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Schreiben gegen den Weltuntergang 2012 (Wettbewerbsbeitrag)


WELTUNTERGANG OHNE MICH


von Joël Krapf



Das Blatt ist leer. Weiß. Öde. Hie und da schimmern die Worte „es war einmal“ auf dem weißen Untergrund auf, um aber ebenso schnell, wie sie gekommen sind, wieder zu verschwinden. Ich starre auf dieses ermüdende Schauspiel und bin verzweifelt. Draußen wird die rötliche Morgensonne immer greller, und abgesehen von der bereits etwas abgenutzten Anfangsstelle – sofern ein digitales Papier abgenutzt werden kann – sehe ich weiß. Nur Weiß. Weißes Papier. Weißes Pult. Weißes Papier. Weiße Wand. Weißes Papier. Undsoweiter.

„Es war einmal“, beginne und beende ich wieder. Und das Blatt bleibt leer. Noch bevor die Sonne überhaupt daran dachte, aufzugehen, war ich wach. Denke ich. Noch bevor sie sich auf den Weg an den Horizont machte, um aufzugehen, war ich an meinem Schreibtisch und tippte müde aber euphorisch die Worte „es war einmal“. Denke ich. Und nun steht die Sonne senkrecht über der Welt, brennt voller Energie, noch bevor ich mehr als die Worte „es war einmal“ aufs Papier gebracht habe, und lacht mich aus. Zuerst nur subtil, doch offensichtlich genug, dass ich ihre flackernden Sonnenstrahlen durch das Fenster wahrnehme. Dann heftiger, so dass ich die Jalousien schließen muss, um auf meinem Bildschirm etwas zu sehen – auch wenn es nur das Weiß einer leeren Seite ist. Und wenige Stunden später ist das Lachen der Sonne derart inbrünstig, dass ihr pulsierender Körper doppelt so groß scheint wie gewöhnlich. Die Jalousien nützen nichts mehr, und die von der regenfreien Woche ausgetrockneten Bäume fangen in regelmäßigen Abständen Feuer – etwa in denselben Abständen, wie ich „es war einmal“ aufs digitale Papier bringe und mit einem Klick wieder lösche.

00:00 Uhr, und noch immer brennt die Sonne, noch immer lacht sie mit pulsierender Inbrunst. Da die umliegenden Bäume bereits alle verbrannt sind, müssen nun die Passanten als Kerzenkörper dienen. Mit brennenden Haaren schreien die Leute auf der Straße wild durcheinander und versuchen erfolglos, mich von meiner Schreibblockade abzulenken. Aber erst eine Explosion und der darauf folgende Stromausfall schreckt mich auf. Auf der anderen Seite meines Fensters sehe ich, wie ein paar Menschen durch den Himmel fliegen – gut erkennbar dank den brennenden Haaren – , und wie die Sonne nun den ganzen Horizont verdeckt. Mir soll’s recht sein, so brauche ich nicht in der Dunkelheit nach einer Kerze zu suchen. Doch der Computer ist hoffnungslos abgestürzt. Mitsamt meinen bisherigen literarischen Ergüssen. Ich greife in meiner Schublade nach einem Stück papierenen Weiß und mache mich mit Bleistift an das, was mich schon den ganzen Tag fesselt: den Anfang meiner Geschichte. Ich erinnere mich düster an das bereits Geschriebene und bringe die ersten Worte zu Papier: „Es war einmal.“ Mehr fällt mir nicht ein.

Was war einmal? Oder wer? Und warum? Und ist es immer noch? Ich überlege und bin mir sicher, die Antwort darauf heute schon einmal gefunden zu haben; da folgt eine zweite, bedeutend lautere Explosion. Gedärme spritzen an mein Fenster, und auf der Straße vor meinem Haus öffnet sich der Beton und zeigt ein rot funkelndes Feuerspiel. Brennende Menschen schreien um Hilfe, und einige werden von zerbröckelnden Häusern rettend begraben. Der Mond versucht schüchtern seinen Turnus einzuhalten, wird dabei aber rücksichtlos von der Sonne verschluckt. Und ich finde – trotz der zunehmenden Helle – mein Weinglas nicht mehr. Mit einer defekten Taschenlampe ausgerüstet, suche ich unter meinem Pult und stelle mit Schrecken fest, dass die zweite Explosion tatsächlich mein Weinglas vom Pult gestürzt und so meinen Teppich ruiniert hat – nicht zu reden vom teuren Schluck Wein. Wütend öffne ich eine neue Flasche und gönne mir eine kurze Pause – ganz im Dienste meiner Kreativität.

Während ich so am Fenster stehend an meiner Weinflasche nuckle, kämpfen die restlichen Überlebenden dagegen an, nicht von dem aus dem Boden schießenden Feuer getroffen oder von der sich öffnenden Erdoberfläche verschluckt zu werden.

Ein lauter Knall weckt mich aus meinen Gedanken, und ich begebe mich zurück an meinen Schreibtisch. Dort radiere ich die auf dem Papier bereits geschriebenen Worte aus und beginne von neuem: „Es war einmal.“ Doch mehr fällt mir auch bei diesem Anlauf nicht ein. Langsam werde ich ungeduldig, nervös und unkonzentriert. Immer öfter lasse ich mich vom Spektakel vor meinem Fenster ablenken. Mit eiserner Disziplin gelingt es mir, noch drei, vier Mal über den Anfang meiner Geschichte nachzudenken, doch weiter als „es war einmal“ schaffe ich es nie. Vielleicht sollte ich meinen Blickwinkel radikal ändern, fällt es mir ein, als ich aus dem Fenster sinnierend staune, wie die Sonne in einem hohen Bogen auf die Erde stürzt und mit einer lauten und grellen Explosion in sich zusammenfällt und alles in der Umgebung in die Tiefe reißt – nur meine Ideenlosigkeit scheint standhaft an mir zu kleben. Zurück zum Wechsel meines Blickwinkels, der mir helfen soll, die schwierige Anfangshürde zu bewältigen und in einen freudigen Schreibfluss zu kommen – denke ich und stelle mich auf den Kopf. Mit den Beinen in der Luft versuche ich krampfhaft das Gleichgewicht zu halten und reflektiere mögliche Anfänge. „Es war einmal“ ist es also nicht. Was wäre eine Alternative? Ist es vielleicht auch von Bedeutung, wohin die Geschichte führen soll? Wo und wie sie endet?

Und während ich im Kopfstand über den Anfang meiner Geschichte sinniere, scheint die Erde bald Geschichte zu sein. Das tiefe Loch, das die gefallene Sonne in die Erde gerissen hat, vergrößert sich kontinuierlich und verschlingt die Umgebung ohne Mühe. Bald ist alles Irdische verschluckt und große und kleine Sterne folgen. Hie und Da zischt synchron zu meiner Idee, meine Geschichte doch mit „es war einmal“ zu beginnen, eine fremde Galaxie an meinem Fenster vorbei und verschwindet im selben schwarzen Loch, wie das Geröll zuvor. Hoffnungslos begebe ich mich zurück an mein weißes Blatt und denke. Noch bevor ich meinen Anfang habe, hat die Welt ihr Ende. Denke ich. Und so beende ich, ohne je angefangen zu haben, meine Geschichte mit „es war einmal“.



(C) Joël Krapf






Die 12 besten aller eingereichten Wettbewerbsbeiträge (alphabetische Reihenfolge):

Beckmann, Max - Ideen gegen den Untergang/Szenario 17b
Büschgens, Andrea - Zeitenwende
Friedrich, Silvia - Faschingsdienstag 2012
Kornberger, Ruth - Yoginis
Krapf, Joël - Weltuntergang ohne mich
Messerschmidt, Nadine - Weltpremiere
Oppermann, Swantje - Piet
Peter, M. - Bekenntnis eines Irren
Politgurke - Der Weltuntergang ist teilweise vorläufig (Finanzamt Köln-Ost)
Scharley, Melanie - Einfach vergessen
Siegenthaler, Brigitte - Die Botschaft
Wieland, Kai - Flight 19









HOTSQUAT CALENDAR 2012 / Dezember, Weltuntergang / La fin du monde - Foto (C) Antal Thoma


Kurzgeschichtenwettbewerb - 21. Dezember 2012
ID 6454
HOTSQUAT CALENDAR 2012

HERAUSGEBERIN / EDITEUR: HotSquat Collectif / Wydenauweg 40 / 2503 BielBienne / http://www.hotsquat.ch / calendar@hotsquat.ch / PC 12-172563-8
ALLE FOTOGRAFIEN BY: by Antal Thoma / http://www.antalthoma.ch
CONCEPT ET REGIE: HotSquat Collectif et les lieux accueillants / und die Gastorte
GRAPHIK: Johan Katz / http://www.mkkm.name
EDITION: 1500 ex.
PRIX: 30.-
http://www.hotsquat.ch

Die Leute vom HOTSQUAT CALENDAR 2012 machen je 1 Exemplar ihres Kalenders den Autoren der 12 besten aller eingereichten Wettbewerbsbeiträge zum Geschenk.

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Weitere Infos siehe auch: http://www.kultura-extra.de/literatur/literatur/weltuntergang.php


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