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Dokumentarfilm

Unsere Neue Geschichte

Teil 3 – Der basisdemokratische Widerstand


Bewertung:    



Der gewaltlose, konfrontative Widerstand hat Strukturen zum Bröckeln gebracht, und der soziale Widerstand bietet konkrete Alternativen zum gemeinschaftlichen und nachhaltigen Miteinander an. Der Kölner Filmemacher Rami Hamze hat 10.000 Euro Spendengelder aufgetrieben und will nun „alle“ abstimmen lassen, was damit geschehen soll. Basisdemokratischer Widerstand erweist sich hier als zweierlei: Von Bürgern und Bürgerinnen initiierte Projekte „widerstehen“ den bürokratischen Strukturen der Städte, Kommunen und anderer Behörden und agieren weitgehend selbstbestimmt. In Der große Demokrator zeigt es sich aber auch, dass viele Menschen sich den basisdemokratischen Möglichkeiten verschließen. Es gibt also auch einen inneren Widerstand dagegen. Der große Demokrator (Hamze arbeitet selbstironisch mit Übertreibungen) schafft es nicht, alle Menschen an einen Tisch zu bekommen.

*

Rami Hamze ist palästinensischer Abstammung und lebt seit 11 Jahren im Kölner Stadtteil Kalk. Er ist Filmemacher, gehört der Mittelschicht an und lebt ohne Existenzängste. Deshalb fühlt er sich privilegiert und fragt sich, warum er sich eigentlich nicht politisch engagiert und etwas Sinnvolles für alle tut. Das will er jetzt mit der Arbeit tun, die er gelernt hat: Er dreht einen Film. Kalk ist ein aufstrebendes Viertel mit günstigen Mieten, ein sozialer Brennpunkt, Getto von Migranten und eine Hochburg der Kriminalität. Aber er befindet sich im Umbruch. Hamze fragt sich, in welche Richtung sich diese Veränderung bewegen wird und wer sich darum kümmert. In einer für das Projekt angemieteten Räumlichkeit propagiert er „Kalk für alle“ und will die Menschen dazu bewegen, sich für etwas Sinnvolles für Kalk einzusetzen.



Am Anfang war Rami Hamze noch optimistisch - Foto © Babak Behrouz


Schon gleich zu Anfang macht ihm eine muslimische Frau klar, dass Kalk für „alle“ gar nicht ginge. Es müsse doch erst einmal Deutschunterricht her, damit sich auch alle verständigen könnten. Die Armut ist ein zweiter Grund, warum das nicht klappt: „Wenn man gar kein Geld hat, kann man die Schönheit der Bäume nicht sehen“, sagt eine andere Frau und erklärt damit, dass Menschen unterhalb der Armutsgrenze einen so großen Existenzkampf haben, dass für solche Initiativen kein Platz in ihrem Leben ist, obwohl sie ihrer am meisten bedürfen. Trotzdem lässt Hamze nicht locker: „Ich habe einen Traum, dass wir nicht gegeneinander sind, sondern füreinander. Ist das eine Utopie?“ Das Angebot steht: Die Kalker können sechs Wochen lang Ideen austauschen und Mitstreiter suchen für ein Projekt, das ohne Anträge bei Behörden und ohne Wartezeiten sofort starten könnte. Dafür gilt es, ein Netzwerk von Ideen und Fähigkeiten zu bilden.

In dem dicht besiedelten Viertel gibt es kaum grüne Flecken. Einzig der Kalkberg ist eine größere Grünfläche oberhalb Kalks. Eine Bürgerinitiative will dort den Bau eines Landeplatzes für Rettungshubschrauber verhindern und schlägt den Bau eines Kettenkarussells vor. Der Kalkberg wird nur von wenigen genutzt, hat aber einen Platz für Lagerfeuer, und man kann wunderbar Sonnenaufgänge und -untergänge genießen. Der Landeplatz ist allerdings vom Rat schon beschlossen, und die Stadt Köln will die Grünfläche drum herum erhalten. [Anm. d. Red.: In Kalk befindet sich ein großes Krankenhaus, das keinen eigenen Hubschrauberlandeplatz hat.]. Ein weiterer Vorschlag ist ein Abenteuerspielplatz für Kinder, nur dass der weit mehr als 10.000 Euro kosten würde. Die Gruppe Grün dagegen wäre schon mit 400 Euro zufrieden, um ein paar kleinere Stellen zu begrünen. Ein anderer schlägt vor, einen Ort der Stille und Entschleunigung der Zeit zu schaffen, wo man z.B. Sitzmeditationen machen kann.



Der dicht besiedelte Stadtteil Köln-Kalk vom Kalkberg aus gesehen - Foto © Bravehearts International


Zwei Ideen enthielten Projekte, die genug Geld generieren können, um sich selbst zu erhalten. Eine private Leihgemeinschaft will 2500 Euro haben, um für Notfälle Menschen Geld leihen zu können, die so wenig Einkommen haben, dass sie von der Bank keinen Kredit bekommen. Man kann ab 25 Euro Stifter werden. Dann hatte sich eine Gruppe gebildet, die die für den Film angemieteten Räumlichkeiten behalten möchte und zu einem Kulturcafé umwandeln, damit man sich weiterhin vernetzen und Kalk lebenswerter gestalten könne. Das generelle Problem bei Hamzes offener Herangehensweise war das Fehlen von Strukturen und Ausschlusskriterien, die der Entscheidungsfindung zwar dienlich gewesen wären, aber dem Grundgedanken Kalk für alle zuwider gelaufen wäre.



Die Abstimmung. Kalker Bürger wählen die Förderprojekte aus. - Foto © Bravehearts International


Rami Hamze nimmt sich des Themas mit stellenweise orientalischer Fabulierkunst und mit Humor an und stellt abschließend fest: „Im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass Demokratie im Kleinen genauso wie Demokratie im Großen sein kann: voller Ellbogeneinsatz, ohne Rücksicht auf Minderheiten, klüngelhaft und undurchsichtig. Für mich bleibt eine Erkenntnis: Demokratie ist kleinteilig, langwierig und anstrengend. Aber irgendjemand muss sie pflegen, sonst stirbt sie.“ Ganz so düster endet der Film aber nicht. Es sind Menschen mobilisiert worden, Netzwerke haben sich entwickelt, und es ist etwas entstanden, dass eine Chance hat, sich als nachhaltig zu erweisen.

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Abschließende Gedanken


Letztendlich ist die Unterteilung in die drei „Widerstandsgruppen“ gewaltlos, sozial und basisdemokratisch ungenau, denn alle drei treffen für alle drei Arten zu. Sie bieten Ansätze zur Bekämpfung der Finanzknechtschaft, sei es durch die Bezahlung der Schulden durch Occupy oder die Mikrokredite von Yunus und der Initiative für Kleinkredite in Hamzes Film. Das ist der soziale Aspekt. Alle drei sind ebenfalls gewaltlos und arbeiten demokratisch von „unten“, der Basis, aus.

Die Kriterien, die zur Schreibung einer Neuen Geschichte führen könnten, sind Engagement, Empathie, Einbeziehung möglichst aller auf Augenhöhe, auch der Stützpfeiler der Herrschenden, wie Polizisten oder Bankangestellte, Solidarität, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Frieden. Das ist schwer angesichts der Existenzängste durch Krieg, Pandemien und Hungersnot, die überwiegend hausgemacht sind. Bei einer gerechten Verteilung von Ressourcen und Zulassung alternativer Technologien wäre vieles vermeidbar.

In Leipzig haben vor mehr als 25 Jahren freiheitsliebende Menschen regelmäßig am Montag eine Mahnwache abgehalten. Der Fall der Mauer, der daraus entstanden ist, wurde nie so richtig als das Wunder und die ungeheure Leistung anerkannt, die es ist. Menschen haben mit Kerzen und Gebetbüchern in der Hand eine Änderung bewirkt, die sich auf ganz Europa erstreckte und den Kalten Krieg beendet hatte. Damit haben sie unsere heutige Geschichte neu „geschrieben“. In dieser Tradition stehen auch die derzeitigen Montagsdemonstrationen bzw. Mahnwachen, die aber von den Medien weitgehend ignoriert oder nicht ernst genommen werden, obwohl sie regelmäßig und bundesweit in vielen großen Städten stattfinden. Sie werden durch Antisemitismus- und andere Vorwürfe in Misskredit gebracht. Der Wahrheitsgehalt der Aussagen der verschiedenen Lager ist nur schwer überprüfbar, und es ist möglich, dass nicht alle Mahnwächter lauterer Gesinnung sind. (Die Mahnwachen in der DDR waren übrigens von der Stasi unterwandert, was letztlich nichts verhindern konnte.) Trotzdem sind jeden Montag eine Menge Menschen auf der Straße, um für den Frieden zu demonstrieren. Das wird auf Dauer nicht ohne Wirkung und Nachhall bleiben und hat zumindest eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

In London werden sich im September 2014 internationale Kunstschaffende zu einem riesigen Friedensprojekt treffen. London wird einen Monat lang das Talking Peace Festival (http://talkingpeacefestival.co.uk) feiern. Initiiert von International Alert, werden Straßenkünstler sich in der U-Bahn-Station Old Street zu schaffen machen, es gibt eine Ausstellung, eine Theateraufführung und ein „Conflict kitchen“, in dem sich verschiedene Ethnien treffen, ihre Kochtraditionen vorstellen und gemeinsam essen. Ebenfalls im September begegnen sich im schottischen Findhorn Friedensstifter aus aller Welt zu einem New Story Summit (). Sie machen sich Gedanken, wie unsere Neue Geschichte aussehen soll und vielleicht werden sie ja schon beginnen, sie zu schreiben. Die Veranstaltung ist seit Monaten ausgebucht, soll aber als Webinar angeboten werden.

Es ist an vielen Stellen zu spüren, dass wir vor einem Paradigmenwechsel stehen, in dem - wenn er vollzogen ist - kein Platz mehr für die alten Strukturen sein wird. Der Deckel ist vom überhitzten Schnellkochtopf abgesprungen, und niemand kann den ausgetretenen Dampf wieder zurückpressen. Wohin das führen wird? Ja, das ist eine neue Geschichte.


Helga Fitzner - 1. September 2014 (2)
ID 8055
Weitere Infos siehe auch: http://www.dergrossedemokrator.de/


Post an Helga Fitzner

Siehe auch unter:

Teil 1 - Der gewaltlose Widerstand
Everyday Rebellion

Teil 2 - Der soziale Widerstand
Who Cares? - Du machst den Unterschied




 

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