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Will nicht

so recht

zünden

THIRD GENERATION - NEXT GENERATION von und mit
Yael Ronen & Ensemble


Foto (C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Der Zufall will es, dass auf zwei Bühnen in Berlin-Mitte am vergangenen Samstagabend Altes neu recycelt wurde. An der Staatsoper Unter den Linden legte Komponist Jörg Widmann eine revidierte Fassung seiner 2012 an der Bayerischen Staatsoper herausgekommene Oper Babylon erneut zur Uraufführung vor, und gegenüber am Maxim Gorki Theater gab es ein Update der 10 Jahre alten Produktion Third Generation von Yael Ronen zu bewundern. Die für den 8. März geplante Premiere musste wegen eines Streiks der Gorki-Frauen auf den 9. März verschoben werden. Wir berichten von der dritten Vorstellung am 10. März, an dem dann gleich zwei Durchläufe des Stücks stattfanden.

Die israelische Regisseurin hatte 2008 in einer Art Work in Progress mit zwölf jungen SchauspielerInnen israelischer, palästinensischer und deutscher Herkunft eine Satire über die Verarbeitung von gemeinsamen Traumata der Großelterngeneration entwickelt. Die Produktion feierte 2009 ihre Berlin-Premiere in der Schaubühne am Lehniner Platz. Es ging dabei natürlich vorrangig um den Nahostkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern, aber auch um deutsche Schuldgefühle und deren Projektion auf diesen eigentlich fremden Konflikt. Durch das satirische Brechen von Tabus sollte nicht nur provoziert werden (Der Abend geriet u.a. in die Kritik von Holocaustüberlebenden der Berliner Jüdischen Gemeinde), sondern auch ein Dialog zwischen den Enkeln der Opfer und der Täter entstehen, der sich dann weiter auf das Publikum übertragen sollte.

Das Stück lief lange ziemlich erfolgreich in Berlin sowie auf mehreren Gastspielen in Deutschland, Europa und auch in Israel. Zehn Jahre später nun nimmt Yael Ronen am Maxim Gorki Theater, wo sie seit Beginn der Intendanz von Shermin Langhoff hoch gelobte Hausregisseurin ist, unter dem Titel Third Generation - Next Generation das Thema erneut auf. Ein zeitliches Update also, wobei die Zeiten nicht unbedingt besser geworden sind. Lag damals noch der Konsens in Bezug auf den Holocaust bei einem einhelligen „Nie wieder“, wie Schauspieler Niels Bormann zu Beginn verkündet, so müsse für die neue Produktion unbedingt auch ein neuer Slogan her. Nichts desto Trotz beginnt Bormann sich wie damals nicht nur für die lausige Performance und die Neuauflage eines 10 Jahre alten Stücks zu entschuldigen, er hält auch erneut seinen Schuldkomplex-Monolog, der diesmal sogar die Opfer des NSU mit einbezieht. Als deutscher Konfliktversteher vom Dienst vergreift sich Bormann aber auch wieder deutlich in der Wortwahl. Eine gehörige Portion Selbstüberschätzung plus Freud’sche Fehlleistungen ergeben den ironischen Nährboden für Ronens typisch schwarzen Humor.

Tragödie plus Zeit ergibt Komödie. Das ist noch immer Yael Rones Maxime. Was nicht heißt, dass die Zeit alle Wunden heilt, sondern höchstens alte wieder neu aufreißt. Und so bricht der vorprogrammiert Konflikt nach einer flotten Vorstellungsrunde der zehn Beteiligten auch sofort wieder aus. Deutsche, Israelis und Palästinenser reden sich vor dem Eisernen Vorhang in Rage. Ressentiments und die üblichen Zuschreibungen von Schuld. Wer ist hier Opfer, wer Täter? Der gern benutzte Nazivergleich wird nur noch getoppt durch die Gleichsetzung von erlittenem Unrecht, wie der „Nakba“ (so nennen die Palästinenser ihre Flucht und Vertreibung aus Palästina im Jahr 1948) mit dem Holocaust.

Bei der Diskussion über die Ächtung des sogenannten „Chicken-Holocaust“, der Starbucks-Kette und so manch anderem kruden Boykott-Aktionismus geraten dann wieder Niels Bormann und Knut Berger aneinander. Dazu hält auch diesmal die jüdische Schauspielerin Orit Nahmias ihren herrlichen „Don’t compare“-Monolog, bei dem die ganze Vergleicherei gründlich und überaus witzig ad absurdum geführt wird. Es muss nicht immer der Holocaust sein, es gibt genügend Ungerechtigkeit und Genozide für alle, ist ihr provokantes Fazit. Und Antisemitismus sei wie Porno, man erkenne ihn, wenn man ihn sieht. Dass das hier kaum noch jemanden echt schockiert, liegt sicher auch daran, dass die Next Generation nun im postmigrantischen und multi-diversen Maxim Gorki Theater auf der Bühne steht und beim anwesenden Publikum mit dieser Show sowieso offene Türen einrennt.

Und so bewegt sich der Abend auch weiter auf meist kabarettistischem Niveau, ganz besonders wenn Oscar Olivo mit Schlips und Aktenkoffer auf die Bühne stürmt und den amerikanischen Konfliktmediator gibt, der ganz in Trumpmanier alternative Fakten schaffen will und eine vertikale rotierende Zweistaatenlösung propagiert, bei der Israelis und Palästinenser stetig das Oben und Unten tauschen. Wirklich ein Klos im Hals bildet sich höchstens mal beim vehementen Protest von Lamis Ammar gegen die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung des Gazastreifens durch Israel, dem Bericht von Karim Daoud über seinen Bruder, der von israelischen Soldaten angeschossen wurde, oder beim Absingen von Terror verherrlichenden Liedern. Die israelische Delegation hält mit patriotischen Songs für den Wehrdienst und den obligatorischen Auschwitzbesuch dagegen.

Bis hierhin eröffnet sich allerdings kaum mal eine neue Sichtweise auf den Konflikt. Erst als der neu im Team auf der Bühne sitzende Dimitrij Schaad aus seiner gespielten Lethargie am Rande des bunten Treibens erwacht, bekommt der Abend nochmal einen unerwarteten Drive. Schaad steigt nun demonstrativ aus der Postmigranten-Rolle aus und verkündet unter seinem angeblich echten Namen „Dieter Schmidt“ sein „Coming in in die deutsche Gesellschaft“. Eine klare Absage an den „Multikulti-Wahn“ des Gorki-Theaters, die er noch mit ein paar deutschnationalen Parolen und provokanten Schlussstrichargumenten garniert, wofür er sogar vereinzelten Beifall erhält. Das lässt kurz aufhorchen, doch schlägt Schaad mit seiner „Deutschland über alles“-Suada auch ein paar rechte Haken zu viel, was ihn im finalen Getümmel der PerformerInnen schnell wieder untergehen lässt.
Stefan Bock - 12. März 2019
ID 11276
THIRD GENERATION - NEXT GENERATION (Maxim Gorki Theater, 10.03.2019)
Regie: Yael Ronen
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Lamis Ammar, Knut Berger, Niels Bormann, Karim Daoud, Michael Moshonov, Orit Nahmias, Oscar Olivo, Ayelet Robinson, Abak Safaei-Rad, Dimitrij Schaad und Yousef Sweid
Premiere war am 9. März 2019.
Weitere Termine: 28., 29., 30.04. / 01.05.2019


Weitere Infos siehe auch: https://gorki.de


Post an Stefan Bock

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