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Dokumentarfilm

Unsere

Neue

Geschichte



Teil 4


Bewertung:    



Wir haben im September 2014 in einer Art „Widerstandstrilogie“ schon drei Filme vorgestellt, in denen Menschen auf der ganzen Welt angefangen haben, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich auf vielen Ebenen für positive Veränderungen einzusetzen. Wir haben das „Unsere Neue Geschichte“ genannt, obwohl es sich durchaus um die Wiederbelebung von alten ethischen Werten handelt, die aus vielen Bereichen, vor allem aus der Wirtschaft und Politik, weitgehend verschwunden sind. Neu daran ist das stete Anwachsen solcher Initiativen zu einer globalen Bewegung mit herausragenden Menschen, die den alten Macht- und Zerstörungsstrukturen der Politik konstruktive Alternativen entgegensetzen. Da ist Pepe Mujica, der sich als Präsident von Uruguay für die soziale Gerechtigkeit einsetzt, und der biodynamische Landwirt Niels aus Dänemark, der aufgrund widersinniger EU-Vorschriften von Behörden verfolgt wird. Viel Gutes erwartet uns lautet der optimistische bis leicht ironische Titel. - In Kirgistan wehrt sich eine ganze Gruppe von Frauen gegen die massive Umweltzerstörung durch den Goldabbau mit dem hochgiftigen Zyanid, Flowers of Freedom handelt auch von der Befreiung aus der Fremdbestimmung. Alle Protagonisten der Filme widersetzen sich nach ihren Möglichkeiten der unhaltbar gewordenen Ausbeutung von Mensch und Natur. Ihre Courage und Standhaftigkeit wurde von drei Filmemacherinnen einfühlsam in Bild und Ton festgehalten.


* * *


Pepe Mujica – Der Präsident erwarb sich den Ruf als ärmster Präsident der Welt, denn er spendete fast 90 % seines Gehalts an soziale Einrichtungen und führt nach wie vor ein bescheidenes Leben. Er regierte Uruguay vom 1. März 2010 bis zum 1. März 2015 und befindet sich nun mit 80 Jahren im wohlverdienten Ruhestand. Mujica hat insgesamt 14 Jahre seines Lebens in Foltergefängnissen verbracht, die meiste Zeit davon in Isolationshaft, hätte also viele Gründe, verbittert zu sein. Stattdessen zeigt die Dokumentation der schweizerischen Filmemacherin Heidi Specogna einen gütigen und altersweisen Menschen, der sich zusammen mit seiner Frau und Mitstreiterin Lucía Topolansky ungebrochen für eine Verbesserung der Lebensumstände seines Volkes einsetzt.



Lieben die Ruhe und Bescheidenheit: Pepe Mujica und seine Frau Lucía Topolansky auf ihrem kleinen Bauernhof | © Piffl Medien


Über die frühe Geschichte Mujicas erfahren wir im Film leider sehr wenig, weil Specogna diese 1996 in dem Film Tupamaros ausführlich geschildert hat. Die kommunistische Gruppe Movimiento de Liberación Nacional – Tupamaros wurde in den 1960er Jahren gegründet und distanzierte sich zunächst von Gewalt, da sie sich nicht so sehr als Guerrilla, sondern als Befreiungsbewegung verstand. Für ihre Aktionen stahlen sie Autos, sehr beliebt war der VW Käfer, aber auch Lieferwagen. Es wurden massenhaft Papiere gefälscht und auch mal gestohlene Lebensmittel an die Bevölkerung verteilt. In den 1970er Jahren radikalisierte sich die Gruppe, die unter zunehmendem Druck durch die Militärpolizei stand. Sie beging Kapitalverbrechen wie Anschläge, Entführungen und die „Hinrichtung“ Dan Mitriones. Dieser war ein als Entwicklungshelfer getarnter CIA-Agent und bildete die Polizei Uruguays in Foltermethoden aus, insbesondere in der Anwendung von Elektroschocks. - Als 1985 die Militärdiktatur beendet war, schafften die überlebenden Mitglieder der Gruppe den Absprung in die Demokratisierung und gründeten die Bewegung für die Beteiligung des Volkes, Movimiento de Participación Popular MPP. Nachdem er für die MPP über die Jahre hinweg verschiedene Ämter innehatte, wurde Mujica 2010 zum Präsidenten Uruguays gewählt. Seine Frau war als Senatorin und in weiteren Ämtern immer an seiner Seite.



Mujica auf Staatsbesuch in den USA | © Piffl Medien


Angesichts seiner Vorgeschichte ist es schon erstaunlich, Mujica mehr oder weniger auf Augenhöhe bei Präsident Obama zu sehen, der freundliche Worte für den ungewöhnlichen Gast findet. Kanzlerin Angela Merkel ist auch sehr freundlich, kann aber anscheinend nicht so viel mit ihm anfangen, denn er fällt schon sehr aus der Reihe. Ein Gutmensch in der Politik wirkt eher wie ein Alien, vor allem weil sich Mujica aus dem abgestandenen politischen Zeremoniell für hochrangige Staatsgäste gar nichts macht und es – halb amüsiert, halb ermattet – über sich ergehen lässt. Für ihn scheinen diese Zwänge ein Gefängnis der anderen Art zu sein, das er aber für seine Ziele in Kauf nimmt und resümiert: „Unser wichtigstes Ziel war, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen. Wir haben uns weniger als Guerrilla verstanden, mehr als politische Bewegung mit Waffen. Wir träumten davon, dass der Sozialismus vor der Tür steht. Wir stellten es uns viel einfacher vor, eine neue Gesellschaft aufzubauen, dass das alles nur eine Frage der Zeit wäre, aber eigentlich unabwendbar. Wir hatten diesen Glauben, und dieser Glaube hat uns angetrieben. Heute gibt es das nicht mehr für die Jugend. Es sind andere historische Umstände. Es gibt die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, aber nicht mehr diese feste Überzeugung von der Möglichkeit einer besseren Welt.“

Trotzdem halten Mujica und seine Frau an ihren Idealen fest. Die Kamera begleitet sie bei der Übergabe von Wohnungen für Benachteiligte in der Bevölkerung. Überall, wo er auftaucht, wird „El Pepe“ von den Menschen umringt und als einer der ihren gefeiert. Doch der Präsident sieht seine Möglichkeiten realistisch und betont, dass sich Politik nicht abgekehrt von den Menschen abspielen sollte: „Ich weiß, dass der Bau eines kleinen Hauses nicht die Probleme der Gesellschaft löst, dass man damit nicht den Sozialismus verwirklicht. Es geht einfach um sehr arme Menschen, die jetzt ein bisschen besser leben können. Das ist keine Revolution. Aber es geht um ein Mindestmaß an Würde. Man darf das Leben einer Generation nicht opfern, um in der Zukunft vielleicht eine etwas bessere Menschheit zu haben. Das Leben geht für die Leute schnell vorbei. Wir müssen uns deshalb um die konkreten Probleme kümmern – und gleichzeitig versuchen, etwas Langfristiges aufzubauen. Aber wir dürfen den Leuten keinen Opferweg abverlangen, weil uns das von ihnen trennen würde. Und wenn wir uns politisch von den Menschen entfernen, bleibt am Ende kein anderer Weg als die Gewalt, der Zwang und die Diktatur. Ich glaube, das ist einer der schwerwiegendsten Fehler, die das sozialistische Lager begangen hat. Wir müssen jetzt neue Wege gehen.“



Ein Präsident zum Anfassen | © Piffl Medien


Seine Präsidentschaft wurde durch zwei Initiativen geprägt. Im Jahr 2009 erhielten gleichgeschlechtliche Partnerschaften legalen Status und die Zulassung der Eheschließung, und das Recht auf Adoption ist auf den Weg gebracht. Sehr umstritten aber wegweisend war auch das weltweit erste Gesetz, das den kontrollierten Anbau und Verkauf von Marihuana gestattet. Das ist eine gezielte Kampfansage an die Macht der Drogenkartelle und der Versuch einer Eindämmung der Drogenkriminalität.

Seine Vergangenheit im Untergrund versucht Mujica hinter sich zu lassen: „Ich spreche nicht gern darüber. Wer kämpft, mit oder ohne Erfolg, wer sich in den sozialen Wandel verliebt hat und sich als Revolutionär sieht, muss damit leben, dass Tod und Gefängnis mögliche Konsequenzen sind. Die Menschen sind seltsame Wesen: Sie riskieren ihr Leben beim Rasen im Auto mit 300 Stundenkilometern. Es erscheint mir viel vernünftiger, das Leben für eine schöne Sache zu riskieren.“

Specognas Film ist gespickt mit Weisheiten und Erkenntnissen Mujicas, von denen man kaum glauben kann, dass sie von einem hochrangigen Politiker stammen: „In den Jahren im Gefängnis hatte ich viel Zeit, mich kennen zu lernen, und ich bin immer noch dabei.“ Man stelle sich eine Welt vor, in der die Entscheidungsträger sich selber kennen. Was für ein Gedanke.


*

Auch wenn sich Pepe Mujica mittlerweile im Ruhestand befindet, gibt es im Film eine Aussage von ihm, die das Potenzial zum Vermächtnis hat: „Wenn wir aufhörten, über unsere Verhältnisse zu leben und mit Umsicht vorgingen, könnten die über 7 Milliarden Menschen auf der Welt alles haben, was sie zum Leben benötigen. Die Weltpolitik sollte sich in diese Richtung bewegen. Aber wir denken immer noch als einzelnes Volk und Land und nicht als Spezies.“


Helga Fitzner - 5. März 2015
ID 8476
Weitere Infos siehe auch: http://www.pepe-mujica.de


Post an Helga Fitzner

UNSERE NEUE GESCHICHTE:

Teil 1 - Der gewaltlose Widerstand
Everyday Rebellion

Teil 2 - Der soziale Widerstand
Who Cares? - Du machst den Unterschied

Teil 3 - Der basisdemokratische Widerstand
Der große Demokrator

Teil 5
Viel Gutes erwartet uns

Teil 6
Flowers of Freedom



 

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