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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Eltern for

Future



Birte Schrein als Jessica Höfel in Frau Müller muss weg am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Gute Noten entscheiden im letzten Grundschuljahr über den Wechsel an die höhere Schule. Für viele Eltern ist der Besuch eines Gymnasiums einziger Königsweg für das Kindeswohl. Oft wird zum Schuljahresende auch mit den Lehrern um einen bestmöglichen Notenabschluss gerungen. Das Erfolgsstück Frau Müller muss weg von Lutz Hübner & Sarah Nemitz über Wohlstandsverwahrlosung, Förderwahn und übergriffige Helikopter-Eltern wurde bereits 2015 prominent besetzt für das Kino verfilmt. Jens Groß‘ Inszenierung des Dramas am Bonner Schauspiel beginnt mit einer starken Szene. Schauplatz ist eine von Maria Strauch authentisch mit Barren, Pferd, Sprossenwand, Basketballkörben, Medizinbällen und Sitzbänken ausgestatte Turnhalle. Hausmeister Nieberg (Wolfgang Rüter) betritt diese Turnhalle, verschiebt einige Geräte und grummelt dabei halblaut etwas vor sich hin. Er erscheint offensichtlich so vereinsamt, dass er nicht mehr gewohnt ist, dass ihm andere zuhören.

Bald folgen ihm fünf Erwachsene in diese Turnhalle. Sie haben hier einen Termin mit Frau Müller, der gemeinsamen Klassenlehrerin ihrer Kinder in der 4b. Aufgrund eines Wasserrohrbruchs wurde der Elternabend kurzfristig in die Turnhalle verlegt. Die fünf besorgten und entschlossenen Erwachsenen sehen für die Verhaltensauffälligkeiten und schlechten Noten ihrer Kinder vor allem eine Ursache: Sabine Müller scheint den pädagogischen Anforderungen ihres Lehrberufs seit längerem nicht mehr gewachsen. Sie möchten das Fiasko eines schlechten Abschlusszeugnisses ihrer Kinder nun abwenden, indem sie der Klassenlehrerin das Vertrauen entziehen. Die fünf anwesenden Eltern behaupten, ihr Wunsch stütze sich auf eine Mehrheit der übrigen Elternschaft. Da Frau Müller sich gegenüber den Anschuldigen der Eltern zur Wehr setzt, die Eltern teilweise auch Neues über ihre Kinder erfahren und sich bald auch untereinander uneins sind, kommt es schnell zum Eklat.

Birte Schrein führt in der Rolle der Jessica Höfel die anwesenden Eltern herrisch an. Die laute und kratzbürstige Powerfrau ist jedoch nicht die einzige, die besserwisserisch-anklagende Vorträge über Prinzipien und Moral halten möchte. Unter den Eltern kommt es bald zu Eifersüchteleien, Streit, Missgunst, egozentrischen und bezeichnend peinlichen Momenten. Holger Krafts Figur des Wolf Heider fällt, am ehesten spontan und unberechenbar wirkend, des Öfteren aus der Rolle. Gegenüber Frau Müller erlaubt sich der arbeitslose und auch sichtlich kopflose Mann aus dem Osten maßlose, beinahe cholerische Ausbrüche. Wilhelm Eilers mimt hingegen den Patrick Jeskow als schmeichlerisch-selbstherrlichen Pragmatiker, der jedoch bald mit überheblichen bis hysterischen Schüben seiner überemotionalen Frau (bemerkenswert: Lydia Stäubli) konfrontiert wird. Lena Geyer hält sich als alleinerziehende Katja weitestgehend zurück. Sie tritt gerne als beschwichtigende, die Wogen glättende Schlichterin auf, bis sie erfährt, dass auch ihr Sohn unter so manchem gewalttätigen Klassenkameraden zu leiden hat. Ursula Grossenbacher agiert in der Titelrolle überlegen, umsichtig und konzentriert. Ein im Mittelteil auf Großbildleinwand projizierter Kurzfilm von Lars Figge zeigt sie jedoch in einem unbeobachteten Moment, wenn sie stürmisch die Turnhalle verlässt, um in der Hausmeisterwohnung Unterschlupf zu suchen. Hier scheint sie dann durchaus, ein bisschen verletzlich, ängstlich und unsicher, den ungeschickten Avancen des Hausmeisters ausgeliefert.

Das von Anfang an etwas arg laute und ein bisschen boulevardeske Drama macht indirekt auch zum Thema, welchem Leistungs- und Erwartungsdruck bereits Kinder der vierten Klasse ausgesetzt sein können. Auch wenn die beiden seitlich angebrachten Basketballkörbe nicht zum Einsatz kommen, wirkt der fortwährende Einbezug der Sportgeräte in der Inszenierung des amtierenden Bonner Schauspieldirektors etwas übertrieben und aufgesetzt. Dafür entschädigen jedoch die starken darstellerischen Leistungen. Es ist sehr unterhaltsam, wie die Figuren in der verfahrenen Situation auf rührende Weise um Anerkennung und Würde, die Liebe eines langjährigen oder kurzzeitigen Partners oder die Behauptung einer eigenen, teils arg eingeschränkten Weltsicht kämpfen.



Frau Müller muss weg am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 2. April 2019
ID 11322
FRAU MÜLLER MUSS WEG (Schauspielhaus, 29.03.2019)
Inszenierung: Jens Groß
Bühne und Kostüme: Maria Strauch
Licht: Markus Haupt
Dramaturgie: Nadja Groß
Besetzung:
Patrick Jeskow … Wilhelm Eilers
Marina Jeskow … Lydia Stäubli
Katja Grabowski … Lena Geyer
Jessica Höfel … Birte Schrein
Wolf Heider … Holger Kraft
Sabine Müller … Ursula Grossenbacher
Nieberg … Wolfgang Rüter
Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden: 22. Januar 2010
Premiere am Theater Bonn: 29. März 2019
Weitere Termine: 04., 10., 20., 28.04. / 03., 11., 19., 26.05. / 05.06.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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