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Premierenkritik

Schlachtfest



Sascha Nathan als Macbeth am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Vor einer Woche hatte das Berliner Ensemble ein Bild aus dem Theaterkühlschrank auf Facebook gepostet. Der war randvoll mit Universal-Effektblutflaschen. Geprobt werde Macbeth, ließ man verlauten. Na klar. In Shakespeares Königsdrama wird bekanntlich viel gemeuchelt, und wenn der Regisseur Michael Thalheimer heißt, dann kann der Vorrat an Theaterblut nicht groß genug sein.

Das sollte sich dann auch bei der Premiere bewahrheiten. Wie in Blut gebadet sind schon zu Beginn die nackten Hexen (Kathrin Wehlisch, Niklas Kohrt, Ingo Hülsmann). Zunächst umschmeichelt so Kathrin Welisch den alten König Duncan (auch Ingo Hülsmann), der den Schlachtenschilderungen eines Boten (Niklas Kohrt) lauscht, bevor sie dann zu dritt den für Duncan kämpfenden Macbeth (Sascha Nathan) und Banco (Tilo Nest) die bekannten Weissagungen von Thans- und Königswürde überbringen. Viel schottischer Nebel dampft über die leere Drehbühne, die Olaf Altmann nur mit einem zusätzlichen Bretterboden ausgelegt hat. Zwei seitliche Scheinwerfer beleuchten die dunkle Szenerie. Eine ganze Batterie bringt zusätzlich Licht von hinten, in dem die Protagonisten zur Rampe schreiten und ihren Text wie üblich bei Thalheimer mehr brüllend ins Publikum schleudern. Den Beat zum Schlachten liefert der stetig wummernde Sound von Bert Wrede.

Gespielt wird die 1971 geschriebene Textfassung vom Heiner Müller. „Die Welt hat keinen Ausgang als zum Schinder / Mit Messern in das Messer ist die Laufbahn.“ Das fatalistisch-nihilistische Weltbild Müllers passt gut zu Thalheimers bekanntlich recht düsterer Auffassung über die Art des Menschen. Nur hat Müller dem Shakespeare’schen Drama des Königsmörders Macbeth und seiner ihn antreibenden Lady noch eine untere Ebene eingezogen. Da morden sich die Edelleute nicht nur gegenseitig um die Macht, da werden auch einige Bauern gequält und gemeuchelt. So ein bibberndes Fleischbündel legt Sascha Nathans Macbeth seiner ihn zum Mord an Duncan aufstachelnden Lady (Constanze Becker) als Anschauungsobjekt vor die Füße. Das erzeugt zunächst Brechreiz, aber später nach der Tat, wird sie dem zitternden Gatten die Messer aus der Hand nehmen, um sie den mit Duncans Blut besudelten Pagen unterzuschieben. Im Blut der anderen vereint, steigt das Paar auf.

Das geht bekanntlich solange weiter, bis die Toten wieder zurückkehren und als Geisterscheinungen erst Macbeth heimsuchen, bis Schuldgefühle und Albträume dann auch die Lady in Wahn und Tot treiben. Um Banquo und seinen Sohn Fleance aus dem Weg zu räumen, bedient sich Macbeth hier dreier gedungener Mörder in blutigen Fleischerschürzen. Die entmannen gemäß Heiner Müller den quiekenden Banquo und treiben mit der Beute ihren blutigen Schabernack. Nicht besonders mannhaft gebiert sich auch der seine barbusige Gattin mit dem Bauch wegschubsende Oberschlächter. Constanze Becker, die am Berliner Ensemble in Albert Camus' Caligula selbst einen irren Mörder spielen darf, kommt hier als Lady Macbeth leider etwas zu kurz.

Sascha Nathan ist trotz der Massigkeit des Körpers ein Wicht, der den trotzigen Kind-König spielt, in dieser Pose aber nicht in den Schoß der Unschuld zurückkehren kann. Ein Grundthema der schicksalhaften Apotheose des Bösen bei Heiner Müller. Erst ist es der Wille zur Macht, der ihn antreibt, dann, einmal mit solcher Anstrengung und Grausamkeit ans Ziel gelangt, kann sich Macbeth nicht mehr selbst von der Macht trennen. Angst vor seinen Gegnern ist dabei sein ständiger Begleiter. Und so watet der Schlächter weiter im Blutsumpf, bis er selbst am Ende, wie von den Hexen prophezeit, von Macduff zur Strecke gebracht wird. Ingo Hülsmann würgt von hinten den mit angstverzerrtem Gesicht ins Publikum Starrenden. „Mein Tod wird die Welt nicht besser machen“, sind Macbeth‘ letzten Worte. Mit dem jungen Malcom kommt schon der nächste Kind-König von hinten an die Rampe und setzt sich die Krone aufs Haupt. Macht korrumpiert, ist die einzige, allgemeingültige Aussage des Abends. Damit ist der Kreislauf der ewigen Gewalt geschlossen.

Heiner Müller hatte seinen Macbeth aus der Shakespeare`schen Dichtung wieder in einen historischen Kontext gestellt. Da Thalheimer den kapitalismuskritischen Ansatz von Müller weginszeniert und allein auf den Hauptprotagonisten fokussiert, bleibt da am Ende nur ein nacktes, wimmerndes Würstchen, dessen Schicksal es ist, aus einer fixen Idee eine blutige Ideologie zum Machterhalt zu schaffen. Die Wucht von Müllers Text und Thalheimers Inszenierung passen formal gut zusammen, auch wenn es in dieser Stringenz dann doch recht spannungsarm ist. Müller selbst hat das Stück 1982 an der Volksbühne mit drei Macbeth-Darsteller inszeniert. Sicher nicht ohne Grund. Das löst die strenge Form, die Thalheimer unbedingt beibehalten will. So steht er sich formal oft selbst im Weg. „Der Mond schneit Blut.“ Und morgen wird es wieder weggewischt. Im Kühlschrank steht ja neues.



Macbeth am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn

Stefan Bock - 1. Dezember 2018
ID 11075
MACBETH (Berliner Ensemble, 29.11.2018)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Ulrich Eh
Mit: Constanze Becker (als Lady Macbeth), Ingo Hülsmann (als Duncan, Macduff und Hexe), Sascha Nathan (als Macbeth), Tilo Nest (als Banquo), Kathrin Wehlisch (als Malcolm, Pförtner und Hexe) sowie Niklas Kohrt (als Hexe und Mörder)
Premiere war am 29. November 2018.
Weitere Termine: 03., 06., 26.12.2018


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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