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Dokumentarfilm

Unsere Neue Geschichte

Teil 1 – Der gewaltlose Widerstand


Bewertung:    



Unsere „alte“ Geschichte ist längst überholt und dreht sich im Kreis. Die Menschheit wird gespalten in wenige Wohlhabende und ein Heer von Habenichtsen. Die zunehmende Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und dem Planeten Erde ist so weit fortgeschritten, dass es nicht nur in Diktaturen Proteste gibt, sondern auch in Demokratien wie Griechenland, Spanien und den USA. Der umfassende Würgegriff der Öl-, Chemie-, Pharma-, Nahrungsmittel- Finanz- und Rüstungskartelle hat ein unerträgliches Ausmaß angenommen, zudem sie auch noch vielfach von der Politik und den Medien sekundiert werden. Aber wie kommen wir aus diesem Hamsterrad wieder heraus? Dagegen-Sein hat sich als nutzlos erwiesen. Gewalt erzeugt immer größere, oft unverhältnismäßige Gegengewalt. Es setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass wir unsere alte Geschichte erst hinter uns lassen können, wenn wir angefangen haben, unsere Neue Geschichte zu „schreiben“.

Anstatt mit dem zu hadern, was ist, haben viele begonnen, neue, kreative Vorstellungen zu entwickeln, wie denn die Welt konkret aussehen soll, in der wir gerne leben würden. - In dieses aufkommende globale Muster passen nun gleich drei Filme, die innerhalb eines Monats in die deutschen Kinos kommen:

Die Gebrüder Riahi haben in ihrer Dokumentation - dem schon laufenden Crossmedia-Projekt Everyday Rebellion - einen Abriss über die Geschichte des gewaltlosen Widerstands zusammengestellt. Hier werden alte Strukturen hinterfragt und versucht, durch eine Vielzahl von Maßnahmen eine Veränderung zu bewirken. In der Dokumentation Who Cares? - Du machst den Unterschied erzählt die brasilianische Filmemacherin Mara Mourão von Menschen, die mit vielen guten Ansätzen ein Sozialunternehmertum kreieren, das für den Menschen und den Planeten verträglich ist und in dem jeder angehalten ist, seine eigenen, dem Gemeinwohl dienenden Ideen zu verwirklichen. Der große Demokrator Rami Hamze stellt in seiner Quasi-Dokumentation ein konkretes Projekt vor, bei dem er die Bürger abstimmen lässt, was mit einem Spendengeld von 10.000 Euro geschehen soll, und löst damit aberwitzige Turbulenzen aus.


* * *

Die Gebrüder Arash & Arman Riahi wurden im Iran geboren. Wie bei vielen andere regimekritischen Iranern mussten auch ihre Eltern den Iran verlassen, um der möglichen Verfolgung, Folter und Hinrichtung zu entgehen. Die Familie zog nach Österreich, wo die Brüder aufwuchsen. In Everyday Rebellion behandeln sie neben den Ereignissen im Iran auch diverse andere Protestbewegungen und belegen damit eine grundlegende Unzufriedenheit der „normalen“ Menschen in sozialer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Es sind Menschen aus vielen verschiedenen Schichten und Ländern, die auf die Straße gehen, weil sie ihrer Arbeit oder ihrem Studium aufgrund der Verhältnisse nicht mehr oder nur eingeschränkt nachgehen können. Dabei ist es diese Masse von Menschen, die die Welt am Laufen hält, heißt es gleich zu Anfang.

In Spanien treffen wir auf den arbeitslosen Computertechniker Juan Carlos C. Ariza, der kurz vor der Zwangsräumung seiner Wohnung steht. Nachdem die Immobilienblase geplatzt war, konnten viele Menschen ihre Kredite nicht mehr bezahlen. Mittlerweile müssen es Hunderttausende sein, die ihre Wohnungen, Läden und Existenzen deshalb verloren haben. (Laut spanischen Behörden sollen allein im Jahr 2013 rund 70.000 Wohnungen zwangsgeräumt worden sein, was einer durchschnittlichen Zahl von 184 Wohnungen pro Tag entspricht. Dabei verstoßen die Zwangsräumungen gegen EU-Recht, was nur mit fadenscheinigen Korrekturen quittiert wird, die zu keiner Abschaffung der illegalen Machenschaft geführt hat). Arizas Nachbarn erklären sich mit ihm solidarisch. Sie haben eine Unterschriftenaktion durchgeführt und die Nachbarschaft mobilisiert. Am Tag der Zwangsräumung erreichen sie gemeinsam, dass Ariza einen Aufschub von zwei Monaten erhält. Da er das Geld nicht hat, wird das an seiner Grundsituation nicht viel ändern. Die spanischen Banken, die trotz eigenen Verschuldens ihres Zusammenbruchs Milliarden aus dem Rettungsschirm erhielten, werfen Hunderttausende von Menschen auf die Straße und verursachen durch ihr illegales Handeln ein Massenelend und eine hohe Selbstmordrate. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt bei rund 25 Prozent. Es sei die Wirtschaft, die sie zerstöre, sagen die Spanier.

Im Mai 2011 gründete sich neben einigen anderen auch die Protestbewegung „Indignados“ - die Empörten, und demonstrierten gegen die Missstände in Spanien. Spanier nahmen am „Global Noise Day“ teil, bei dem weltweit Menschen auf die Straße gingen und gewaltfrei, aber sehr lautstark demonstrierten. Sie schlossen sich dem Netzwerk der Protestbewegungen an und unterstützten auch Occupy Wall Street, die von den Spaniern sowie dem Arabischen Frühling inspiriert war. Die Occupy-Bewegung zeigte sehr deutlich, dass sich an der Art der Proteste Grundlegendes geändert hatte. Sie marschierten nicht mehr nur mit Transparenten durch die Straßen und schrien ihren Missmut heraus. Sie gingen in die Banken und verlasen deren Ungerechtigkeiten und Verbrechen. Sie errichteten das berühmt gewordene Zeltlager, in dem sie verweilten. Die Zeit musste gefüllt werden. Es gab Leute, die Essen organisierten, Bücher verteilten, Instrumente spielten. Man setzte sich mit sich selber und den anderen auseinander. Beim Protesttraining lernten sie, auf sich und auf die anderen zu achten. Beim Befehl „Hop“ hieß es sich hüpfenderweise zusammenzurotten. „Melt“ war schon schwieriger. Dabei muss man vorsichtig mit der einen Körperhälften „schmelzen“ und sich auf den Boden setzen, ohne die anderen zu behindern oder zu verletzten. Der Befehl „Civilian“ erfordert schauspielerischen Einsatz. Bei Gefahr im Verzug tut man so, als wäre man nur ein Bürger, der zufällig gerade vorbei käme. Besonders im Falle von Inhaftierungen sollen sie sich gegenseitig unterstützen und auf keinen Fall Unterschriften leisten außer auf der Liste mit den Gegenständen, die man ihnen weggenommen hat. Es könne Tage dauern, bis sie wieder freigelassen werden würden. Ein wunderbarer Befehl ist der für „Mikrophon“. Da Megaphone polizeilich verboten wurden, wird das Gesprochene von der Menge laut wiederholt. Dieses Verbot ist ein großes Geschenk, denn dadurch sprechen die Aktivist(inne)n im wahrsten Sinne des Wortes mit einer Stimme. Das ist etwas, was die Machtapparate empfindlich trifft, die um so besser funktionieren, je gespaltener und ärmer die Masse der Bevölkerung ist. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, heißt es bei Bertholt Brecht. Das scheint durch die individuelle und globale Solidarität möglicherweise im Wandel begriffen zu sein und wäre schon mal ein Diskussionspunkt für die Schaffung einer Neuen Geschichte. Was wäre, wenn die „Moral“ so ausgeprägt wäre, dass die Sorge um das „Fressen“ aufgehört hat zu existieren.



Kein Kinderscherz: In den USA saugen 1 Prozent der Bevölkerung alle anderen aus - Foto © W-film, Golden Girls Filmproduktion


Die Occupy-Bewegung und andere wurde von vielen Gewalttaten heimgesucht, und es ist ein Wunder, dass die Stimmung nicht zu groß angelegter Gegengewalt gekippt ist. Es gab vereinzelte Ausschreitungen von Seiten der Demonstranten. Die Riahi-Brüder zeigen zwei filmische Beispiele, wo es sich dabei aber um Polizisten handelte, die die Bewegung unterlaufen hatten. Sie zeigen auch Bilder unfassbarer Polizeiaktionen, darunter eine Pfeffersprayattacke gegen sitzende Studenten sowie die Fesselung und Verhaftung von Rollstuhlfahrern.

Eine der wundervollsten Maßnahmen der Occupy-Bewegung ist der Ankauf von Schulden. Die US-Banken verkaufen bei hoffnungslos Überschuldeten deren Schulden zu einem wesentlich geringeren Preis an Inkasso-Firmen. Occupy kaufte solche Schuldverschreibungen auf und schickte daraufhin den Betroffenen einen Brief mit der Nachricht, dass Occupy dessen Schulden getilgt hat. (Daraus ist Rolling Jubilee entstanden, die bis heute rund 700.000 Millionen US-Dollar an Spendengeldern auftrieben und damit rund 15 Millionen US-Dollar Schulden getilgt hat. Auf deren Webseite steht auch, dass jeder siebte US-Amerikaner von Schulden betroffen ist). Die Finanzsklaverei wird mit Slogans thematisiert: „You are not a loan“ ist doppeldeutig in der Aussprache, es heißt, dass du kein Darlehen bist, aber auch, dass du nicht alleine bist. Mit dem Spruch „We are the 99 %“ beziehen sie sich auf die bekannte Tatsache, dass 90 Prozent des US-Gesamtvermögens von nur 1 Prozent der Bevölkerung besessen wird.

Auch um die Frauenrechte ist es weltweit nicht gut bestellt. Die Riahi-Brüder begleiten Inna Schewtschenko von der Gruppe Femen bei ihren Aktionen. Die junge Ukrainerin und ihre Mitstreiterinnen protestieren mit nackten Oberkörpern, auf die sie ihre Parolen nach Frauenrechten und der Abschaffung von Religionen schreiben. Die Gewalt, der sie dabei begegnen, ist unfassbar. Schewtschenko hat nach einer Inhaftierung und andauernden Morddrohungen die Ukraine verlassen müssen und kämpft mit anderen Frauen vom neuen Hauptquartier in Paris aus weiter.



Die Aktivistinnen von Femen schaffen nackte Tatsachen - Foto © W-film, Golden Girls Filmproduktion


Proteste in Diktaturen sind wesentlich gefährlicher als anderswo. Davon berichten Aktivisten aus Syrien und dem Iran. Es verlangt nach noch mehr Kreativität und einer Low-Risk-Taktik. In Syrien wurde einmal heimlich dem Wasser rote Farbe zugefügt. Die Brunnen in Damaskus verfärbten sich rot, als Symbol für die vielen Toten und wie sehr das Land blutet. In totalitären Systemen sind die Protestbewegungen dezentral organisiert und haben keine Anführer. Die könnten allzu leicht umgebracht und ihre Familien im Zuge der Sippenbestrafung gefährdet werden. Wenn es zu gefährlich ist, nachts Graffiti zu sprühen, können Ping-Pong-Bälle mit Parolen beschrieben werden, die man dann durch die Stadt titschen lässt. Es wurden Plakate erfunden, die man zusammengerollt aufhängen kann und die sich später erst aufrollen, wenn man schon weg ist. Aktivisten hefteten Flyer an Luftballone und ließen diese fliegen. Da an den Flyern gefrorenes Eis mit einer Büroklammer geheftet war, platzte der Ballon, sobald das Eis geschmolzen war und ließ den Flyer vom Himmel segeln. „Unterdrückung ist sinnlos, deshalb wird der Widerstand nicht aufhören“, heißt es im Film.



Ein Graffito aus dem Iran. Mitten in den Trümmern ein Junge mit Legosteinen. Doch Kindsein ist unter diesen Umständen kaum mehr möglich - Foto © W-film, Golden Girls Filmproduktion


Ein Kernstück von Everyday Rebellion ist ein symbolischer Kriegsverbrechenprozess in Den Haag gegen den Iran. Dort wurden in den Jahren 1981 bis 1988 viele Regimegegner getötet. Die veröffentlichten Zahlen schwanken zwischen 20.000 und 30.000 Toten. Das Ergebnis des Prozesses war eindeutig: Der Staat Iran hat in dieser Zeit Verbrechen wie Mord, Folter und Entführung in großem Ausmaß begangen. Die Familien mussten sogar für die Kugel zahlen, mit der ihr Angehöriger getötet wurde. Da man aber nur Menschen und keinen Staat anklagen kann, blieb es bei dieser Beurteilung der Lage. Für die Überlebenden und Hinterbliebenen der Toten war dieser Prozess und die Anerkennung des erlittenes Leids sehr wichtig. Es kam auch zu einer Szene kollektiven Weinens. Ein ehemaliger Gefangener schilderte seine Gefangenschaft und die gewaltige Angst, unter der er lebte. Als er aufgefordert wurde, bei der Exekution von „verurteilten“ Gefangenen mitzumachen, war er schon so traumatisiert, dass er sich einverstanden erklärte. Es kam noch schlimmer. Keiner der Schützen, die aus Häftlingen bestanden, wollte einen tödlichen Schuss abgeben. Es dauerte über 15 Minuten, bis die Soldaten das Blutbad vollendet hatten, schilderte der ehemalige Häftling. In dem gemeinsamen Weinen lag sehr viel Vergebung und Selbstbefreiung.

Es gibt viele Schergen und Mittäter, die solche Regime unterstützen. Everday Rebellion plädiert dafür, möglichst viele davon für die Sache der Aktivisten zu gewinnen. Hass und Rache führen nicht weiter. Wenn man aber bei den Stützpfeilern dieser Systeme Überzeugung vom Gegenteil oder wenigstens Zweifel erreichen kann, ist schon etwas gewonnen.

Am Ende des Films freut sich „Reverend Billy“ (ein New Yorker Schauspieler, der diese Kunstfigur als Persiflage auf Prediger erfunden hat), über diese neue Protestform, die lange niemand gesehen hat, weil sie direkt vor unserer Nase liegt. Es ist das alltägliche Leben, dass die Prinzipien für die Everyday Rebellion – die alltägliche Rebellion - vorgibt. Gegenseitige Fürsorge und Gemeinschaft auf globaler Ebene geben dieser „ethischen Revolution“ die Kraft. Reverend Billy nennt das Normale „total radikal“. Denn es ist dieser Zusammenhalt und diese Simplizität, die die Machthaber früher oder später vor – hoffentlich – unlösbare Probleme stellt. Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth befasst sich neben anderen Studien auch eingehend mit der Geschichte des gewaltlosen Widerstands. Entgegen des allgemeinen Eindrucks angesichts der vielen Kriegsschauplätze ist prozentual gesehen gewaltloser Widerstand erfolgreicher als gewaltsamer.


Helga Fitzner - 1. September 2014
ID 8053
Weitere Infos siehe auch: http://www.everydayrebellion.net


Post an Helga Fitzner

Siehe auch unter:

Teil 2 - Der soziale Widerstand
Who Cares? - Du machst den Unterschied

Teil 3 - Der basisdemokratische Widerstand
Der große Demokrator




 

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