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Uraufführung

Schiff der völkischen Träume

DAS BLAUE WUNDER von Thomas Freyer und Ulf Schmidt (Regie: Volker Lösch) am Staatsschauspiel Dresden
Bewertung:    



Ein Schiff der völkischen Träume schippert anno 2029 von Dresden aus die Elbe runter, vorbei an Hamburg (auch so eine linksgrünversifftverlorene Weststadt) und hinaus aufs weite Meer... In der sächsischen Heimat ist wohl trotz aller Mühen noch zu viel Multikulti für das reine deutsche Herz. Man will es nicht Flucht nennen, das sind ja die anderen, eher den Aufbruch zu neuen Ufern.

Die Besatzung - eine bunte Mischung aus Wendeverlierern, Zukurzgekommenen und Überforderten. Die Biographien werden angerissen zu Beginn vor dem Eisernen, nichts wirklich Ungewöhnliches dabei, man kennt das, Geschichten, die das Leben hierzulande zuhauf schreibt. Man wundert sich nur manchmal über den Grad der Enttäuschung / Naivität: Was haben die denn erwartet, damals, zur Wende? Haben die wirklich dem Kohl geglaubt? Und halten die den Kapitalismus für den berühmten Ponyhof, auf dem grad ein Kindergeburtstag statttfindet?

Des Stückes Handlung besteht in ebenjenem Aufbruch per Schiff, das so verblüffend dem Blauen Wunder zu Dresden ähnelt, als sei es aus seinen Bögen zusammengenietet (Bühne: Cary Gayler), und einer Reise, die über Nord- und Südmeer wieder nach Dresden zurückführen wird.

In dem Mikrokosmos des Dampfers wird die Welt nachempfunden. Drei Decks gibt es da, die zu sehen sind, dazu noch das unsichtbare der Maschinenmenschen, wo die Arbeit gemacht wird. Doch anfangs spielt die Dreiteilung oben noch keine Rolle, das Schiffsvolk bewohnt alle Ebenen, zumindest soweit es deutsch ist, sogar die Frauen sind dort gleich. Es gibt genug zu essen, genug Schnaps und Brot (wer das Zitat erkennt, darf sich Rio I. nennen), und die Mannschaft ist noch lange nicht müde, der Steuermann alles andere als tot.

Was dem Muslim der Koran, ist dem deutschen Schiffsvolk das „Blaue Buch“, eine Art Reliquie, ein Führer durch alle Fragen des Lebens. Der Text besteht aus den Wahlprogrammen der deutschen Partei AfD und vielen Zitaten ihrer führenden Politiker, die zusammengenommen immer eine Antwort wissen, wie früher mal die Bibelsprüche. „AfD“ heißt übrigens „Alternative für Deutschland“, was mich immer an ein Land in Lateinamerika denken lässt, wo die Regierung seit Jahrzehnten von der „Partei der Institutionalisierten Revolution“ gestellt wird. Dieser Logik folgend, bliebe die AfD immer fern jeder Regierungsbank, was jedoch einigen der Protagonisten dort nicht klar zu sein scheint – zumindest in Sachsen wollen sie im Spätsommer nach der Macht greifen und hoffen dabei auf eine CDU als Partner, der die Wahlverluste jegliche Selbstachtung geraubt haben.

Das Blaue Buch geleitet den Kahn nun durch die ersten Stürme, aber die Schiffsführung wird danach abgelöst, wegen Feigheit vorm Wind. Egal, ob das Manöver vielleicht das Schiff rettete, ein echter Deutscher dreht nicht bei, er ersauft lieber im Heldenmut. Zum ersten Mal scheint es eine Art Gefälle zu geben an Bord, die Starken, Lauten oben, die Mitläufer unten.
In der Folge absolviert das Schiffsvolk die Weltgeschichte im Schnelldurchlauf, vom Ur-Kommunismus über den frühen Feudalstaat, den Manchester-Kapitalismus und die soziale Marktwirtschaft bis hin zum Markt 4.0 – wo Habenichtse anderen Habenichtsen ihr Letztes verkaufen und sich dabei total frei fühlen. Dabei sind die Maschinenmenschen im Unterdeck wahlweise willige Lohnsklaven, ungewollte Konkurrenz um die raren Arbeitsplätze oder schlicht Esser, die man leider nicht mit durchfüttern kann in der heutigen Zeit.

Garniert wird das Ganze mit zahlreichen Zitaten aus dem AfD-Kontext, die die Schauspieler (in wechselnden Rollen, es gibt keine festen Zuordnungen) jeweils auch so kenntlich machen. Das funktioniert mal mehr, mal weniger gut, aber es bleibt immer nachvollziehbar. Hier wird kein Popanz aufgeblasen zum Kinderschreck – das alles ist so gesagt und gemeint.

Am Ende landet der Dampfer wieder in Dresden an, leicht verbeult, doch stark bewaffnet, und die Besatzung ist um Kämpfer des IS ergänzt worden, die ja letzten Endes dasselbe wollen: Reinheit, Züchtigkeit, Gehorsam. Welche Fahne dazu gehisst wird, ist im Zweifel zweitrangig.

Der Dresdner Michel übergibt die Stadt dann aber doch lieber kampflos, der barocke Wiederaufbau hat ja so viel Mühe gemacht, und ein Bombenkriegsmuseum reicht ja wohl auch, noch eines braucht man nicht.

Dresden 2029, so lautete der Arbeitstitel des Stücks.

*

Soweit zum Theatralen. OK, eine Groteske, als die das Stück offeriert wurde, hat andere Freiheiten als ein Doku-Theater, es ist eine Fiktion, nicht mehr, doch auch nicht weniger. Niemand sollte das aber als Spinnerei abtun, die zitierten Aussagen sind so gefallen, und Ironie ist sicher das Letzte, was man mit der AfD in Verbindung bringen würde.

Doch auch, wenn man sich beim Zuschauen manchmal an AgitProp-Theater erinnert wähnt: Man kann und man muss das so zuspitzen. Denn vor der Tür steht nicht irgendein etwas schärferer Law&Order-Folklorismus der CDU, sondern eine Partei, die die Demokratie verachtet und bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Staat ein Stück mehr in Richtung Totalitarismus verschieben wird.

Die Waffe der Kunst ist die Kunst, eine andere hat sie nicht. Schon deswegen ist das ein geglückter Abend.

Doch eine überregionale Relevanz erlangt das Stück erst durch die Entscheidung, den (erstaunlich vielen) Dresdner Initiativen gegen Rechts eine Bühne zu geben: Mission Lifeline, Tolerave, das Bündnis gegen Rassismus, Herz statt Hetze, Banda Internationale und das Straßengezwitscher kommen neben anderen zu Wort und können sich nach ihren Statements den verdienten Beifall abholen. Dass einige der Eingeladenen die Anonymität einer dunklen Bühne bevorzugen, ist sowohl Zustandsbeschreibung als auch Anklage gegen die herrschenden Verhältnisse.

Die Stars des Abends sind am Ende ganz klar die Initiativen und AktivistInnen mit ihren klaren Ansagen, die leider bitter notwendig sind in unserer Zeit. Das Theatrale bleibt da zweitrangig.

Sicher könnte man eine Handvoll Szenen nennen, die nicht zu Ende gedacht scheinen, wo der Effekt über der Plausibilität gestanden zu haben scheint, wo die Fantasie der Autoren und des Regisseurs sich vergaloppiert - doch wozu? Dieses Stück ist notwendig. Auch im Wortsinne: Es ist eine Not zu wenden. Und ich hoffe sehr, es kommt noch rechtzeitig.



PS: Die mediale Schlacht um dieses Stück begann übrigens schon einige Tage vor der Uraufführung zu toben, nachdem der ZEIT-Korrespondent Martin Machowecz seine mehrwöchige Probenbegleitung zu einem längeren Artikel verarbeitete und dabei – neben allerlei raunendem Pseudo-Insiderwissen über das gespaltene Dresdner Staatsschauspiel – den Regisseur Volker Lösch als „Handlungsreisenden in Sachen Sozialkritik“ beschrieb. Mit der gewählten Berufsbezeichnung wies Machowecz zwar nach, schon mal was über Theaterstücke gehört zu haben, offenbarte ansonsten aber eine erschreckende Unkenntnis über theatrale Produktionsprozesse (erstaunlich eigentlich nach dieser langen Zeit der Begleitung). Lösch ist sicher eher Huf- als Goldschmied, was seine theatralen Mittel betrifft, aber am Theater trägt nunmal genau eine die Verantwortung für eine Produktion – und das ist die Regisseurin resp. der Regisseur (die gottgleiche Allmacht des Intendanten – mangels Masse lohnt hier die weibliche Form nicht – sei einmal negiert.)

PPS: Das Stück Das Blaue Wunder dürfte eines der wenigen Theaterstücke sein, das schon vor seiner Uraufführung einen Wikipedia-Eintrag hatte:

Zwei Lösch (!) – Versuche (Vorsicht Wortwitz) wurden wohl schon abgewehrt, und im Moment steht auch nicht mehr als eine kurze Inhaltsbeschreibung da drin, aber immerhin... Hier wird wohl Relevantes verhandelt.
Sandro Zimmermann - 27. Januar 2019
ID 11172
DAS BLAUE WUNDER (Schauspielhaus, 26.01.2019)
Inszenierung: Volker Lösch
Bühne: Cary Gayler
Kostüme: Carola Reuther
Licht: Andreas Barkleit
Dramaturgie: Kerstin Behrens
Mit: Ursula Hobmair, Holger Hübner, Hannah Jaitner, Karina Plachetka, Matthias Reichwald, Daniel Séjourné, Oliver Simon, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi und Paul Wilms sowie den Initiativen Mission Lifeline e.V., Tolerave e.V., Bündnis gegen Rassismus. Für ein gerechtes und menschenwürdiges Sachsen., Herz statt Hetze, Dresdner Antifaschist*innen, Straßengezwitscher e.V., Banda Internationale, Dresden kippt! und Nationalismus raus aus den Köpfen
Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden: 26. Januar 2019
Weitere Termine: 02., 11., 15., 24.02.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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