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Uraufführung in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz


Diskurs-Pop-Oper

VON EINEM DER AUSZOG, WEIL ER SICH DIE MIETE NICHT MEHR LEISTEN KONNTE

von René Pollesch / Dirk von Lowtzow

Bewertung:    



Die Volksbühne goes Oper. Das ist eigentlich keine bahnbrechende Neuigkeit. Musik an sich gehörte schon immer zu den stilbildenden Merkmalen der Volksbühne unter Frank Castorf. Und nicht erst seit der Hausherr - wie vor ihm schon Christoph Schlingensief - mit Wagneropern in Bayreuth reüssierte. Christoph Marthaler, Johan Kresnik, Sebastian Baumgarten, David Marton oder (seit einiger Zeit) auch Spaßkanone Herbert Fritsch, der gar eine Oper Ohne Titel Nr.1 kreierte, machen seit jeher viel in und mit Musik. Der Orchestergraben in der Volksbühne war aber lange nicht mehr so hochkarätig besetzt wie bei der ersten Zusammenarbeit von Diskurstexter René Pollesch und Diskursrocker Dirk von Lowtzow, besser bekannt als Sänger und Gitarrist der Hamburger Band Tocotronic.

Lang zurück liegt schon der Wunsch der beiden Künstler mal etwas miteinander zu machen. Das war in der glorreichen Zeit, als René Pollesch noch den kultigen Prater in der Kastanienallee bespielte, in seinem Stück Stadt als Beute einen Song von Tocotronic benutzte und Dirk von Lowtzow zum Fan bekam. Und länger als ihre Bekanntschaft ist nur noch der Titel ihrer nun als Oper angekündigten gemeinsamen Produktion Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte und die Besetzungsliste mit dem Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl, dem Rundfunk-Kinderchor Berlin, den Pollesch-erprobten Schauspielern Franz Beil, Lilith Stangenberg, Martin Wuttke samt Souffleuse Tina Pfurr und dem Bariton Martin Gerke.

Bisher benutzte René Pollesch Pop-, Rock- oder sogar Countrymusik vom Band, um sein textlastiges Diskurstheater aufzulockern. In etwa so was hat er sich nun auch bei Dirk von Lowtzow bestellt, der dann auch ein paar nette Popsongs geschrieben hat, die Thomas Meadowcroft fürs große Orchester arrangierte. Vom Sprechstück zur Oper kommt man laut von Lowtzow und Pollesch einfach durch das Verschieben und Vertauschen der Parameter. Letztendlich sind die typischen Koordinaten, von denen die Beiden ursprünglich kommen, aber weitestgehend gleich geblieben. Man hat sich, wie Lowtzow im Vorfeld der Süddeutschen Zeitung verriet, beim Schreiben in Ruhe gelassen. Worum es im Stück geht, konnte der Musiker dann auch bis zur Premiere nicht sagen. Vielleicht hat man sich dabei auch ein wenig aneinander vorbeibewegt. Der Genrehybrid wirkt zur Oper doch etwas merkwürdig disparat.

Man konnte von Pollesch wohl auch kein klassisches Libretto erwarten, obwohl er die Jens-Joneleit-Oper Metanoia schon mal mit Nietzschetexten „beballert“ hatte... Nach einer großen Ouvertüre mit Hörnern, Trommeln und melodiösen Streichern beginnen dann auch Franz Beil, Lilith Stangenberg und Martin Wuttke auf offener Bühne, die durch den bereits bewährten Glitzervorhang von Bert Neumann umkränzt ist, mit den typischen, philosophisch durchwobenen Diskursschleifen und Kalauern á la Pollesch. Und es geht dabei eben nicht ums Berliner Dauerthema Gentrifizierung, wie im Titel zu vermuten war, weswegen dann wohl auch kein Miethai, sondern ein großer hölzerner Killerwal vom Schnürboden hängt. Es geht (wie schon in den letzten Pollesch-Stücken) um Realität, Illusion, Objekt, Subjekt und das große Begehren. Psychoanalytiker Jacques Lacan und der große Philosoph der Postmoderne Slavoj Žižek standen dabei wieder mal Pate.

Die Dreiergruppe im Glamouroutfit schlüpft in die Rollen aus Alfred Hitchcocks schwarzer Krimikomödie Immer Ärger mit Harry und diskutiert sich um eine große Pfütze stehenden von abgelegten Liebschaften über Selbstwahrnehmungsstörungen bis in die Psychose. Martin Wuttke kommt es so vor, „als würde Musik tote Gegenstände sprechen lassen“, während Lilith Stangenberg an einem riesigen Realitätsverlust leidet. Ich ist mal wieder ein Anderer. Liebe und Gefühle sind nur Projektionen und Konstruktionen unserer Wahrnehmung. Dazu plantscht man im Wasser oder steigt zur Innen- Außendarstellung in den Bauch des Orcas. Dort schwebt dann alles im auf dem Kopf stehenden Video wie in einem Raumschiff. Und zwischen den Gesprächsrunden singen Stangenberg und Wuttke von Lowtzows Popperlen wie etwa: „Ich hafte an dir, wie eine Zecke an einem Tier“ und „Wir haben nie gelebt, doch sind wir miteinander verklebt.“

René Pollesch verschränkt seinen leicht redundanten Subjekt-Objekt-Diskurs um Lacans und Žižeks Realitäts- und Phantasmatheorien zusätzlich noch mit Thesen aus den Gender- und Technologie-Essays der Naturwissenschaftshistorikerin und Biologin Donna Jeanne Haraway. Der Mensch verwischt im Zeitalter der Gen- und Computertechnologien immer mehr die Grenze zwischen sich, Tier und Maschine. So spielt man auch hier ein wenig Genesis, spricht von Amöben, der gemeinen Geburtshelferkröte, die sich ihren Laich wie ein Gefühl um die Hüften legt, und träumt sich in einen unschuldigen, vorevolutionären Zustand. Eine unbefleckte Wiedergeburt des instinktiven Urbewusstseins. Der wuselige Rundfunk-Kinderchor will die Welt und tanzt ein zellulares Netzwerk mit aufreißender Außenmembran. Im Amphibienkostüm wühlt sich Martin Wuttke schließlich durch glitschigen Urschleim, bevor der Bariton zum finalen „Ihr habt keine Macht über mich.“ ansetzt.

„Ich würde gerne meine Erregungsmengen zu einer befriedigenden Abfuhr bringen“, sagt Wuttke irgendwann. Das ist wie immer bei René Pollesch so einfach nicht zu haben. Dafür ist dann ganz Oberflächeneffekt das Poparrangement des von Lowtzow'schen Songwriting zuständig. Was hier ganz kompetent vom dafür zuständigen Filmorchester Babelsberg besorgt wird, das schon ganz andere Sounds bombastisch weichgespült bekommen hat. Wäre da nicht die zauberhafte „Alraune“ Lilith Stangenberg, die sich souverän nölig durch Stück- und Liedtexte ackert und nebenbei den armefuchtelnden Franz Beil wie auch den Großmimen Martin Wuttke an die Wand spielt. „Moder, Moder, Moder. Deine Liebe zieht mich aus dem Moder...“ Auch wenn der andere für uns gestorben ist, das zumindest ist unsterblich schön.
Stefan Bock - 14. März 2015
ID 8500
VON EINEM DER AUSZOG, WEIL ER SICH DIE MIETE NICHT MEHR LEISTEN KONNTE (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 12.03.2015)
Text und Regie: René Pollesch
Songtexte und Komposition: Dirk von Lowtzow
Arrangements und Orchestrierung: Thomas Meadowcroft
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Lothar Baumgarte
Ton: Christopher von Nathusius und William Minke
Video: Jens Crull
Soufflage: Tina Pfurr
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Franz Beil, Lilith Stangenberg, Martin Wuttke, Martin Gerke (Bariton), Tina Pfurr (Soufflage), Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl und dem Rundfunk-Kinderchor Berlin am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium
Uraufführung war am 12. März 2015
Weitere Termine: 14., 22., 31.3. / 9., 14. 23.4. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


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