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Premierenkritik

Die Aufzeigerin

Elfriede Jelinek und ihr SCHWARZWASSER


Lola Klamroth in Schwarzwasser von Elfriede Jelinek am Schauspiel Köln | Foto (C) Tommy Hetzel

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Im Februar d.J. erlebte Elfriede Jelineks neuester Theater-Text Schwarzwasser am Burgtheater Wien seine Uraufführung; das war noch paar Wochen vor Corona & Co. und wurde also von den dortigen Machern - völlig ahnungslos, was da demnächst auf sie, auf Wien und Österreich und auf Europa und den Rest vom Globus mit Beschränkungen und Schließungen und Ausfällen etc. pp. so alles zukommen sollte - brachial gestemmt.

Nun sah und sieht das weltweit freilich etwas anders aus, und:

Jelinek hatte sich doch tatsächlich, und obgleich ihr Stück zur Jahresfrist längst abgeschlossen war, mit "Keimen" und "Bazillen" wortwörtlich (und selbstverständlich metaphorisch) auseinandergesetzt; und wenn man das jetzt - anlässlich der deutschen Erstaufführung letzten Samstagabend bei dem szenischen Parcours am Schauspiel Köln - so hörte, wollte man fast meinen, dass die größte Seherin unserer Zeit den Pandemieschrecken mit dieser Schreckenspandemie voraus- bzw. wahrzusagen sich durchaus hätte befähigt fühlen können; Jelinek legte und legt zumeist am rechten Ort zur rechten Zeit den Finger in die Wunde:



"Das Übel wurde ins Land geschleppt. Wer hat den Keim gesät? Der Keimträger muß aus der Stadt entfernt werden als ein Übel, mit dem man aber fertigwerden kann. Die Pest ihm an den Hals, dem Überträger unseres Keims, der hat dafür gesorgt, daß sich etwas vermehrt! Dabei haben wir ihn jetzt und für immer am Hals. Der bleibt uns. Er wurde irgendwann mal eingeschleppt, und jetzt bleibt er uns. Er stößt Reden aus, er spricht, aber nur, was er selbst hervorgebracht hat. Was andres kennt er nicht. Er verbreitet den Keim und verschleudert uns alle. Gut so. Die Gegenwart dieses Wesens verseucht das ganze Land. Die Pest wurde nicht gerufen, doch sie kam, dieses Wesen wurde gerufen, und mehrere kamen, alle schon angeführt, ohne es zu wissen, zuerst zwei, dann viele, die aber vorher schon da waren, keiner kam zu früh, keiner zu spät. Nicht einmal, wenn der, ich habe vergessen, wer, sein wahres Wesen zeigt, werden wir ihn wieder verstoßen. Er wird wiederkommen. Wir warten auf seine Wiederkunft, die wird unsere Niederkunft sein. Wir wollen nur schauen, reingelassen oder rangelassen werden wir nicht. Es wird nichts dabei herauskommen. Wir fühlen uns wohl mit ihm, mit diesem Keim, diesem Saatgut, es hat sich vermehrt, vervielfacht und fühlt sich jetzt wohl mit uns. Krank kann jeder werden, der sich den Keim holt und nach Hause trägt. Der Keim ist auch nicht gratis, er wird als Gewaltmodell für uns alle noch herhalten müssen.

[...]

Nein. Jetzt sind einmal die Unsrigen dran und dann noch einmal und noch einmal, die so brav gewartet haben. Bis ihnen die Straßen, die Zeitung, ja, nur die eine, und das Wasser, ja, nur dies eine, und die Seen, ja, diese paar Seen, da sind wir uns einig, sind ja nicht viele, bis die uns nicht mehr gehören. Bis uns gar nichts mehr gehört, nichts mehr außer der Keimschleuder, die wir selbst gerufen haben. Da sind fremde Bazillen, die müssen wir schnell wieder loswerden."

(Zitat aus Schwarzwasser von Elfriede Jelinek)



Jörg Ratjen in Schwarzwasser von Elfriede Jelinek am Schauspiel Köln | Foto (C) Tommy Hetzel


Klar geht es diesmal, wie sooft, um eine der bevorzugtesten Angriffsflächen unserer Autorin: Österreich und seine Alt- und Neunazis.


"Eine spanische Insel, ein österreichischer Politiker, eine russische Oligarchennichte: eine toxische Kombination. Denn vor laufender, heimlich installierter Kamera verspricht der Mann der Frau die Herrschaft über die nationale Medien-Landschaft, um die eigene Macht zu stärken. Die heimische Natur verkauft er ihr in seinem dionysischen Rausch gleich mit: Flüsse und Seen könne man gewinnbringend privatisieren, Berge und Täler für den lukrativen Straßenbau nutzen. Als der Plan publik wird, zerreißt es den Politiker samt Regierung. Auch der junge Kanzler fällt, der nur kurz im Amt war, aber für viele unverändert als Heilsbringer gilt...

Die Namen der handelnden Personen in Schwarzwasser sind hinlänglich bekannt, spielen jedoch keine Rolle, denn wie stets geht es Elfriede Jelinek um Grundsätzliches. Virtuos verknüpft sie Tagesaktualität mit antiken Dramen – hier vor allem Euripides’
Die Bakchen – und zeigt, wie sich rechtspopulistische Positionen, einem Virus gleich, rasend schnell ausbreiten und sämtliche Lebensbereiche infizieren. Nachhaltig vergiften sie das Klima, gesellschaftlich wie ökologisch, bis die globale Katastrophe droht."


Das [s.o.] annotiert der ihre Stücke herausgebende Rowohlt Theaterverlag, und es beschreibt in aller Kürze, worum es im neuen Fließtext der Autorin geht - wir hatten übrigens die 28-seitige Spielfassung von Regisseur Stefan Bachmann einsehen dürfen und vermuteten, dass es sich hierbei (womöglich) "nur" um eine Art von Rumpfgebilde gehandelt haben könnte, denn die Jelinek'sche Bühnenprosa ist erfahrungsgemäß um ein paar Dimensionen textlastiger.

*

Bachmann hatte eine völlig andere Inszenierung vor als die, die wir dann sahen - wegen der akuten Abstands- und Hygieneregeln modelte er alles um, ja und heraus kam eine über alle Maßen witzige Objektbegehung durch die Hallen, Gänge und Container der das Schauspiel Köln noch immer beherbergenden Carlswerker Depots in Mühlheim. Sieben Gruppen zu je fünf Besuchern gelangten innerhalb von anderthalb Stunden an sechs Ziele, wo sie von je einer Schauspielerin oder einem Schauspieler mit einer jeweils 10 bis 15-minütigen Solo-Performance in Empfang genommen wurden. Man weilte ständig "hinter der Bühne": im Heizhaus, vor der Behindertentoilette, im Magazin, in der Requisite, in der Maske...

Und Vera Flück, Nicola Gründel, Lola Klamroth, Peter Knaack, Tom Radisch sowie Jörg Ratjen absolvierten ihre jeweiligen Monologe resp. Teilabschnitte aus dem Schwarzwasser.




Tom Radisch in Schwarzwasser von Elfriede Jelinek am Schauspiel Köln | Foto (C) Tommy Hetzel


Jelinek tut sich nach wie vor dem Zeitgeist voll und ganz verschreiben, doch im Gegensatz zu anderen KollegInnen von ihr, die aus so selbstgewählten zeitgeistigen Materialien i.d.R. bloß vergessenswerten Schrott zu fabrizieren in der Lage sind, schafft sie dann (jedesmal!) - dank ihres unverwechselbaren Sprachbetons - den fast schon schwerelosen Sprung ins Welt(en)literarische.

Kann derzeit wohl nur sie, die Aufzeigerin!


Andre Sokolowski - 15. September 2020
ID 12464
SCHWARZWASSER (Depot, 12.09.2020)
Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Florian Lösche
Kostüm: Jana Findeklee und Joki Tewes
Komposition und Musikalische Einrichtung: Gajek
Choreografie/Körperarbeit: Sabina Perry
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Sarah Lorenz
Mit: Vera Flück, Nicola Gründel, Lola Klamroth, Peter Knaack, Tom Radisch und Jörg Ratjen
Uraufführung am Burgtheater Wien: 8. Februar 2020
DEA am Schauspiel Köln: 12. September 2020
Weitere Termine: 08., 14.10.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln/


http://www.andre-sokolowski.de

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