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Premierenkritik

Metatheater

DIE WIEDERHOLUNG
von Milo Rau


Foto (C) Hubert Amiel

Bewertung:    



Milo Rau, der bekannte Schweizer Dokumentartheatermacher, ist ein Meister des Reenactment realer Begebenheiten und ein Regisseur, der in seinen Theaterstücken neben dem Einflechten biografischer Erzählungen von den mitwirkenden Schauspielprofis und gecasteten Laien immer wieder auch die Kunstform Theater selbst hinterfragt. So nun auch in seinem neuesten Stück mit dem NTGent. Die Wiederholung (La Reprise) wurde im Mai d.J. beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel uraufgeführt. Milo Rau und sein Team touren seitdem damit durch Europa.

Rau hat mit seinem International Institute of Political Murder (IIPM) ein Manifest für das Stadttheater der Zukunft aufgelegt, mit dem er seine zukünftige Theaterarbeit als Intendant des NTGent bestimmten Regeln unterwirft. Wenn man so will eine Art Dogma für das Theater. Im Grunde genommen will er aber mit diesen Regeln die Grenzen des etablierten Stadttheaters sprengen, es international für neue Formen und Räume öffnen. Im Manifest finden sich daher solche Ansprüche wie: „Nicht die Darstellung des Realen ist das Ziel, sondern dass die Darstellung selbst real wird.“ Oder: "Theater ist kein Produkt, es ist ein Produktionsvorgang. Recherche, Castings, Proben und damit verbundene Debatten müssen öffentlich zugänglich sein.“ Andere Positionen klingen dagegen eher wie eine selbstauferlegt Quote. Etwa, dass mindestens zwei Sprachen auf der Bühne gesprochen werden müssen oder mindestens zwei Darsteller keine professionellen Schauspieler sein dürfen. Wohl am meistens diskutiert wurde bisher aber Raus Diktum: „Mindestens eine Produktion pro Saison muss in einem Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt oder aufgeführt werden.“ Mindestens da dürften sich die Geister der zeitgenössischen Theaterkunst wohl scheiden. 

*

Inwieweit Milo Raus Regeln in sein neues Stück eingeflossen sind, kann man nun an der Berliner Schaubühne begutachten, wo Die Wiederholung am vergangenen Samstag zur Spielzeiteröffnung Deutschland-Premiere feierte. Und zumindest geht es da recht international zu. Neben flämisch wird auch französisch auf der Bühne gesprochen, was für das mehrsprachige Belgien nicht unüblich ist. Die wahre Begebenheit, mit der sich Rau und sein Ensemble beschäftigen, spielt in Lüttich, ehemaliges Zentrum der Schwerindustrie und kulturelles Zentrum der wallonischen Region Belgiens. Die Stadt ist geprägt durch Arbeitszuwanderung v.a. aus Italien und Nordafrika. Nach dem Niedergang des Kohlebergbaus und der Stahlindustrie kam es zur finanziellen Krise und einem überdurchschnittlichen Anstieg die Arbeitslosigkeit. Aus Lüttich stammt nicht nur der Schriftsteller Georges Simenon. Hier spielen auch einige der sozialrealistischen und -kritischen Filme der Regie-Brüder Dardenne.

All das erfährt das Publikum im Laufe des Abends, der sich ansonsten um die Rekonstruktion und Möglichkeit der theatralen Darstellung eines unfassbaren Verbrechens, dem brutalen Mord an dem jungen Ihsane Jarfi dreht. „In einer Nacht im April 2012 spricht Ihsane Jarfi an einer Straßenecke von Liège vor einer Schwulenbar mit einer Gruppe junger Männer in einem grauen VW Polo. Zwei Wochen später findet man ihn tot am Rand eines Waldes in der Umgebung. Er wurde stundenlang gefoltert und brutal ermordet.“ heißt es kurz im Einführungstext der Schaubühne. Die Mörder stammen aus Lüttich. Sie wurden später zu lebenslanger Haft verurteilt. Wenig ist über die Motive der Täter bekannt. Noch weniger kann man sich den genauen Hergang der Tat überhaupt vorstellen. Die Rechercheleistung bestand nun zunächst in der Verfolgung des Prozesses, in dem der Hergang der Tat detailliert juristisch aufgearbeitet wurde. Aber das Unfassbare bringen einem die Aussagen von Tätern, Mutter und Freund des Ermordeten auch nicht unbedingt näher. Einiges davon erzählt der Schauspieler Sébastien Foucault, der jeden Tag zur Verhandlung gegangen ist.

Eingangs bekommen wir aber vom belgischen Bühnenstar Johan Leysen eine Einführung in die Schauspielkunst, vom Vergleich des Lieferns einer Pizza bis zur Darstellung des Geistes von Hamlets Vater mit viel Bühnennebel und Textdeklamation. Die Kunst der Illusion und Verwandlung als das Nonplusultra des Theaters und Gegensatz dessen, was Rau eigentlich mit seiner Arbeit erreichen will. Ansonsten wird viel nachgestellt an diesem Abend. Die Kunst der Wiederholung mit vorgedrehten Videoszenen und einem nachgestellten Casting, bei dem die drei Profis Sara De Bosschere, Sébastien Foucault und Johan Leysen den Laiendarstellern Tipps geben und bohrende Fragen über deren Motive, Theater zu spielen, stellen. Tom Adjibi, der bisher stets nach Aussehen (auch bei den Dardennes) als Araber besetzt wurde, Suzy Cocco, italienischer Abstammung, Rentnerin und Hundesitterin, die gefragt wird, ob sie auch nackt auftreten würde, und Fabian Leenders, ehemals Maurer, Gabelstaplerfahrer und arbeitslos, der nun als DJ und Komparse auftritt und viele zufällige Parallelen zu einem der Täter bei sich entdeckt hat. Sie alle fügen sich mit ihren Geschichten in ein soziales Gesamtbild der Gesellschaft wie zur Beglaubigung ihrer Rollen.

Um den Zufall geht es aber auch bei Milo Rau. Waren etwa Opfer und Täter nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Alle kamen sie von Geburtstagsfeiern, die sie spontan verließen. Da bekommt das Ganze die Ausmaße eines antiken griechischen Dramas, nach dessen Regeln Rau sein Stück auch wieder in fünf Akte mit entsprechenden Titeln eingeteilt hat. Diese Kapitel heißen etwa „Die Banalität des Bösen“ nach Hanna Arendts Buch über den Eichmann-Prozess, oder „Die Anatomie des Verbrechens“, was das Geschehen in die Nähe einer Krimi-Dramaturgie rückt. Und so spielen die Beteiligten nicht nur die dröge Geburtstagsfeier der Täter nach, sondern stellen auch dezidiert die Mordszene nach mit echtem Automobil, Regen und Misshandlung des Opfers.

Tote reden nicht, aber sie können uns hören, heißt es einmal sinngemäß an diesem Abend. Das könnte von Heiner Müller stammen, für den die Toten immer wieder zu uns zurück ins Licht drängen, als wollten sie damit die Stille des allgemeinen Schweigens stören. Wie ließe sich heute Empathie oder auch die gute alte Katharsis beim Publikum erreichen, bevor die Toten im 6. Akt zur Verbeugung wieder lebendig werden? Der Opferdarsteller Tom Adjibi versucht es mit dem Strick um den Hals und einer von Autor Wajdi Mouawad aufgestellten These, bevor das Licht ausgeht und dem Schweigen ein Ende macht. Wer will, kann hier Parallelen auch nach Deutschland ziehen, wo die Gewaltbereitschaft gegen Minderheiten und v.a. gegen Ausländer längst ein neues Level erreicht hat. Inwieweit es da auch eines neuen Levels der Schauspielkunst bedarf, darüber lässt sich nach diesem Abend, der doch etwas zu selbstgewiss nach selbst gewähltem Strickmuster verfährt, sicher weiter streiten.



Die Wiederholung von Milo Rau als DSE in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Hubert Amiel

Stefan Bock - 3. September 2018
ID 10887
DIE WIEDERHOLUNG (Schaubühne am Lehniner Platz, 01.09.2018)
Konzept und Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video: Maxime Jennes und Dimitri Petrovic
Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Dramaturgische Mitarbeit: Carmen Hornboste und Stefan Bläske
Licht: Jürgen Kolb
Sounddesign: Jens Baudisch
Kamera: Maxime Jennes und Moritz von Dungern
Produktion: Mascha Euchner-Martinez und Eva-Karen Tittmann
Mit: Tom Adjibi, Sara De Bosschere, Suzy Cocco, Sébastien Foucault, Fabian Leenders und Johan Leysen
Deutschlandpremiere war am 1. September 2018.
Weitere Termine: 03., 04.09.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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