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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Lost future



Ceren Sengülen (links) und Erenay Gül in Jugend ohne Gott am Schauspiel Köln | Foto © Ana Lukenda

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Wie begegnet ein Lehrer Jugendlichen, die zu allem bereit scheinen außer zur schulischen Leistung? Welche Zukunft erwartet heute junge Menschen hierzulande in Zeiten des Klimawandels, des Rechtsrucks und des erstarkenden Islams? Welche Erwartungen haben Eltern gegenwärtig an ihre Kinder? Kann militärischer Drill ein Gemeinschaftsgefühl schaffen? Wie geht die Gemeinschaft dann mit Außenstehenden um?

Jugend ohne Gott, Ödön von Horváths Antikriegsroman von 1937, beschreibt eine Art faschistische Diktatur, in der Schüler keine Eigennamen mehr tragen, sondern nur noch Buchstaben zugeordnet werden. Schon eine Aussage wie "auch Neger seien Menschen" kann hier einem Lehrkörper zum Verhängnis werden, wenn Kinder dies brühwarm ihren linientreuen Eltern daheim erzählen. Neben abgestumpfter Unterordnung und Gehorsam prägt ein menschenverachtender Hass auf Fremde den gesellschaftlichen Alltag. In einem Osterlager der Jugendlichen eskalieren Konflikte, und es kommt zu einem Mord. Neben der titelgebenden Religiosität thematisiert die Vorführung auch eine Liebesgeschichte. Horváth schrieb seinen Roman einzig aus der Perspektive des Lehrers, den die Zöglinge abfällig Froschauge nennen. In der Kölner Inszenierung mimt Felix Zimmermann diesen Pädagogen betont blass, überfordert und ängstlich.

Einziges Requisit auf der kargen, ebenerdigen Spielfläche ist eine großformatige, dunkle, seitlich nach oben erhöhte Drehbühne, die vielfach in das Spiel mit einbezogen wird (Bühne: Sebastian Bolz). Die Darsteller agieren aufgrund der Corona-Einschränkungen meist mit einem Abstand zueinander von etwa anderthalb Metern. Ein Eindruck von Nähe wird dadurch erzeugt, dass sie sich regelmäßig mit teils beeindruckend synchroner Gestik und Mimik zu eingespielten Beats und Bassmusik bewegen (Choreografie: Judith Niggehoff). Die übermütigen und kraftstrotzenden Figuren agieren wütend und gewaltbereit. Sie übertrumpfen sich zeitweise in ihrer Mitleidlosigkeit oder Coolness. Wohin mit der ganzen Energie, wenn nicht Gewalt doch eine Lösung ist? Die jungen Charaktere sind empfänglich für Reize, vertreten eine Dramatik der Ausschließlichkeit. Welchen Weg können Jugendliche einschlagen, wenn positive Vorbilder fehlen? Heftige Sehnsüchte und eine Unbedingtheit des Gefühlsempfindens werden laut. Dabei verfügen die jungen Schüler jedoch über eine nur beschränkte Vorstellungskraft, wohin etwas führen kann.

N (Hanna Nagy) reicht beim Lehrer einen Aufsatz mit rassistischen Äußerungen ein. Artosha Jasmin Mokhtare lockt in der Rolle des herumstreichenden Mädchens Eva den verführbaren Erenay Gül als Z mit kraftvoll-verführerischem Gesang. Justin Herlth bläut den Eleven als Schulleiter und später in der Rolle eines Feldwebels furchteinflößend Zucht und Ordnung ein, macht dabei jedoch ausdrucksstark auch dem Lehrer Angst und Bange. Der wohl jüngste Akteur Ruben Chwilkowski spricht als W gegen Ende einen berührenden Epilog auf das Leben: Auch wenn er den ganzen Tag vorm Computer Minecraft zocke, wünsche er sich insgeheim doch, dass ihm andere einen Weg in die Welt zeigen. Dabei öffnet er das schwere Seitentor zur Bühne und tritt nach draußen. Abendlicht fällt auf die Spielfläche. Ein Ruhepunkt nach dem hitzigen und aufwühlenden Geschehen.

Das IMPORT EXPORT KOLLEKTIV zeigte zuletzt Aldous Huxleys Dystopie-Klassiker Schöne, neue Welt und aktualisiert den Stoff durch Einbezug der Lebenswelten und möglicher Selbstreflexionen der jungen Akteure. Ein Coup, die letzten Produktionen der diversen Initiative des Kölner Schauspiel unter der Leitung des libanesischen Theatermachers Bassam Ghazi waren meist auserkauft, schon vor den Corona-Zuschauerbeschränkungen. Auch Ghazis Inszenierung von Jugend ohne Gott begeistert durch erfrischende, in die Geschichte einbezogene Gedanken der jungen Darstellerinnen und Darsteller. Jugend ohne Gott ist ein temporeich durchchoreographierter Parforceritt mit kraftvollen Bildern, gelungenen Einbezügen der Jetztzeit und eindrücklichen Darstellerleistungen. Wer letztes Jahr Dominic Friedels eher düstere Bonner Inszenierung gesehen hat, könnte meinen, er habe in einem anderen Stück gesessen, da Bassam Ghazi die Geschichte nach einer Neuadaptation der Schweizerin Tina Müller freier und auch ästhetisch anders, aber mindestens ebenso spannend umsetzt.



Darsteller des Import Export Kollektivs in Jugend ohne Gott am Schauspiel Köln | Foto © Ana Lukenda

Ansgar Skoda - 25. Oktober 2020 (2)
ID 12558
JUGEND OHNE GOTT (Depot 2, 23.10.2020)
Choreografie: Judith Niggehoff
Bühne: Sebastian Bolz
Kostüm: Elise Sophia Richter
Licht: Michael Frank
Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki
Regie: Bassam Ghazi
Mit: Krishna Adelberger, Artosha Jasmin Mokthare, Hanna Nagy, Erenay Gül, Justin Herlth, Dorota Lewandowska, Nihad Mustafa Ali, Ceren Sengülen, Sabri Spahija, Ruben Chwilkowski, Sara Malang und Felix Zimmermann vom IMPORT EXPORT KOLLEKTIV
Premiere am Schauspiel Köln: 23. Oktober 2020
Weitere Termine: 29.10. / 12., 13.12.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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