch für einige Unruhe. Stellvertretend für die Festivalleitung versicherte Pop-Kultur-Chefin Katja Lucker bei der Eröffnung am 23. August, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Das Festival stehe nach wie vor für Diversität und kollektive, narrative Partizipation. Auch die Vertreter der öffentlichen deutschen Geldgeber wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer fanden klare Worte gegen die Vereinnahmung des Festivals für die Ziele des BDS.

Der Bund unterstützt die „jungen Rebellen der Pop-Branche“ (Zitat Grütters) mit 500.000 Euro für eine Veranstaltungsreihe sogenannter „Commissioned Works“. Klaus Lederer versprach langfristige Sicherung von Orten für junge Künstler. Dabei stehen Standorte wie die Alte Münze im Fokus. Es sollen in Zukunft nicht nur Grundrisse von Kulturorten wie die im Hof der Kulturbrauerei gezeigte Installation des vor einem Jahr in Berlin-Friedrichshain abgerissenen Projektraums Antje Øklesund übrig bleiben. Man wird den Kultursenator beim Wort nehmen müssen. Jüngstes Negativbeispiel ist die Meldung der Berliner Zeitung über den Verkauf des Künstlerareals der Weddinger Uferhallen. Die ehemaligen Bus- und Bahnwerkstätten wurden vom Land Berlin vor etwa zehn Jahren an die eigens gegründete Uferhallen AG veräußert. Diese hat das Gelände nun für fast das Fünffache an eine Investorengruppe um einen der Samwer-Brüder weiter verkauft. Gentrifizierung auf dem Vormarsch.

*

Musik gab es dann zur Eröffnung aber auch noch. Und die vor allem von starken Pop-Frauen, die bei diesem Festival erstmals mit einer Quote von 50 Prozent vertreten sind. Als eine der Auftragsarbeiten präsentierte die Berliner Sängerin Balbina ein Konzert in einer extra entworfenen Lichtinstallation, die das Weiß der Bühne und des Kostüms der Sängerin in immer neuen Farben erscheinen ließ. Ansonsten performte Balbina ihre philosophisch angehauchten, poetischen Popperlen gewohnt gefühlvoll aber auch recht routiniert vor vollem Kesselhaus.



Balbina bei der Pop-Kultur 2017 | Foto (C) Stefan Bock


Auch längst kein Geheimtipp mehr ist die US-amerikanischen R&B-Sängerin ABRA, die mit ihrer bombastischen Video-Light-Show den Auftritt von Balbina fast noch toppte. Wem das schon zu mainstreamig war, konnte bei gut abgehangenem Psychelic-Rock und Surf-Pop z.B. von Alex Cameron im Franzz-Club abhängen.

Urbanen Electro-Pop machen die beiden Briten Darkstar. Für ihre chillende Lounge-Musik hat der Regisseur Cieron Magat die passenden Musikvideos städtischer Sub- und Jungendkultur in hippem Schwarz-Weiß-Negativ gedreht. Um Subkultur ganz anderer Art ging es beim Videovortrag von Too Much Future von Schriftsteller und Galerist Henryk Gericke und Radiomoderator Ronald Galenza. Die beiden plauderten über den DDR-Punk der frühen 1980er Jahre, zeigten Fotos und spielten Songs von Bands wie Planlos, Schleimkeim, Zwitschermaschine oder Rosa Extra. Im Stile von Zwei-alte-Männer-erzählen-vom-Krieg gab es einige Anekdoten über die ostdeutschen Verweigerer der Einvernahme durch Einheitspartei und DDR-Staatsorgane. Und tatsächlich war Punk zu sein in der DDR nicht ganz ungefährlich. Viele gingen für ihre politischen Texte in den Knast wie Otze von der Erfurter Band Schleimkeim oder Jana Schloßer von der Ost-Berliner Band Namenlos.

Jana Schloßer kann man übrigens seit letztem Jahr im Theaterstück Atlas des Kommunismus im Maxim Gorki Theater sehen. Im selben Stück tritt auch der schwule Musiker und Performer Tucké Royal auf, der mit seiner Boiband ebenfalls auf dem Pop-Kulturfestival vertreten ist. Einen CD-Sampler zu den ostdeutschen Punk-Bands hat Henryk Gericke für die 2016 im Martin Gropius Bau gezeigte Schau Gegenstimmen zusammengestellt. So schließen sich für den interessierten Berliner Kulturgänger Kreise auf diesem Festival, das mit diesem kleinen Ausflug in die Vergangenheit, der mit der ostdeutschen Post-Punkbewegung vor der Wende noch fortgesetzt wird, an die Geschichte des Austragungsortes erinnert, der mit seiner Umgebung des alten Prenzlauer Berg eng verwoben ist.

Der Stein des BDS-Boykottanstoßes, die Sängerin Riff Cohnen, hatte übrigens dann am Eröffnungsabend noch im Palais der Kulturbrauerei einen viel umjubelten Auftritt und überzeugte das Publikum mit einem feurigen Mix aus orientalischen Sounds und frankophilem Powerpop.



Riff Cohnen bei der Pop-Kultur 2017 | Foto (C) Stefan Bock


Ein echtes Highlight, wie auch die hochgehandelte und bereits im letzten Jahr auf der Pop-Kultur vertretene französische Sängerin Fishbach, die zur späten Stunde im viel zu kleinen Maschinenhaus diesmal mit unterstützender Band auftrat. Französischer Elektro-Pop mit Gitarrenbegleitung und einer gut gelaunten Performerin, die auch noch lächelnd über „La morte“ singen kann und vom Publikum die deutschen Worte für Tod und Ende lernte. Am Ende ist die Pop-Kultur scheinbar noch nicht, auch wenn es in einer Gesprächsrunde heißen wird: „Pop-Kultur - brauchen wir das überhaupt?“ Die Antwort darauf lässt sich noch bis zum Freitag auf dem Festival ergründen.

Stefan Bock - 24. August 2017
ID 10211
Weitere Infos siehe auch: http://www.pop-kultur.berlin/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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