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Dokumentarfilm

Unsere Neue Geschichte

Teil 2 – Der soziale Widerstand


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Eine große Anzahl von Menschen lebt gar nicht richtig, sie über-lebt nur. Andere lassen sich durch sinnlose Beschäftigungen und Bilderfluten vom Leben ablenken. Dabei gerät unser eigentliches Potenzial ins Hintertreffen. Der Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus erklärt es gleich zu Anfang des Films: Wir sind keine Gäste auf der Erde, sondern Schöpfer.“ In Everyday Rebellion haben wir den gewaltlosen Widerstand durch Konfrontation mit den Übeltätern der herrschenden Klasse kennen gelernt. Who cares? ist ein leiserer, aber genau so intensiver Film, in dem die preisgekrönte brasilianische Regisseurin Mara Mourão Unternehmer vorstellt, die durch Ideenreichtum und ihren Einsatz eine Verbesserung der Lebenssituation von Menschen im Elend erreichen. Dadurch wird ihnen ermöglicht, sich aus eigener Kraft und durch soziale Einbindung von den Fesseln der Armut und Abhängigkeit zu befreien. Für dieses wachsende Phänomen wurde der Begriff Sozialunternehmertum geprägt.

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Im Jahr 1976 begann der promovierte Volkswirt Mohammad Yunus in seiner Heimat Bangladesch ein Universitätsprojekt. Nach einer großen Hungersnot fragte er verarmte Menschen nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten und erstritt für sie sogenannte Mikrokredite. Für umgerechnet nur eine Hand voll Dollar konnten diese Menschen sich aus der schlimmsten Armut befreien, sei es durch den Kauf der berühmt gewordenen Nähmaschine oder anderes. Mit diesen Krediten bauten sie sich eine Existenzgrundlage auf und zahlten sie dann mit angemessenen Zinsen zurück, wodurch das Geld wieder anderen zur Verfügung stand und ein Kreislauf entstehen konnte. So schützte Yunus sie vor Kredithaien und noch größerer Verelendung. 1983 wurde für die Abwicklung dieser Geschäfte die Grameen Bank gegründet, und selbst Kreditnehmer konnten dort Mitglied werden. Yunus erzählt im Film, dass er die Mikrokredite zunächst nur als die Lösung eines regionalen Problems sah, stellte dann aber fest, dass es ein nationales, sogar globales Mittel zur Bekämpfung der Armut von unten sein könnte. Die Idee machte Schule: Die Betreiber von KIVA International ließen sich davon inspirieren und gründeten 2005 ein unabhängiges und sehr reges Internetportal zu diesem Zweck. 2006 wurden Mohammad Yunus und der Grameen Bank der Friedensnobelpreis verliehen.

Yunus ist auch Mitbegründer der Organisation Ashoka, deren Federführung der Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler Bill Drayton inne hat. Drayton erklärt in Who Cares?, dass man keinen Doktortitel oder eine besondere Ausbildung braucht, um Sozialunternehmer zu werden. Viele Menschen arbeiten an solchen Projekten und wissen gar nicht, dass das schon Sozialunternehmertum ist. Denn jeder kann etwas nach seinen Gaben dazu beitragen und das allgemeine Bewusstsein schaffen, dass wir unser Schicksal selber lenken und etwas verändern können. Diese Menschen identifizieren sich mit einer sozialen Angelegenheit, und aus diesem Bewusstseinszustand heraus nehmen sie einen Platz in der Gesellschaft ein für eine Verbesserung der Lebensumstände. Wenn jemand eine solche Idee hat, nützt es nichts, sie für sich zu behalten. Selbst wenn man sie realisiert hat, sollte sie kein Privatbesitz sein, sondern möglichst weitergereicht und anderswo auch genutzt werden, wenn sie funktioniert. Ashoka unterstützt heute knapp 2000 Projekte in 70 Ländern.

Viele der Initiativen werfen keinen oder nur langfristig Profit ab. Der Nigerianer Isaac Durojaiye schafft das aber weitgehend. Er ist auf die Idee gekommen, mit menschlichen Ausscheidungen Gewinn zu machen. In Nigeria gibt es etliche Regionen, in denen es keine Kanalisation oder Zugang zu sauberen Toiletten gibt. Die Organisation TMT Toilets stellt mobile Toiletten u.a. auch in den Slums zur Verfügung. 40 Prozent der erlangten Einnahmen gehen an die Firma zurück, die das Geld u.a. in den Ausbau des Geschäfts reinvestiert. 60 Prozent davon gehen an die örtlichen Betreiber, die dadurch ein Einkommen haben. Oft sind es Witwen, aber auch Straßengangs, die diesen Job erfolgreich ausführen. Die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse hat auch auf die Gesundheit der Bewohner einen positiven Einfluss.

Manchmal muss man Vorbehalte oder Vorurteile überwinden. So ist eine der eifrigsten „Sozialunternehmerinnen“ die afrikanische Riesenhamsterratte. Der buddhistische Mönch Bart Weetjens lebt in Tansania und gehört zu denen, die diese „Heldenratten“ ausbilden. Sie sind fast blind, haben aber einen besseren Geruchssinn als Spürhunde. Aufgrund ihrer olfaktorischen Fähigkeiten können sie Blutproben von Tuberkulose-Patienten schneller identifizieren als ein Labor (40 Proben in sieben Minuten). Das ist in den ländlichen Gegenden Afrikas oft die einzige Diagnosemöglichkeit, dazu noch kostengünstig. Ihre spektakulärsten Einsätze haben die lernbegierigen Nager aber auf dem Minenfeld. Sie werden darauf trainiert, TNT zu erschnüffeln und Funde von Landminen durch Graben kundzutun. Sie sind selbst nicht schwer genug, um eine Detonation auszulösen. Zur Belohnung gibt es eine Banane, die vorsorglich in die Hamsterbacken verstaut wird. Ein Team von Experten entschärft dann die Minen. So kann ein vermintes Gebiet schnell wieder sicher gemacht und als landwirtschaftliche Nutzfläche bearbeitet werden. (Die geschätzte Zahl verlegter Landminen liegt zwischen 70 und 110 Millionen in über 70 Ländern.)

Der Brasilianer Rodrigo Baggio erkannte schon früh, dass die Computertechnik die Menschheit spalten würde. Deshalb gründete er 1995 das CDI (Center for Digital Inclusion), damit Unterprivilegierte in Armenvierteln, indigene Gemeinschaften, Krankenhäuser, Gefängnisse und psychiatrische Anstalten Zugang zu Computern und Unterricht in deren Nutzung bekommen. Heute gibt es solche Zentren in 14 Ländern, die unabhängig und selbstverwaltet operieren. Sie verbessern die Arbeitschancen der Teilnehmenden und deren Teilhabe an der Informationsgesellschaft.



Dr. Vera Cordeiro gelingt es, die Lebenssituation der Ärmsten zu erleichtern - Foto © Bravehearts International


„Wir machen aus Elenden Arme“, sagt die brasilianische Ärztin Dr. Vera Cordeiro. Sie stellte fest, dass chronisch Kranke, insbesondere Kinder, aufgrund ihrer Lebensumstände nach der Entlassung aus dem Krankenhaus unterversorgt waren. Wie soll die Mutter eines leukämiekranken Kindes dieses erfolgreich pflegen, wenn es durch das Dach der notdürftigen Behausung regnet? Es gab keine singuläre Lösung, also gründete sie Saúde Criança, um aus „Elenden“ Selbstversorger zu machen. Ihre Einrichtung stützt sich auf die fünf Pfeiler Gesundheit, Bildung, Wohnen, Einkommen und Bürgerrechte, um den Menschen ihre Würde und Autonomie wiederzugeben.

Jehane Noujaim von Pangea Day ist eine US-amerikanische Regisseurin, die Filme nutzen will, um Feindbilder abzubauen. Wenn jeder die Möglichkeit hätte, Kontakt zum Feind zu haben, würde sich die Einstellung zueinander schnell ändern. Da man sich nicht einfach so beim „Feind“ einladen kann, will sie anhand von Filmdokumentationen verfeindete Gruppen einander näher bringen. „Filme können nicht die Welt verändern, aber vielleicht die Menschen, die sie sehen“, glaubt sie.



Joaquim Melo gründete eine eigene Währung - Foto © Bravehearts International


Joaquin Melo hat sich Monate lang von den Abfällen einer Müllhalde ernähren müssen. Später machte er sich Gedanken, wie man solches Elend verhindern kann. Er fand heraus, dass auch Arme Einkünfte haben, nur dass die wie Wasser aus einem löchrigen Eimer immer verschwänden. Er sorgte dafür, dass Produktion und Verkauf im selben Gebiet blieben, womit sowohl den lokalen Anbietern als auch den lokalen Kunden gedient war. Das Geld ging nicht mehr alles nach draußen zu diversen Konzernen, es kursierte innerhalb der Gemeinschaft. Dazu hat er eine eigene Bank mit eigenem Papiergeld, Banco Palmas, gegründet. Das Modell wurde von verschiedenen Orten übernommen.

Mohammad Yunus sagt, dass Armut den Menschen aufgezwungen würde, sie sei künstlich geschaffen und könne deshalb abgestreift werden. Es käme darauf an, wie man die Saat setzt. Wenn ein Samenkorn in freier Natur aufgeht, kann es wachsen, im Blumentopf kann es sich nur bedingt ausbreiten. Das sei aber nicht der Samen schuld.

Das Bild der von allen Seiten eingeengten Topfpflanze, deren Saat eingeschnürt und an der Entfaltung gehindert wird, ist ein treffendes Bild für das, was vielen Menschen widerfährt. Die Sozialunternehmer können die „Fesseln“ vielleicht nicht entfernen, aber lockern. Sie tun das in der Regel, ohne sich mit den Unterdrückern und Ausbeutern anzulegen, aber sie entziehen (meist wehrlosen) Menschen deren Einfluss. Auch das ist eine Art von Widerstand, den wir in diesem Zusammenhang sozialen Widerstand nennen. Der ist gewaltfrei, inspirierend und kreativ. In dem Film werden noch eine Reihe weiterer Beispiele angeführt und die „Change Maker“, die Veränderer, gefeiert. Es wird auch deutlich gemacht, dass der Zustand des Planeten wegen der fehlenden Nachhaltigkeit bedrohlich ist. Mara Mourão lässt die Interviewpartner zu der Kernaussage kommen, dass wir die "Ethik der Fürsorge" wieder lernen müssen, um uns vor der Selbstzerstörung zu bewahren. Drayton sagt, wenn 20 bis 30 Prozent der jungen Generation „Changemaker“ würden, könne das bestehende System sehr schnell gewandelt werden. Ideal wäre, wenn der wirtschaftliche und der soziale Aspekt nicht mehr getrennt würde.

Mary Gordon von Roots of Empathy setzt sich in kanadischen Schulen dafür ein, dass Kinder sehr früh mit Empathie vertraut werden. In einem ersten Schritt lernt man andere zu verstehen und ihre Perspektive einzunehmen. Der zweite Schritt ist die Entwicklung einer Ethik von Mitgefühl. Ohne Empathie ist eine gewaltfreie Konfliktlösung nicht möglich. Empathie kann nicht gelernt werden, aber durch Beispiel anstecken.

Mourão hat neben eigenem Dreh auch sehr gutes Archivmaterial ausgewählt. Was sich durch Filmmaterial nicht abdecken ließ, ließ sie zeichnen. Diese Cartoons sind wunderbare Illustrationen, die den Film ästhetisch zusätzlich aufwerten.



Fabelhafte Zeichentrickpassagen - Foto © Bravehearts International


Helga Fitzner - 1. September 2014 (2)
ID 8054
Weitere Infos siehe auch: http://www.whocaresthefilm.com/


Post an Helga Fitzner

Siehe auch unter:

Teil 1 - Der gewaltlose Widerstand
Everyday Rebellion

Teil 3 - Der basisdemokratische Widerstand
Der große Demokrator




 

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