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Pop-Kultur | 31. 8. - 2. 9. 2016

Feiern im neuen Szenebezirk Neukölln



Bewertung:    



Die zweite Ausgabe des aus der ehemaligen Berlin Music Week entstandenen Festivals Pop-Kultur ist vom Techno-Tempel Berghain in Mitte in den zurzeit wohl angesagtesten Berliner Bezirk nach Neukölln weitergezogen. Eine wohl ganz folgerichtige Entscheidung, wie auch die erst ein Jahr im Amt befindliche Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey bei der Eröffnung bestätigte. Sie hat Heinz Buschkowsky, der Neukölln immer noch eher als sozialen Problembezirk angesehen hat, abgelöst und begrüßte das Publikum im Vollgutlager an der Rollbergstraße sichtlich und deutlich hörbar freudig erregt. Neukölln sei im Umbruch und hat eine bemerkenswerte Entwicklung im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft vollzogen. Ob das der Späti oder Dönerladen um die Ecke ebenso sieht, bleibt die Frage in Bezug auf die bevorstehende Stadtentwicklung im Kiez.

Für Berlins Bürgermeister Michael Müller, der sich bekanntlich im Wahlkampf befindet, ist Berlin eh Pop, und das sei wichtig. Ob der Streit um Burka und Burkini auch eine neue Art von Pop-Kultur-Diskurs darstellt, wird auf der Neuköllner Ausgabe des Musik-Festivals sicher nicht verhandelt. Auch dass sich die freie Kunst-Szene der Stadt mal wieder wegen mangelnder Unterstützung beklagt und sich mit der „Off-Kultur“ ein lokales Gegenfestival gegründet hat, wird hier mal eben ausgeblendet.

Nun ist die Pop-Kultur auch eher ein internationales und kein ausschließliches Berlin-Festival und schmeißt sich nur auf den lokalen Trend mit drauf. Dass sich urbane Wanderungsbewegungen von Künstlern und Kreativen von der gentrifizierten Mitte weg zu den Rändern Berlins vollziehen, liegt sicher auch nicht nur am Charme Neuköllns oder des Weddings, sondern an den noch bezahlbaren Mieten und reichlich vorhandenen Industriebrachen wie eben auch die der ehemaligen Kindl-Brauerei in der Rollbergstraße, in dessen Räume vor ein paar Jahren schon das SchwuZ aus Kreuzberg gezogen ist und im benachbarten Vollgutlager nun das Hauptquartier der Pop-Kultur 2016 steht.

Berlin ruft Pop-Kultur, und alle sind sie da. Es gibt Sekt und die Eröffnung einer kleinen Ausstellung mit dem Titel For Those About To Rock. Es werden Artefakte aus der Sammlung des Londoner Art Directors für das i-D Magazin und Grafikdesigners für die Plattencover der Pet Shop Boys oder Morrissey Scott King gezeigt, die dieser während seiner langjährigen Pop-Begeisterung und den vielen Begegnungen mit heute legendären Musikern zusammengetragen hat. Schon 2014 hatte er mit seiner Laptop Late-Night Fantasy The Festival of Stuff einen Auftritt bei den FOREIGN AFFAIRS. Nun erklärt er in dem Film Kurts Lighter, wie scheinbar Banales zur Pop-Insignie wird und was an den gesammelten Pop-Devotionalien wie dem Feuerzeug von Kurt Cobain, den Unterhosen von Peter Tosh oder etwa dem Klopapier aus den New Yorker Electric Lady Studios so wichtig für uns ist.



Das Feuerzeug von Kurt Cobain | Foto (C) Annett Bonkowski


Hier haben sich sicher auch der designierte Volksbühnenintendant Chris Dercon, der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner (ein Altbekannter in der kommerziellen Pop-Musikszene) und der von den FOREIGN AFFAIRS zum Athens & Epidauros Festival nach Griechenland gewechselte Matthias von Hartz ein paar kreative Anregungen holen können.

*

Natürlich gibt es neben Filmen und Gesprächen auch reichlich Musik bei der Pop-Kultur 2016. Im Konzert der deutschen Pop-Verheißung mit Namen Roosevelt in Huxley’s Neuer Welt unweit des Hermannplatzes war dann auch gleich verstärkter Hipster-Alarm zu vermelden. Nicht nur der Bart, auch der aus sicher garantiertem Öko-Anbau stammende Baumwollbeutel hat sich auf Pop-Konzerten eindeutig durchgesetzt. Musikalisch sind die Kölner Roosevelt, die nun einen Vertrag beim Berliner Label City Slang bekommen haben, sicher eine beim anwesenden Publikum gut ankommende Disco-Pop-Band. Sie legten einen lockeren Sound zwischen poppigem Wave der Pet Shop Boys und Discoklassikern wie "Teardrops" von Womack & Womack auf den Neuköllner Dancefloor, der immer noch so schön schwingt wie früher und auch schon ein paar bedeutendere Popgrößen gesehen hat.

Schon etwas größer im Popgeschäft ist das nachfolgende Berliner Techno-Projekt Brandt Brauer Frick. Die drei Namengeber der Band spielen seit 2008 in wechselnder Besetzung mit anderen Musikern und sampeln dabei die eingesetzte klassische Instrumentierung. Für ihre neue Platte und den Auftritt bei der Pop-Kultur haben sie ihren Elektro-Sound mit einem Sänger und Backgroundchor aufgepeppt. Sehr düster britische Wave-Klänge wechseln sich hier mit einem eingängig treibenden Techno-Beat ab, was durchaus auch für ein breiteres Publikum goutierbar ist. Wirklich experimentell und ungewöhnlich neu wie noch "You Make Me Real" ist das allerdings nicht mehr.

Nach den Eröffnungskonzerten ging’s dann auf die Partymeile entlang der Neuköllner Verkehrsader Karl-Mary-Straße. Neben dem Heimathafen Neukölln, dem Prachtwerk und dem Punk-Club Keller ist hier vor allem der alternative Schwulen-Club SchwuZ gut frequentiert. Hier treten an drei Tagen auf den Floors Kathedrale, Salon und Bunker eine Menge interessanter Bands und DJ-Sets von 22 Uhr bis spät in die Nacht auf. Am Mittwochabend standen neben der Hamburger Post-Punkband Trümmer und dem nicht nur musikalisch unglaublich vielseitigen US-amerikanischen Rockmusikers Ezra Furman vor allem die hochgelobten U.S. Girls im Mittelpunkt.



Ezra Furman | Foto (C) Roland Owsnitzki


U.S. Girls | Foto (C) Roland Owsnitzki


Die Show der in Toronto lebenden Musikerin Meg Remy, begleite von einer weiteren Sängerin und einem Cowboy mit E-Gitarre, der immer mal wieder unter der Nebenbühne zum Einsatz hervorsprang, kann man getrost als ziemlich abgefahrene Performance bezeichnen. Remy sampelt sich als „Einfrau-Loop-Maschine“ vom Rock über Rap bis zum Punk durch die gesamte amerikanische Musikgeschichte. Dabei werden ständig die Kostüme wie die Musikstile gewechselt, und nebenbei gibt’s noch ein paar feministische Texte gegen das Patriarchat in der US-amerikanischen Familie. Solche kleinen Pop-Blüten wie auch den Berliner Elektro-Punker Schwund, der so frisch auf seinem Synthesizer drischt und deutsches Liedgut zum Besten gibt, als hätte es Ideal und die Neue Deutsche Welle nie gegeben, wünscht man sich öfter auf der Pop-Kultur. In diesem Sinne: We Salute You. Fire!

Stefan Bock - 1. September 2016
ID 9513
Weitere Infos siehe auch: http://www.pop-kultur.berlin/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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