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Anthropos, Tyrann (Ödipus)

In einem 3D-Online-Antiken-Spektakel an der Volksbühne Berlin bringt Alexander Eisenach Theatertragödie und Naturkatastrophe zusammen

Bewertung:    



Die Berliner Volksbühne hat nach längerem Zögern doch noch zum digitalen Doppelbefreiungsschlag ausgeholt. Der Tragödie der pandemiebedingten Schließung der Theater stellt sie nun die zweifache Ehrenrettung der Tragödie als Theatergenre entgegen. Eigentlich steht ja die gesamte Spielzeit unter dem Motto der antiken Dramenbearbeitung. Und nach Ausflügen zu den fluchbeladenen Atriden mit Iphigenie, Elektra und der Orestie ist man nun bei Ovids Metamorphosen (Regie: Claudia Bauer) und schlussendlich in Theben bei König Ödipus angekommen. Jenem Ödipus, dessen Labdakiden-Geschlecht mit einer ebenfalls düsteren Weissagung belastet ist. Die Blutschuld des Sohnes, der ohne Wissen seinen Vater erschlug und mit seiner Mutter schlief, liegt wie ein Fluch über der Stadt Theben, die von einer unheimlichen Seuche heimgesucht wird. Da denkt man natürlich gleich an Corona.

*

Bei der Seuche der Menschheit, um die es hier geht, handelt es sich dann auch nicht um einen unabwendbaren Schicksalsschlag der Götter, sondern die menschgemachte Klimakatastrophe, die mittels der antiken Tragödie auf den Brettern der Volksbühne nach Katharsis verlangt. Das so geforderte Publikum sitzt in Alexander Eisenachs Inszenierung Anthropos, Tyrann (Ödipus) aber nicht im Saal, sondern weiterhin vor dem heimischen Computerbildschirm, kann sich aber mittels eingesetzter 3D-Kamera ins Geschehen einklinken. Das geht am besten mit eine VR-Brille. Der 360°-Bühnenrundblick lässt sich aber auch über die Tastatur ermöglichen. Der aufrecht schreitende Mensch, in der griechischen Antike Anthropos genannt, steht also im Mittelpunkt des Spiels.

Es geht um das sinnliche wie geistige Erfahren des Individuums, weshalb sich das Volksbühnenteam um Regisseur Eisenach Verstärkung von der Humboldtuniversität und dem Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven geholt hat. Gemeinsam mit dem Theaterregisseur, Dramaturgen und Publizisten Frank M. Raddatz und seinem „Theater des Anthropozän“ sowie der Meeresbiologin Antje Boetius versucht das Schauspielensemble die Kraft von Kunst und Wissenschaft zielführend zu vereinen. „Die Welt ist so kompliziert geworden. Man kann sie nicht anders als im Paradigma der Poesie erklären.“ heißt es einmal in einem Dialog des Ensembles mit Antje Boetius, die hier in bester Rimini-Protokoll-Manier die Expertin des wissenschaftlichen Alltags im Austausch mit der Gesellschaft gibt.

Doch zunächst gibt Sebastian Grünewald per Videoprojektion die Einführung in die menschliche Tragödie vom Anthropos Tyrann, der sich den Göttern zum Trotz zum Herrscher über die Erde aufschwang. Der Mensch als Antwort auf alles. Was zur Tragödie des Ödipus überleitet, der so das Rätsel der Sphinx löste und zum Herrscher über Theben wurde. Sara Franke spielt den blind und doch sehend in sein Unheil rennenden König mit Blut unter den Augen. Eine riesige antike Maske schwebt vom Bühnenhimmel herab. Dazu wird viel geraunt und deklamiert. Daheim am Bildschirm hat man viel zu scrollen und die Ohren zu spitzen, um immer auf der Höhe des Geschehens zu bleiben.

Die Tragödie im Theater ist also am Ende, während sie in der Natur auf vollen Touren läuft. Ästhetisch gesehen gäbe das schöne Kathastrophenbilder von schmelzenden Eisbergen, Polkappen und wirbelnden Tropenstürmen. Per Video eingespielt hat man das schon des Öfteren gesehen. Die Ästhetik der Volksbühnentragödie hinkt da mit Masken, Hörnerkopfputz, antiken Pappsäulen und einer den immerwährenden Fortschritt symbolisierenden Ölförderpumpe etwas hinterher. Das Lesen der antiken Seherin (Johanna Bantzer) in Tiereingeweiden nicht minder. Ganz witzig ist da noch der Monolog von Emma Rönnebeck über den Kampf der rechten (Bilder) und linken (Sprache) Hemisphäre des Gehirns. Wie schön, wenn dieses ständige „Gehirngeplapper“ mal aufhören würde.

Bis die Meeresbiologin Boetius im praktischen Overall endlich dazwischen grätscht und das verkopfte Antikengefasel wieder auf wissenschaftliche Füße stellt. Den Menschen, wie es bei ihr heißt, auf den Boden seiner Herkunft zurückholt. „Wir brauchen Hilfe. Uns ist die Sprache abhandengekommen alldem Ausdruck zu verleihen“, gestehen freimütig die SchauspielerInnen der Volksbühne. Also steigt Boetius aus dem „Elfenbeinturm“ der Wissenschaft und gibt der Kunst Nachhilfe in der Poesie der Tragödie, obwohl das Ganze dann doch eigentlich ganz prosaisch klingt, wenn sie den an sich zweifelnden Kunstschaffenden die Leviten liest. Die einzige Konstante der Menschheit mit der Hoffnung, dass die Apokalypse nicht eintreten wird, sehend ins Unheil zu rennen und sich mit der Leugnung im Angesicht des Sachverhalts vor der Katastrophe wegzudrücken erhält hier eine Abfuhr. Ein Aufruf gegen die alltägliche Gedankenlosigkeit und die Politik der kleinen Schritte.

Ganz praktisch gesehen bekommt das im nächsten Antikenteil im Wortgefecht zwischen geharnischter Ödipustochter Antigone (Vanessa Loibl) und Thebens neuem König Kreon (Manolo Bertling) seinen Ausdruck. Hier stehen sich nun die Ökobewegung der Fridays-for-Futur-Generation und der rein nach ökonomischen Gesichtspunkten handelnde Realpolitiker unserer Tage gegenüber. Als Fazit oder Tragödien-Katharsis bliebe sicher die von Antje Boetius angeregte breite Vernetzung von Naturwissenschaft, Politik, Ökonomie, Medizin und Soziologie. Der Kunst käme dabei die Rolle der Vermittlung und Transformationshilfe zu. Denken und Fühlen zusammenbringen. Bleibt die Frage, ob es dazu wirklich dieses schwindligdrehenden 3D-Antiken-Zirkus bedarf.



Anthropos, Tyrann (Ödipus) an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Thomas Aurin

Stefan Bock - 4. März 2021
ID 12780
ANTHROPOS, TYRANN (ÖDIPUS) | Volksbühne Berlin, 01.03.2021
3D-Videostream von Alexander Eisenach nach Sophokles

Regie: Alexander Eisenach
Konzeptionelle Mitarbeit: Frank M. Raddatz (Theater des Anthropozän)
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Lena Schmid und Pia Dederichs
Musikalische Leitung: Niklas Kraft und Sven Michelson
Licht: Johannes Zotz
Video: Oliver Rossol
Dramaturgie: Ulf Frötzschner
Mit: Johanna Bantzer, Manolo Bertling, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Vanessa Loibl, Emma Rönnebeck, Sarah Maria Sander, den Musikern Niklas Kraft und Sven Michelson sowie Prof. Dr. Antje Boetius (Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts) und Dr. Frank M. Raddatz (Theater des Anthropozän der Humboldt-Universität zu Berlin)
Online-Premiere war am 19. Februar 2021
Weiterer Sream-Termin auf dringeblieben.de: 26.03.2021
Kooperation mit dem Theater des Anthropozän der Humboldt-Universität zu Berlin


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin/de


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