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Premierenkritik

Christina Tscharyiski verhandelt Elfriede Jelineks Text zur Ibiza-Video-Affäre mit Ironie, viel Musik und einem reinen Damenensemble



Schwarzwasser von Elfriede Jelinek am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn

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Immer noch ein eher seltenes Bild ist ein rein weibliches Produktionsteam beim Applaus. Stark bejubelt wurden jetzt im Kleinen Haus des Berliner Ensembles die vier Schauspielerinnen, drei Musikerinnen, Regisseurin, Kostüm- und Bühnenbildnerin bei der Premiere von Schwarzwasser, dem letzten Stück der im deutschsprachigen Raum bekanntesten Autorin Elfriede Jelinek. Nach der Uraufführung am Burgtheater Wien und der deutschen Erstaufführung am Schauspiel Köln im ersten Coronajahr, konnte die Inszenierung der österreichischen Regisseurin Christina Tscharyiski, die auch schon für den letzten Herbst geplant war, endlich vor Publikum aufgeführt werden.


„Ich habe ein Art Satyrspiel zu den Bakchen geschrieben“, heißt es in Fischzug im Trüben - eine Anmerkung zu Schwarzwasser, einem Essay von Elfriede Jelinek zur Entstehung ihres Stücks. Die österreichische Nobelpreisträgerin verarbeitet darin die Ibiza-Affäre 2019 um ein heimlich gedrehtes Video, in dem der damalige österreichische Vizekanzler HC Strache einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte in einer Villa auf der Urlaubsinsel Ibiza halb Österreich versprach und dazu jede Menge Gesetze beugen wollte. Das Ende des charismatischen FPÖ-Politikers und Rechtspopulisten, das auch den Bruch der Regierungskoalition mit der ÖVP unter dem nicht minder beliebten Sebastian Kurz bedeutete. Eine verhängnisvolle Männer-Allianz, wie im Zuge des sogenannten Ibizagate an die Öffentlichkeit gelangte. Viel genutzt hat es nicht. Nach dem Absturz der FPÖ bei Neuwahlen konnte sich die ÖVP etablieren und bildet nun mit den erstarkten Grünen das Kabinett Kurz II.


Sehr viel Einfluss attestiert Elfride Jelinek auch dem Theater nicht. Trotzdem hört sie nicht auf sich zu Wort zu melden. Immer wieder stehen in ihren langen Textflächen politische Verwerfungen zur Debatte. „Ein bacchanalisches Setting“ ist also dieses Treffen in Ibiza für die Autorin. Aber das „mickrige Gelage“ sei im Grunde nur Stoff für Kabarettisten. Und so versucht die Jelinek die männliche Arroganz, Machtgeilheit und Dummheit zu parodieren und lächerlich zu machen, wie sie weiter in ihrem Essay schreibt. Natürlich ist auch das bester Stoff für das Theater, das immer wieder versucht, die Jelinek`schen Textflächen zu dramatischem Leben zu erwecken.

Im Zentrum von Schwarzwasser, einem Synonym für Toilettenabwässer, steht also die toxische politische Männlichkeit, deren Ansichten und Reden das Volk wie ein Keim befallen. Passende Video-Bilder liefert die übergroße Projektionsfläche an der Bühnenrückwand, wo neben Strache und Kurz auch bekannte Populisten wie Donald Trump oder Björn Höcke auftauchen. Das Damenquartett aus Claude De Demo, Bettina Hoppe, Cynthia Micas und Stefanie Reinsperger trägt zu Beginn weiße Burschenschaftleruniform mit Schärpe in Österreichfarben und lässt keinen Zweifel daran, wo der Machthammer hängt. Jelinek hat sich zum Thema Gewalt und Gewaltkontrolle in der menschlichen Gesellschaft auch beim französischen Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard bedient. Da geht es u.a. um eine Opfer- und Sündenbocktheorie.

Als Opfer würden sich auch gern die über das besagte Video gefallenen Männer stilisieren, was Bettina Hoppe bei einer blumigen Rede von hoher Kanzel herab vorführt. Dann geht es natürlich auch um „fremde Bazillen“, die man ganz schnell wieder loswerden will. Rechtslastiges Gedankengut („Wir haben es damals nicht zu Ende führen können.“) trifft auf fruchtbaren Boden, wobei man den Deutschen dann doch lieber den Vortritt lässt. Jede der vier Schauspielerin bekommt hier ihr „Gott“gleiches Solo auch mal vor Live-Kamera. Dabei sticht gewohnheitsmäßig besonders Stefanie Reinsperger hervor, vor allem als Gott Dionysos. Noch sichtbarer auf der kleinen Drehbühne ist ein überdimensioniertes Fabelwesen mit zähnefletschendem Wolfskopf, Fledermauskörper und Rattenschwanz. Das personifizierte Böse in Gestalt eines Monstrums. So metaphernreich und kalauernd der Text, so auch das Bühnenbild von Dominique Wiesbauer und die Ausstattung von Svenja Gassen. Da zwängen sich die Darstellerinnen auch mal in Schmeißfliegenkostüme.

Begleitet wird das von einem Elektropop-Trio mit den Musikerinnen Laura Landergott, Maya Postepski und Jessyca R. Hauser, die den Sound zum Kabarett liefern und neben Poppigem auch den Rammstein-Song Du hast oder deutsches Heimatliedgut im musikalischen Gepäck haben. Auch die Sitzecke der Ibiza-Villa mit gläsernem Couchtisch, Wodka und Red Bull ist zu sehen. Da haben die Damen schon wieder Trenchcoat, Blondperücke und Sonnenbrille auf. Es bleibt kaum etwas ungesagt, -gesungen oder -gezeigt. Ein wenig krankt der Abend an seinen spärlichen Regieeinfällen, die sich doch meist auf Kostümwechsel beschränken, und einem trotz Streichungen etwas Zuviel an mäanderndem Text, der immer gut aufgeteilt sein will und doch weit weg und sperrig bleibt. Jelineks Suda über Gewaltmodelle männlicher Politiker einem Damenquartett in den Mund zu legen und somit zu travestieren, ist gut gedacht und auch beherzt gespielt, bleibt aber unterhaltende Ironie.



Schwarzwasser von Elfriede Jelinek am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn

Stefan Bock - 20. August 2021
ID 13087
SCHWARZWASSER (Kleines Haus, 18.08.2021)
Regie: Christina Tscharyiski
Bühnenbild & Video: Dominique Wiesbauer
Kostüme: Svenja Gassen
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Musik: Laura Landergott, Jessyca R. Hauser
Mit: Claude De Demo, Bettina Hoppe, Cynthia Micas und Stefanie Reinsperger
Live-Musik: Laura Landergott, Maya Postepski und Jessyca R. Hauser
Uraufführung am Burgtheater Wien: 8. Februar 2020
Premiere am Berliner Ensemble: 18. August 2021.
Weitere Termine: 28., 29.08.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/


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