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nachDRUCK # 6

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Repertoire

Verlorene

Liebesmüh



Othello am Berliner Ensemble | Foto (C) Katrin Ribbe

Bewertung:    



Ist man wirklich gut beraten, kurz hintereinander innerhalb einer Spielzeit zwei Shakespeare-Stücke zu inszenieren? Im Fall von Michael Thalheimer, der im November vergangenen Jahres schon den Macbeth am Berliner Ensemble blutrünstig auf die Bretter knallte, muss die Frage nach dem nun nachgeschobenen Othello leider abschlägig beantwortet werden. Mit der Heiner-Müller-Version des Macbeth hatte Thalheimer noch einen Text, aus dem er eine seiner berüchtigten Kernfassungen schöpfen konnte. „Heiner Müllers Übersetzung ist viel mehr als nur eine Überarbeitung. Sie ist ein originäres Drama über die Dialektik der Macht.“ tönte dazu noch das BE.

Die Othello-Übersetzung des 2018 verstorbenen Dramatikers Werner Buhss ist dem Regisseur dagegen nur noch eine Art Stichwortgeber. Shakespeares Othello hat leider auch recht wenig mit Dialektik zu tun. Und auch der Untertitel der Buhss-Übersetzung Venedigs Neger dürfte Thalheimer nicht interessiert haben, zumal das N-Wort wie das verpönte Blackfacing der Titelfigur nicht mehr zeitgemäß p.c. ist.

Ingo Hülsmann als Thalheimers Othello steht also am Anfang als nackter roter Fleischberg an der Rampe von Olaf Altmanns wieder ganz leergeräumten Drehbühne und wird von einer ebenfalls nackten aber weißen Desdemona (Sina Martens) von hinten entsprechend übertüncht. Das Vermischen der verschiedenen Hautfarben in diesem Fall ist auch nicht wirklich neu. Bei Thalheimer hat es aber eher den Sinn, dem Blutrot des Kriegers die weiße Unschuldsfarbe entgegenzusetzen. Dass das stark gestrichene sonstige Stückpersonal ebenfalls weiße Farbe im Gesicht hat, ist hier so überflüssig wie das pathetisch im Vereinigungs- und Würgeritual vorweggenommene Stückende. Dazu trommelt immer wieder ein Schlagzeuger im Takt von Bert Wredes Sound.

Ingo Hülsmann gehört zu den Thalheimer-Schauspielern der ersten Stunde. Nach seinem stoischen Wallenstein an der Schaubühne ist er mit dem Othello mal wieder in einer Titelrolle zu sehen. Er schwitzt dabei reinstes Testosteron. Etwas, worum die anderen, unteren Chargen wie Fähnrich Jago (Peter Moltzen) und Leutnant Cassio (Nico Holonics) den schwarzen bzw. roten General wohl heimlich beneiden und wie Jago auch mal ganz öffentlich als „schwarzen Bock“ verachten. Einen tumben Rodrigo braucht der verschlagene Intrigant hier nicht. Er weiß das Volk hinter sich, das Thalheimer als Chor mit grauen Kitteln und Tüten überm Kopf wie den Ku-Klux-Klan auftreten lässt.

Das ist dann schon alles an Aktualisierung, auch wenn das so wie eine antike Schicksalstragödie wirkt, an deren Ende Othello wie göttlich vorbestimmt seiner Eifersucht erliegt und Desdemona erwürgt. Thalheimer lässt das hier in 110 Minuten runterspielen inklusive der bekannten Taschentuchintrige, der Desdemona zum Opfer fällt. Als ihre Geschlechts- und Leidensgenossin darf hier Kathrin Wehlisch als berlinernde Emilia der toxischen Männlichkeit um sie herum etwas entgegensetzen, ansonsten ist das weibliche Personal nicht besonders gefordert. Aber auch Jago und Cassio zappeln hier nur immer wieder im Schlagzeugbeat, bis auch der dem Eifersuchtswahn verfallene Othello zuckend und stammelnd am Boden liegt und von Jago triumphierend bespuckt wird. Der männliche Speichelfluss ist an diesem Abend besonders produktiv. „Männer sind nun mal keine Götter“, weiß da Desdemona. Dass ihnen am Ende der eigene Ruf mehr wert ist als die Liebe einer Frau, die sie doch nur für eine Hure halten, erkennt sie zu spät. Das Ende ist wieder reinstes Brüllpathos.

*

Sechs Thalheimer-Inszenierungen (inklusive zweier Übernahmen aus Oliver Reeses Intendanz in Frankfurt) sind mittlerweile im Spielplan des Berliner Ensembles. Allein das zeigt die Krux der Intendanz Reese, die ansonsten mit Romanadaptionen und einigen Stückaufträgen in dieser Spielzeit bislang nur wenige Erfolge verzeichnen konnte. Michael Thalheimer muss es dann mit dem Klassiker Shakespeare wieder richten. Im Falle des Othello ist das leider nur verlorene Liebesmüh.



Othello am Berliner Ensemble | Foto (C) Katrin Ribbe

Stefan Bock - 26. April 2019
ID 11369
OTHELLO (Berliner Ensemble, 25.04.2019)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüm: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Musiker: Ludwig Wandinger
Choreinstudierung: Marcus Crome
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Mit: Ingo Hülsmann (als Othello), Sina Martens (als Desdemona),Peter Moltzen (als Jago), Kathrin Wehlisch (als Emilia) und Nico Holonics (als Cassio) sowie den Schlagzeugern Ludwig Wandinger und Johann Gottschling
Premiere war am 13. April 2019.
Weitere Termine: 02., 03., 10., 11., 28.05. / 05., 22., 23.06.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


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