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Schreiben gegen den Weltuntergang 2012 (Wettbewerbsbeitrag)


EINFACH VERGESSEN


von Melanie Scharley




„Was sagen Sie zu dem Thema, Herr Meier-Koschnitz? Was erwartet uns im Jahr 2012?“

„Nun ja, wie wir alle wissen, wird die Welt untergehen.“ Er lachte nervös. „Und zwar genau am 22. Dezember.“

Kiki atmete erschrocken ein. Sie grabschte nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Dann drückte sie sich hilfesuchend an ihren großen weißen Teddy auf ihrem Schoß, der ihr immer zur Seite stand und sich all ihre Sorgen und Probleme durch das große Plüschohr anhörte.

„Hast du das gehört, Bruno“, flüsterte sie, „die Welt geht unter. Und das noch vor Weihnachten.“

Eigentlich hatte sie nur den Pumuckl anschauen wollen, während ihre Mutter im Keller die Wäsche aufhing. Sie hatte ihr gesagt, sie solle einfach noch die fünf Minuten warten, bis die Sendung anfing und so lange die erwachsenen Männer mit den Anzügen reden lassen. Und jetzt das... Sie hatte jetzt keine Zeit mehr, den Pumuckl zu sehen. Sie nahm Bruno und ging in ihr Zimmer, wo sie den Bären aufs Bett setzte. Dann legte sich Kiki auf den Teppichboden und holte ihr kleines kariertes Köfferchen hervor, das sie immer benutzte, wenn sie ein Wochenende oder die Ferien bei Oma und Opa verbrachte. Vorsichtig legte sie verschiedene ihrer Lieblingssachen hinein. Zuerst einige Kleidungsstücke, denn das hatte Mama ihr beigebracht: Es war besser, wenn man immer was Frisches zum Anziehen dabei hatte – egal, wo man war. Dann bettete sie ihre Schneekugel mit Spieluhr, ihre einzige Kette und ihre Puppe darauf. Das Puppenhaus war zu groß und musste wohl hier bleiben. Dann schloss sie das Köfferchen, nahm Bruno wieder an sich und überlegte. Was sollte sie jetzt tun? Wenn die ganze Welt unterging, nutzte es ja nichts, zu Oma und Opa zu fahren.

„Kiki, was machst du denn da? Ich dachte, du wolltest den Pumuckl sehen.“ Ihre Mutter kam ins Zimmer. Sie stutzte. „Was hast du denn mit dem Koffer vor?“ Sie setzte sich neben ihre Tochter auf den Boden.

„Die Welt geht unter“, teilte sie ihr mit, während sie an Brunos Ohr herumspielte.

„Was? So ein Unsinn. Wo hast du das denn gehört?“

„Das hat der Mann im Fernsehen gesagt.“

„Ach, das stimmt doch gar nicht. Weißt du, manchmal sind auch ganz komische Leute im Fernsehen, die unsinnige Sachen sagen. Du darfst nicht alles glauben, was die sagen. Es geht immer etwas zu Ende. Jedes Jahr hat ein Ende, aber dann gibt es einen neuen Kalender, und schon fängt etwas ganz Neues an. So, und jetzt noch was anderes: Das Christkind hat mir erzählt, dass du noch gar keinen Wunschzettel für Weihnachten gemacht hast. Soll ich dir dabei helfen?“

Kiki schüttelte den Kopf. „Die Welt geht am 22. Dezember unter. Ich wünsche mir nichts zu Weihnachten“, sagte die Kleine mit gesenktem Blick.

„Aber natürlich feiern wir Weihnachten. Du wirst sehen, nichts wird passieren.“

Kiki begann zu weinen.

„Na komm her“, sagte ihre Mutter sanft und nahm sie in die Arme.


*



Die Tage vergingen, und Kiki musste immer wieder an den Mann aus dem Fernsehen denken und an das, was er gesagt hatte. Deshalb hatte sie sich wirklich nichts zu Weihnachten gewünscht. Eines Tages nahm sie ihr Vater mit auf den Weihnachtsmarkt, wo sich immer so viele Menschen um die Buden drängten. Kiki bekam große Augen, als sie all die glitzernden Lichter sah. Und dieser köstliche Duft. Da war es schon gar nicht mehr so schlimm, dass sie Bruno im Auto lassen musste. Ihr Vater nahm sie auf die Schultern, und so konnte sie besser sehen als alle anderen. Nur bei dem Stand mit dem Puppenhauszubehör wollte sie unbedingt selber stehen und sich all die tollen winzigen Dinge anschauen.

„Du darfst dir ein Teil aussuchen“, sagte ihr Papa, und sie strahlte.

Nach reiflicher Überlegung entschied sie sich für ein kleines Hündchen mit Körbchen.

Abends war Kiki so müde, dass sie sofort mit Bruno im Arm einschlief. Am nächsten Morgen bemerkte sie, wie ihr Vater den Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer holte und in den Ständer stellte – und das tat er immer einen Tag vor Weihnachten. Die Welt war also doch nicht untergegangen, so ein Glück. Ihr Herz klopfte vor Freude, und sie tanzte durch die Wohnung. Doch plötzlich blieb sie stehen.

„Mama“, schrie sie von Panik erfüllt.

„Um Himmels Willen, was ist passiert?“ fragte ihre Mutter, die zu ihr gestürmt kam.

„Ich möchte doch ein Weihnachtsgeschenk.“



(C) Melanie Scharley







Die 12 besten aller eingereichten Wettbewerbsbeiträge (alphabetische Reihenfolge):

Beckmann, Max - Ideen gegen den Untergang/Szenario 17b
Büschgens, Andrea - Zeitenwende
Friedrich, Silvia - Faschingsdienstag 2012
Kornberger, Ruth - Yoginis
Krapf, Joël - Weltuntergang ohne mich
Messerschmidt, Nadine - Weltpremiere
Oppermann, Swantje - Piet
Peter, M. - Bekenntnis eines Irren
Politgurke - Der Weltuntergang ist teilweise vorläufig (Finanzamt Köln-Ost)
Scharley, Melanie - Einfach vergessen
Siegenthaler, Brigitte - Die Botschaft
Wieland, Kai - Flight 19










HOTSQUAT CALENDAR 2012 / Mai, Le premier bains de Louis XIV / Das erste Bad des Louis XIV - Foto (C) Antal Thoma


Kurzgeschichtenwettbewerb - 21. Mai 2012
ID 00000005959
HOTSQUAT CALENDAR 2012

HERAUSGEBERIN / EDITEUR: HotSquat Collectif / Wydenauweg 40 / 2503 BielBienne / http://www.hotsquat.ch / calendar@hotsquat.ch / PC 12-172563-8
ALLE FOTOGRAFIEN BY: by Antal Thoma / http://www.antalthoma.ch
CONCEPT ET REGIE: HotSquat Collectif et les lieux accueillants / und die Gastorte
GRAPHIK: Johan Katz / http://www.mkkm.name
EDITION: 1500 ex.
PRIX: 30.-
http://www.hotsquat.ch

Die Leute vom HOTSQUAT CALENDAR 2012 machen je 1 Exemplar ihres Kalenders den Autoren der 12 besten aller eingereichten Wettbewerbsbeiträge zum Geschenk.

KULTURA-EXTRA bedankt sich für das Sponsoring!


Weitere Infos siehe auch: http://www.kultura-extra.de/literatur/literatur/weltuntergang.php


Zur Auswertung des Kurzgeschichtenwettbewerbs

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