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Premierenkritik

Darf Kunst das?



Ode von Thomas Melle am Schauspiel Köln | Foto © Krafft Angerer

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Kunst kann so vieles sein; sie kann verwirren, einschüchtern, breite Gebiete des Wissens reflektieren. Kunstobjekte erzählen auch immer davon, wie wir Dinge wahrnehmen. Im Artikel fünf des Grundgesetzes steht, das Kunst und Wissenschaft frei sind. Thomas Melles Drama Ode (2019) handelt humorvoll und schräg von möglichen Grenzen der Kunst und des guten Geschmacks.

Zu Anfang bewegt sich ein illustrer Kreis von sechs Figuren über die Bühne mit Blick gen Publikum. Die etablierte Künstlerin und Professorin Fratzer (ausdrucksstark: Yvon Jansen) präsentiert just auf einer Vernissage ihr neuestes Objekt; eine soziale Plastik. Das nicht gegenständliche Kunstwerk, entsteht erst durch die Zuschauerreaktionen. Die Koryphäe des sogenannten „Bad Painting“ nennt ihr Werk „Ode an die alten Täter“, womit die Nationalsozialisten gemeint sind. Als Besucher herausfinden, dass ihr ein gar noch zynischerer Titel vorschwebte, ist dies ein drastischer Affront für das sichtlich erregte Publikum.

Rafael Sanchez, der zuletzt mit seiner sehenswerten Inszenierung How to date a feminist auffiel, inszeniert Ode als ein lustvolles und pointiertes Spektakel voller kollidierenden Meinungen und Zuspitzungen. Thomas Melle, der in seinem jüngsten Roman Die Welt im Rücken (2016) die eigene bipolare Störung auch humorvoll behandelte, legt hier ein reflektiertes, gewagtes und kluges Stück vor. Zahlreiche aktuelle gesellschaftliche Diskurse werden gestreift, etwa Tabus und eine Kritik an einer möglichen Cancel Culture, Migration, die Identitätsthematik, die identitäre Bewegung und Rechtspopulismus.

Ode widmet sich aber insbesondere gegenwärtigen Diskussionen über die Bedeutung von Kunst, insbesondere des Theaters. Sind Nacktheit von Frauen, stereotype Darstellungen der Geschlechter oder Gewaltexzesse auf der Bühne heute ein No-Go? Dürfen Darsteller das Hakenkreuz mit ihren Körpern nachstellen? Und falls nicht, ist dann das Zitieren einer solchen Körperhaltung selbst als Replikation verboten? Darf heute noch ein weißer, älterer Mann eine türkische Putzfrau spielen? Falls nicht, stärkt das wirklich die ach so gewünschte Diversität und Vielfalt?

Was geht noch, was nicht mehr, was darf man oder muss man sagen und was auf keinen Fall. Herrlich überkandidelte Figuren agieren köstlich in absurden Dialogen oder auch irrsinnigen, selbstreflexiven Monologen. Ode macht sich mit keiner der überspitzt dargebotenen Positionen gemein, sondern führt sie stets bis zur Abstrusität vor. Da wird „Hassrede“ gerufen, „Opferneid“ proklamiert oder eine Position mit dem Ausruf „Tätermakel“ für abseitig befunden. Bei aller ironischen Distanz setzt sich das Drama inhaltlich jedoch intensiv und ehrlich mit den dargestellten Positionierungen und Posen auseinander.

Die Lust am Schauspielern selbst schillert insbesondere im letzten, extra für die Kölner Inszenierung von Melle dazugedichteten Teil des Stückes hervor. Es wird zwar behauptet, dass nunmehr nach 2.000 Jahren das Theater womöglich am Ende ist, aber mit fulminanter Spielkraft und Freude am Inszenieren wird auch diese, von den Schauspielern zwar bezweifelte, aber dennoch gelebte Realität gezeigt. Derartige stetige Ambivalenzen machen den Reiz von Ode aus. Nichts ist mehr gewiss. Dies so mit prallem Leben zu füllen macht dann doch irgendwie hoffnungsvoll. Theater kann lebendig sein, auch jetzt noch.

*

Neben Yvon Jansen glänzen Paul Basonga, Nikolaus Benda, Nicola Gründel, Benjamin Höppner, Rebecca Lindauer und Kei Muramato nicht nur schauspielerisch, sondern auch durch tänzerische und teils auch gesangliche Darbietungen. Die Live-Musik besorgt dabei Cornelius Borgolte. Übrigens verweist der Name Fratzer möglicherweise auf das fragmentarische Bühnenstück Fatzer (1931) von Bertolt Brecht. Auch gegen Ende der über zweistündigen und trotzdem kurzweiligen Performance wird man an Brecht erinnert. Ein ambitionierter, aber von seinem hypersensibilisierten Ensemble ausgebremster, Theaterregisseur kriecht über die Bühne. Seine Darsteller wollen seine Figuren aus moralisch-ethischen Gründen nicht nachstellen. Er sinniert nur noch darüber, dass er Hunger hat und essen will. Wie heißt es doch in der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“



Ode von Thomas Melle am Schauspiel Köln | Foto © Krafft Angerer

Ansgar Skoda - 21. September 2021 (2)
ID 13157
ODE (Depot 2, 17.09.2021)
von Thomas Melle

Regie: Rafael Sanchez
Bühne: Thomas Dreißigacker
Kostüm: Maria Roers
Musik: Cornelius Borgolte
Video: Nazgol Emami
Licht: Michael Frank
Dramaturgie: Sibylle Dudek
Mit: Paul Basonga, Nikolaus Benda, Nicola Gründel, Benjamin Höppner, Yvon Jansen, Rebecca Lindauer, Kei Muramoto und dem Live-Musiker Cornelius Borgolte
Uraufführung im Deutschen Theater Berlin war am 20. Dezember 2019.
Premiere (der 2021er Fassung) am Schauspiel Köln: 17. September 2021
Weitere Termine: 23.09./ 09., 10., 15., 16.10.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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