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Teil 7


Bewertung:    



Das Thema Welternährung ist seit etlichen Jahren im Fokus der Medien und wird in seinen einzelnen Facetten auch immer wieder präsentiert. Nahrung betrifft jeden Einzelnen, und so ist die Vielfalt der Meinungen, Lösungsvorschläge, Forschungsergebnisse etc. zu einem Dschungel geworden, in dem der Laie den Wald vor lauter Bäumen kaum noch erkennen kann. Der deutsche Diplom-Geograf und Filmemacher Valentin Thurn steckt seit Jahren mittendrin und hatte schon 2011 mit Taste the Waste über Lebensmittelverschwendung einen Kinoerfolg gelandet. In 10 Milliarden – Wie werden wir alle satt? schlägt er sich für uns durch das Dickicht der Themenvielfalt und stellt 16 Persönlichkeiten vor, die stellvertretend für viele andere ihre Erfahrungen und Konzepte vortragen. Der Kinobesucher erhält einen ziemlich guten Überblick, ohne mit Daten und Fakten überfrachtet zu werden. Es kommen hier auch Vertreter der Industrie zu Wort, um den Film möglichst ausgewogen zu halten.

Im Jahr 2050 wird es geschätzte 10 Milliarden Menschen geben, die es satt zu kriegen gilt. Einer der Dreh- und Angelpunkte ist dabei das Saatgut, das früher jeder Bauer von seiner Ernte zurückgehalten hat, um es im Frühjahr wieder auszusäen. Die so genannte „Grüne Revolution“, die seit den 1960er Jahren großflächig zum Einsatz kam, änderte das. Konzerne stellten Hochertragssorten verschiedener Lebensmittel her, die anfangs tatsächlich zwischen 15 und 30 Prozent mehr Ertrag bringen. Man will den Welthunger besiegen, heißt es, doch die Folgen für Mensch und Natur sind mittlerweile gravierend. Es gibt insgesamt zehn Konzerne, die 75 Prozent des Weltmarkts beherrschen. Sie verkaufen hybrides Saatgut, das nur einmal verwendet werden kann und jedes Jahr nachgekauft werden muss. Zusätzlich ist der Einsatz von Pestiziden und künstlichem Dünger notwendig, die vom selben Hersteller geliefert werden. Die Verbreitung von Monokulturen in Gegenden, die vorher nachhaltig bewirtschaftet wurden, führt zu Bodenerosion, die zusammen mit dem Einsatz der giftigen Chemikalien zu erheblichen Umwelt- und Gesundheitsschäden führt. Insbesondere in südostasiatischen Ländern nehmen sich viele Landwirte das Leben, weil sie ihre Familien nicht mehr ernähren können und keinen Ausweg aus der Abhängigkeitsspirale von den Saatgutherstellern sehen.



Valentin Thurn auf Drehreise | © Prokino


Valentin Thurn war in Leverkusen bei Liam Condon, dem Vorsitzenden von Bayer CropScience, die sich auf die Herstellung und Entwicklung von Saatgut, Hybriden und Pestiziden spezialisiert und sogar noch mehr Gen-Patente als die berühmt-berüchtigte Firma Monsanto haben. Liam Condon warnt, dass der nächste Weltkrieg durch Lebensmittelknappheit ausgelöst werden könne. Um es dazu nicht kommen zu lassen, bräuchten wir schnelle und bedeutsame Innovationen. Mit diesem Appell wirbt er für vorwiegend genmanipuliertes Saatgut, mit dem er die Toleranz von Pflanzen gegenüber Dürre, Versalzung und Überschwemmung steigern will.

Szenenwechsel: Thurn besucht Kusum Misra in Bangalore, Indien. Sie sucht einen Ausweg aus der Abhängigkeit der Bauern von den Großkonzernen und hat eine Saatgutbank angelegt, die über 700 Sorten Reis beherbergt, der verschiedene Resistenzen hat, wie gegen Dürre oder Versalzung. Sie bestätigt, dass ihre Reissorten weniger Ertrag abwerfen als die industriellen, sie haben sich aber bei Naturphänomenen, wie z.B. nach Überschwemmungen als überlebensfähig erwiesen, während die hybriden keinen Ertrag mehr brachten. Kusum Misras Reissorten können als Saatgut wiederverwendet werden, sie benötigen keine gekauften Zusatzprodukte wie Pestizide und Kunstdünger. Sie sind deutlich preiswerter, umweltschonender und stellen eine Alternative zur Abhängigkeit von den Konzernen dar. Ihr Beispiel mit der Saatgutbank hat schon viele Nachahmer gefunden.

Andreas Gransee ist Forschungsleiter bei der Kali- und Salz AG im hessischen Philippstal. Wie die meisten Vertreter der Industrie propagiert er, dass es ohne künstlichen Dünger, wie er dort hergestellt wird, Hungerkrisen in der Welt geben würde. Dann meint er aber ratlos, dass in 40 bis 50 Jahren die Vorräte an Rohstoffen für Kunstdünger aufgebraucht sein werden, und die Produktion stoppen müsse. Ende der Fahnenstange. Nur gut, dass Felix Prinz von Löwenstein, Ökobauer und Vorsitzender des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft, mehr Vertrauen in die Natur hat. Er praktiziert Gründüngung, bei der dem Boden Klee untergepflügt wird, um die Nährstoffe im Kreislauf zu halten. Ob er denn glaube, damit 10 Milliarden Menschen ernähren zu können: „Nur mit solchen Methoden, statt in einem Produktionsfeuerwerk alle Ressourcen abzufackeln und dann nichts mehr übrig zu lassen.“ Die Industrie hat die natürlichen Nährstoffkreisläufe unterbrochen, und Biobauern weltweit versuchen diese wieder herzustellen. Der Milchbauer Bernd Schmitz hält die Größe seines Hofes bewusst überschaubar. Er hat nur so viel Kühe, wie er mit selbst angebautem Tierfutter ernähren kann. Er braucht also kein Tierfutter aus Afrika oder Asien zu kaufen. Der Trend soll dahin gehen, dass die Grundversorgung möglichst eigenständig und vor Ort hergestellt wird. Die Bodenfruchtbarkeit soll dabei erhalten bleiben und eben nicht durch Monokulturen, Kunstdünger und Pestizide geschädigt werden.

Selbst bei Biogeflügel gibt es kaum noch das „Zweinutzungshuhn“. Der Ökobauer Karl Schweisfurth erklärt, dass es entweder eierlegende ODER Fleisch produzierende Rassen gibt. Er züchtet Hühner, die sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen können, was inzwischen die Ausnahme geworden ist. Er will „intensiv statt extensiv“ anbauen, also aus der gegebenen Fläche den größtmöglichen Nutzen ziehen unter Beachtung ökologischer Gesichtspunkte. Bei der Züchtung des „Zweinutzungshuhns“ erübrigt sich übrigens auch das Schreddern der männlichen Küken bei der Zucht von Legehennen. Allein in Deutschland werden jährlich 40 Millionen Küken lebendig geschreddert.



Natur versus Labor: Wo wird sich die Zukunft der Lebensmittelproduktion abspielen? | © Prokino


Ganz ohne Stall geht es im niederländischen Maastricht zu. Der Mediziner Mark Post zeigt uns Hamburger aus künstlichem Fleischgewebe, das aus Stammzellen von Kühen hergestellt wurde. Er meint, dass in wenigen Jahrzehnten das Fleisch aus dem Labor kommen wird, für das auch kein Tier mehr gezüchtet und geschlachtet werden muss. „Die Kuh ist ein sehr ineffizientes Tier. Im Labor können wir zielgerichteter arbeiten“, erklärt Post. - „Die Erde ist kein kontrollierbares Medium, deshalb wollen wir sie nicht benutzen“, erläutert der japanische Wissenschaftler Shinji Inada. Seine Salate und andere Pflanzen wachsen völlig abgeschirmt von Umwelteinflüssen, ohne Erde oder Sonnenlicht. Die Energiekosten sind hoch, es kann aber neun Mal pro Jahr geerntet werden.

Valentin Thurn traf den Amerikaner Jes Tarp, den Gründer der Aslan Group. Er erzeugt Tierfutter für den Weltmarkt, lehnt es aber ab, durch die Gründung von Großfarmen den Kleinbauern ihr Land und ihre Existenzgrundlage wegzunehmen. Er ist sichtlich stolz darauf, für die Tierfutterproduktion bisher ungenutzten Urwald im afrikanischen Mosambik zu roden und durch extensiven Anbau von Soja, Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. - Valentin Thurn lässt das so stehen. Er hatte vorher im Film schon erwähnt, dass 75 Prozent der weltweiten Ackerfläche für den Anbau von Futtermitteln genutzt wird. Er überlässt es überwiegend dem Zuschauer, sich Gedanken über den Sinn der Rodung von noch mehr Urwald, des Anbaus von Futtermitteln für Tiere statt des Anbaus von Lebensmitteln für die hungernden Menschen zu machen. Jeder dritte Mensch auf der Welt hungert oder ist unterernährt. Unsere Massentierhaltung ist für diesen globalen Landraub oder die Rodung von Urwäldern zum großen Teil mitverantwortlich, denn um ein Kilo Fleisch zu produzieren, müssen 16 Kilo Getreide verfüttert werden. Und eben diese Massentierhaltung wird durch die Subventionsgesetzgebung der EU eher noch unterstützt und bezahlt, anstatt sie einzudämmen.

Selbst wenn es den Kleinbauern gelänge, sich aus dem Würgegriff der zehn Konzerne zu befreien, gibt es immer noch das Grundübel, dass Agrarrohstoffe an der Börse gehandelt werden (dürfen). Thurn gelang es, den US-amerikanischen Börsen-Guru Jim Rogers vor die Kamera zu bekommen. Rogers heißt diese globalen Marktzwänge gut: „Die Preise an der Börse werden kräftig steigen müssen, weil die Bauern nur dann genügend Nahrungsmittel produzieren werden.“ Denn seltsamerweise ist die Anzahl der Bauern weltweit rückläufig. Rogers lebt in Singapur. Er hätte es gar nicht so weit, die Witwen und Waisen der Hunderttausenden von südostasiatischen Bauern zu besuchen, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben. 97 Prozent der Waren, die an der Börse gehandelt werden, existieren gar nicht. In dieser virtuellen Finanzwelt wurden in den letzten fünf Jahren Agrarprodukte in Höhe von 200 Milliarden US-Dollar gehandelt. Das übersteigt den tatsächlichen Wert der gehandelten Güter um das 16fache.



Zocken mit Lebensmitteln: Alltag an den Weltbörsen | © Prokino


Valentin Thurn hat noch viele weitere Aspekte aufgeführt. Er ist auch neben seiner Filmarbeit sehr umtriebig. So gründete er 1993 die IFEJ – International Federation of Environmental Journalists“. Sein Film Taste of Waste von 2011 hallt immer noch nach. Darin zeigte er anschaulich, dass ein Drittel unserer Lebensmittel auf dem Müll landen. „Bevor wir mit fragwürdigen Methoden die Produktivität steigern, sollten wir zunächst diese gigantischen Reserven nutzen“, meint er. Auch hier hat Thurn gehandelt: 2012 wurde der Foodsharing e.V. gegründet, eine Art Marktplatz für überschüssige Lebensmittel. Er ist Co-Autor des Sachbuchs Harte Kost und seit 2014 gibt es die Internetplattform tasteofheimat.de, die eine Umkreissuche für auf regionale Produkte spezialisierte Restaurants und Händler bietet. Hier gibt es viele Informationen und Köstlichkeiten zu entdecken.

*

Vielen reicht es: Ende Mai 2015 wird wieder ein weltweiter „March against Monsanto“ stattfinden, der gegen einen der führenden Saatguthersteller gerichtet ist, aber wohl alle trifft. Seit 2013 findet der Protestmarsch jährlich statt und setzt Monsanto zunehmend unter Druck. Das hat schon bewirkt, dass Monsanto sich – zumindest offiziell – aus dem Geschäft mit genveränderten Nahrungsmitteln in der EU zurückgezogen haben. In den letzten zwei Jahren haben führende Massenmedien nicht über den globalen Marsch berichtet, der in über 50 Ländern stattgefunden hat. Wie das in diesem Jahr wird, bleibt abzuwarten.


Helga Fitzner - 14. April 2015
ID 8569
Weitere Infos siehe auch: http://www.10milliarden-derfilm.de/


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