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Schreiben gegen den Weltuntergang 2012 (Wettbewerbsbeitrag)


ZEITENWENDE


von Andrea Büschgens



Langsam und bedächtig stieg er aus dem Zug. Er hatte keine Eile. Es machte ihm nichts aus geduldig zu warten, bis dass die alte Dame vor ihm ihre drei Koffer aus dem Zug gehoben und mühsam an die Seite geschoben hatte, um den anderen Fahrgästen den Weg frei zu machen. Suchend schaute er sich um. Er war zum ersten Mal in dieser Stadt. Sie war ihm zu groß, das sah er sofort. Der Bahnhof wirkte schmutzig, die Abfallbehälter quollen über vor Speiseresten und Getränkepappbechern. Coffee to go, wie er den hasste. Für nichts nahm sich die Menschheit mehr Zeit, alles wurde nur noch im Vorübergehen erledigt. Nichts mehr für ihn. Er hängte sich seine Reisetasche über die Schulter und ging Richtung Ausgang. Ein Mann rempelte ihn unsanft auf der Treppe an, danach rammte sich ihm ein Regenschirm in die Seite. Hektik, Albtraum, meine Hüfte, schon wieder dieser verdammte Schmerz. Ich will weg hier. Aber nein, das ging jetzt nicht. Er musste jetzt hier durch. Mehr unfreiwillig geschoben als selbst gelaufen reihte er sich in den Menschenstrom Richtung Bahnhofsvorplatz ein. Hier hastete offensichtlich die ganze Stadt gemeinsam in den Feierabend. Mühsam kämpfte er sich bis zum Stadtplan vor. Beschmiert und besprüht waren die Glasscheiben, die den Plan vor Verschmutzung schützen sollten. „Was guckste denn so“, machte ihn jemand von der Seite an. „Hier gibt’s nix mehr drauf zu sehen.“ „Das ist hier immer so mit den Plänen“, grinste ihn ein junges Mädel frech an und zog ihr Smartphone raus. „Da musste halt im Internet gucken. So macht man das heutzutage.“ Aber er hatte keines, weder zuhause noch jetzt hier. Und wieder schaute er sich verloren und suchend um. Schließlich entschloss er sich, eine ältere Dame anzusprechen, die ein Stück weiter auf den Bus zu warten schien. „Können Sie mir vielleicht erklären, wie ich zur …, ach, einen Moment bitte.“ Er zog umständlich einen zerknitterten Briefumschlag aus seiner Manteltasche. Die Tinte darauf war schon völlig zerlaufen. Wie oft mochte er ihn wohl in der Hand gehabt haben? Mit zitternden Händen entnahm er dem Umschlag ein Blatt Papier, faltete es vorsichtig auseinander und fuhr dann fort. „Ach ja, hier steht's. Zur Kolvenbachstraße möchte ich, zur Kolvenbachstraße 25.“ „Die ist nicht weit von hier“, antwortete ihm die ältere Dame freundlich, „dort können Sie in ein paar Minuten zu Fuß hingehen. Einfach nur die Straße herunter bis zur nächsten Kreuzung. Dahinter biegen Sie rechts ab. Die nächste Straße links ist dann die Kolvenbachstraße.“ Er bedankte sich für die freundliche Auskunft. Es gab also doch nette Menschen hier in der Großstadt. Dann stopfte er den Brief zurück in seine Manteltasche, nahm seine Reisetasche und ging in Richtung der Kreuzung. Seine Schritte waren schleppend. Mühselig setzte er einen Fuß vor den anderen. Er merkte, wie er schwitzte. Warm und drückend feucht war es hier. Wie damals. Oder waren es nur seine Gedanken, die ihm das Wasser aus dem Körper trieben? Die Gedanken an die Hitze, die ihn damals das Leben hatte richtig spüren lassen. Nein, das war etwas anderes gewesen. Das hatte nichts mehr mit seinem jetzigen Leben zu tun. Das war lange vorbei. War es das wirklich? Er umklammerte den Brief in seiner Tasche. Der letzte Rest der Tinte zerfloss und färbte seine Finger blau. Schmierig fühlte sich das alles an. Warum hatte sie ihm überhaupt geschrieben? Und wie seine Adresse herausbekommen? Internet, Internet, Internet hallte es in seinem Kopf. Wahrscheinlich. Konnte man seine Adresse dort auch finden? Was gab es sonst noch über ihn preis? Seine Einsamkeit? Er wusste es nicht. Es interessierte ihn auch gar nicht. Sein Hof, seine Tiere, das war ihm seit Jahren genug. Früher, ja, da …. Halt, Stopp, hier ist ja schon die Kreuzung. Dann rechts abbiegen, hatte ihm die alte Dame gesagt. Geduldig wartete er ab, bis die Ampel endlich auf grün schaltete. Komisch ist das hier in der Stadt. An jeder Ecke muss man stehenbleiben und abwarten. Auf der Straße kommt man im Dorf viel zügiger voran. Aber die Städter brauchen ja auch mal eine Auszeit, dachte er dann bei sich, als er die Straße endlich überquert hatte. Da vorne war ja schon das Schild zur Kolvenbachstraße, so schnell. In diesem Moment schnürte es ihm die Kehle zu. In seinem Kopf begann sich alles zu drehen, ihm wurde leicht übel. Seine Beine waren schwer wie Blei. Die Sohlen lösten sich kaum noch vom Boden. Er fühlte sich wie ein Verirrter in der Wüste, der mit letzter Kraft einen Fuß vor den anderen setzt, um ein Wasserloch zu erreichen. Nur eine Fata Morgana? Nein, das hier war das richtige Leben. Aber er hielt durch. Schritt für Schritt näherte er sich der Nummer 25. Claudia und Rebecca Bergmann stand auf dem Klingelschild. Und Willkommen. Er wollte sich am liebsten sofort wieder herumdrehen. Claudia, ja, sie war es, die ihm geschrieben hatte. Rebecca kannte er nicht. „Claudia, Claudia, Claudia“, hallte es immer wieder in seinem Kopf. Ein Name, mehr nicht. Jetzt nicht mehr. Als er, bevor er sein Studium geschmissen hatte, nächtelang durch die Diskotheken der Stadt gezogen war, war er oft morgens oder eher mittags bei ihr aufgewacht. Oder sie bei ihm. Irgendwann hatte sie ihm den Laufpass gegeben. Er hätte sie gelangweilt mit seinen Dorfgeschichten. Da kam er aber nun mal her. Nach Abbruch des Studiums ging er dorthin zurück. Es war alles kein Weltuntergang für ihn gewesen, oder doch? Von ihr hatte er nie wieder etwas gehört. Und dann war der Brief gekommen. Was hatte das alles zu bedeuten? Wie in Trance betätigte er die Klingel. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis dass die Tür sich öffnete. Die junge Frau, die vor ihm stand, kannte er nicht. Dann musste das wohl Rebecca sein. Sie musterte ihn neugierig von oben bis unten. Hübsch war sie, das stellte er auf den ersten Blick fest. Sie streckte ihm zur Begrüßung die Hand entgegen. Das löste eine weitere Hitzewelle bei ihm aus. Er war wie versteinert, sein Mund wie ausgedörrt. „Guten Tag“, stammelte er mühselig. „Claudia hat mir geschrieben und mich gebeten, hierher zu kommen, aber...“ Weiter kam er nicht. Rebecca unterbrach ihn sanft. „Ja, meine Mutter ist sehr abergläubisch. Nach diesen Maya-Geschichten, die überall kursieren, ist sie fest überzeugt, dass die Welt in diesem Jahr untergeht. Und da wollte sie mir noch ermöglichen, meinen Vater….“ Bis hierhin hatte er jedes Wort aus ihrem Mund ängstlich verfolgt. Aber das letzte Wort löste den Schock aus. Vor seinen Augen wurde alles schwarz. Er fiel in Ohnmacht.



(C) Andrea Büschgens







Die 12 besten aller eingereichten Wettbewerbsbeiträge (alphabetische Reihenfolge):

Beckmann, Max - Ideen gegen den Untergang/Szenario 17b
Büschgens, Andrea - Zeitenwende
Friedrich, Silvia - Faschingsdienstag 2012
Kornberger, Ruth - Yoginis
Krapf, Joël - Weltuntergang ohne mich
Messerschmidt, Nadine - Weltpremiere
Oppermann, Swantje - Piet
Peter, M. - Bekenntnis eines Irren
Politgurke - Der Weltuntergang ist teilweise vorläufig (Finanzamt Köln-Ost)
Scharley, Melanie - Einfach vergessen
Siegenthaler, Brigitte - Die Botschaft
Wieland, Kai - Flight 19








HOTSQUAT CALENDAR 2012 / November, Woodstock - Foto (C) Antal Thoma


Kurzgeschichtenwettbewerb - 21. November 2012
ID 00000006379
HOTSQUAT CALENDAR 2012

HERAUSGEBERIN / EDITEUR: HotSquat Collectif / Wydenauweg 40 / 2503 BielBienne / http://www.hotsquat.ch / calendar@hotsquat.ch / PC 12-172563-8
ALLE FOTOGRAFIEN BY: by Antal Thoma / http://www.antalthoma.ch
CONCEPT ET REGIE: HotSquat Collectif et les lieux accueillants / und die Gastorte
GRAPHIK: Johan Katz / http://www.mkkm.name
EDITION: 1500 ex.
PRIX: 30.-
http://www.hotsquat.ch

Die Leute vom HOTSQUAT CALENDAR 2012 machen je 1 Exemplar ihres Kalenders den Autoren der 12 besten aller eingereichten Wettbewerbsbeiträge zum Geschenk.

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Weitere Infos siehe auch: http://www.kultura-extra.de/literatur/literatur/weltuntergang.php


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= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





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