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Ach, diese

Jugend!



Jugend ohne Gott am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



In Kriegszeiten werden viele Jugendliche hilflos allein gelassen. Unter ihnen machen sich Verrohung, Gefühllosigkeit und Mitläufertum breit. „Was wird das für eine Generation?“ fragt ein Lehrer, der selbst insgeheim an der herrschenden Ideologie zweifelt. Doch ist da neben der Orientierungslosigkeit nicht auch Empathie und Zivilcourage unter einigen Heranwachsenden? Regisseur Dominic Friedel findet starke Bilder in Jugend ohne Gott nach dem gleichnamigen Erfolgsroman Ödön von Horváths von 1937. Neben den Ensemblemitgliedern Christian Czeremnych und Sören Wunderlich erfrischen in wechselnden Rollen siebzehn bemerkenswerte Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren [Namen s.u.].

*

Jugend ohne Gott beschreibt eine Art faschistische Diktatur, in der Schüler keine Eigennamen mehr tragen, sondern nur noch Buchstaben zugeordnet werden. Schon eine Aussage wie "auch Neger seien Menschen" kann hier einem Lehrkörper zum Verhängnis werden, wenn Kinder dies brühwarm ihren linientreuen Eltern daheim erzählen. Neben abgestumpfter Unterordnung und Gehorsam prägt ein menschenverachtender Hass auf fremde Rassen den gesellschaftlichen Alltag. In einem Osterlager der Jugendlichen eskalieren Konflikte, und es kommt zu einem Mord.

Die Jungdarsteller stehen anfangs mitten auf der Bühne enggedrängt in einer geschlossenen Box. Bald reißt die durchsichtige Plastikhülle des Behälters, und sie betreten nacheinander im Theaterrauch die Bühne. Ihre Körper wirken deformiert, da sie teils durch hautfarbige Fatsuits verfremdet werden (Kostüme: Maria Strauch). Auch das Bühnenbild von Julian Marbach befremdet etwas durch seine Fragilität und Bedeutungsoffenheit. Die Darsteller verschieben die beweglichen Eisengerüste und schaffen so neue Raumeindrücke. Unterschiedliche Handlungsorte des Romans wie ein Gericht oder ein Gruppenzelt werden angedeutet.

Neben der titelgebenden Religiosität thematisiert die Vorführung auch eine Liebesgeschichte und einen Kriminalfall. Horváth schrieb seinen Roman einzig aus der Perspektive des Lehrers. Regisseur Dominic Friedel vertauscht in seiner Inszenierung teilweise die Rollen der Generationen und Mehrheitsverhältnisse. Er lässt die Jugendlichen als Chor die Stimme des Lehrers widergeben und Christian Czeremnych in kurzen Hosen verschiedene Schüler verkörpern. Czeremnych mimt so unter anderem den Schüler Z., der lebhaft und leidenschaftlich davon erzählt, wie er von einem einer Räuberbande angehörenden Mädchen verführt wurde. Als Schüler T. verkörpert Czeremnych schließlich eine übereifrig getriebene Vaterlandstreue, die auf dem Faustrecht des Stärkeren beharrt. Sören Wunderlich hingegen porträtiert einen durch Krieg und Diktatur zutiefst verunsicherten und sich selbst hinterfragenden Ödön von Horváth.

Gegen Ende beweisen die 17 Jugendlichen Widerstandsgeist gegen menschenfeindliche Ideologien. Sie streifen ihre deformierten Kostüme ab. Die „kalten Zeiten“ eines im Stück beschworenen, mitteilungs- und mitgefühlslosen „Zeitalters der Fische“ lassen sie so hinter sich. Authentisch verkörpern sie zum Schluss eine Jugend von heute mit lebenszugewandten Plädoyers für Toleranz und Mitmenschlichkeit. Ein engagiertes, teilweise auch lustiges Stück, in dem gezeigt wird, wie sich die eigene Wahrnehmung, die eigenen Ideale und Visionen ebenso wie die Gesetzmäßigkeiten der Welt überraschend schnell verändern können.



Jugend ohne Gott am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 1. Juni 2019
ID 11453
JUGEND OHNE GOTT (Schauspielhaus, 27.05.2019)
Regie: Dominic Friedel
Bühne: Julian Marbach
Theaterpädagogische Mitarbeit: Susanne Röskens
Kostüme: Maria Strauch
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Mit: Sören Wunderlich, Christian Czeremnych, Hannah Marie Bahlo, Simon Alexander Hauck, Nico Helbling, Pia Heldmann, Laura Janik, Darina Kassner, Mieke Kleemann, Emma Klein, Hanna Münz, Thea Nünning, Anna Theresa Rickel, Frederic Röhr, Louisa Sophia Schnitzler, Lea Schümann, Mia-Josephine Semper, Ayano Shevlin und Leander Sparla
Premiere am Theater Bonn: 27. April 2019
Weitere Termine: 07., 140.6.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


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