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Premierenkritik

Deutschland,

dein Bayer



Thaddäus Troll am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

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Was den Salzburgern ihr Karl Heinrich Waggerl, den Wienern ihr Josef Weinheber und den Bayern ihr Ludwig Thoma, war den Schwaben Thaddäus Troll: der gemütvolle Heimatdichter. Von Waggerl, Weinheber und Thoma wusste man, dass die ersten zwei überzeugte Nationalsozialisten, der dritte, vor der Machtergreifung durch Hitler gestorben, immerhin ein fanatischer Antisemit war. Das hat ihrer Popularität nicht geschadet. Thaddäus Troll, der in der Bundesrepublik Deutschland unter anderem wichtige Positionen im VS und im PEN besetzt hat, galt als aktiver Sympathisant der SPD, bis man nach seinem Selbstmord im Jahr 1980 Tagebücher entdeckte, die enthüllten, dass er unter seinem bürgerlichen Namen Hans Bayer während des Zweiten Weltkriegs als „Kriegsberichter“ antisemitische und widerwärtige kriegshetzerische Artikel verfasst hatte. Er selbst hat sich nie dazu geäußert. Stattdessen erklärte er 1977, die SPD möge erkennen, „dass es keine Freiheit ohne Sozialismus gibt“, wobei Sozialismus für ihn identisch war mit den Forderungen der Bergpredigt. Noch 2014, weniger als ein halbes Jahr, ehe in der Berliner „Topographie des Terrors“ Dokumente über Bayers Tätigkeit im Weltkrieg ausgestellt wurden, feierte das Stuttgarter Theaterhaus unter Teilnahme zahlreicher Prominenter von Maren Kroymann bis Franziska Walser und Peter Sattmann Ein Fest für Thaddäus Troll.

Thaddäus Troll (1914-1980) gehört also zu den niemals gezählten ehemaligen Propagandisten des Dritten Reichs, die nach 1945 eine neue Identität angenommen haben und in kürzester Zeit wiederum den Ton in Westdeutschland angaben. Seine Funktionen im VS und im PEN scheinen Klaus Brieglebs Befund über den Antisemitismus in der Gruppe 47 über diese hinaus zu bestätigen. Der spektakulärste Fall eines Identitätswechsels war Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte. In dieser Nachbarschaft waren Günter Grass, Walter Jens, Peter Wapnewski nur kleine Fische. Wie verhält man sich ihnen gegenüber? Gesteht man ihnen zu, sich verändert zu haben, wahrhaftig eine andere Person geworden zu sein, oder verlangt man Konsequenzen für die Sünden der Vergangenheit? Es hat den Anschein, als würde man ihnen mehr als diese Vergangenheit die Tatsache übel nehmen, dass sie sie verschwiegen, verschleiert, tatsächlich oder vorgeblich verdrängt haben. Man erwartet – Überrest einer christlichen Sühnevorstellung – ein Schuldeingeständnis, eine Beichte, Reue. Gerechtigkeitsverlangen und Selbstgerechtigkeit, Bedürfnis nach Aufklärung und die Scham für die eigene, nicht analysierte Leichtgläubigkeit liegen da nah beieinander. Und man ist schnell bereit, seine moralischen Standards zu dispensieren, wenn man die Enttarnten persönlich gekannt hat, wenn man gar mit ihnen befreundet war. Beispielhaft und geradezu grotesk war das den Verteidigungskommentaren vormaliger Kollegen und Schüler zu Hans Robert Jauß und zu Theodor Eschenburg abzulesen.

*

Wie auch immer: ein Fest für Thaddäus Troll konnte man mit den neueren Erkenntnissen über seine Biographie nicht feiern, ohne sich angreifbar zu machen. Also wählt der Autor und Regisseur Gernot Grünewald für die Thaddäus-Troll-Revue im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart den Untertitel Kein Heimatabend. In Glaskabinen mit Türen, die fallweise geöffnet und geschlossen werden, und mit einem 8mm-Projektor, zwei Schreibmaschinen, Wäsche auf kleinen quadratischen Tischen, mit Utensilien für die Kehrwoche, tummeln sich, von beiden Seiten vom Publikum auf Stuhlreihen beobachtet, die Schauspieler Giovanni Funiati, Jannik Mühlenweg, Benjamin Pauquet und Sebastian Röhrle. Mit der Technik des Greenscreen wird ihr Spiel oberhalb der Kabinen mit projizierten Videos hinterlegt: Katie Mitchell im Kleinformat.

Die vier Trolls singen die biographischen Daten oder Texte des Satirikers zur eher bescheidenen Musik von Dominik Dittrich. Die Lektüre von Mein Kampf habe ihn gegen „völkisches Denken“ immun gemacht, erfahren wir da. Na ja. Was er von der Front zu melden hat, unterscheidet sich in Ton und Inhalt wenig von den Kriegsberichten einer Alice Schalek, die Karl Kraus in seinen Letzten Tagen der Menschheit verewigt hat.

Collagiert werden Passagen, vorwiegend aus Trolls populärstem Buch Deutschland deine Schwaben. Kehrwochenvorschriften werden als Kantate gesungen, Schimpfwörter und die Namen von Weinlagen aneinander gereiht, die Freude am Klischee wird reichlich bedient. Das ist mäßig komisch. Ein Tucholsky war Troll nicht.

Die Auswahl und Montage der Zitate ermöglicht sowohl den Kritikern, wie auch den Fans Thaddäus Troll zuzustimmen. Grünewald macht keinen Ansatz, die Mechanismen des Gesinnungswandels, der doppelten Identität zu erklären. Hans Bayer schreibt: „Der Soldat soll nicht kämpfen wollen, er soll aus Hass kämpfen müssen“, und gleich darauf gibt Troll schwäbische Schrulligkeiten zum Besten. Josef Mengele? Kurt Georg Kiesinger? Wen meint Thaddäus Troll? Wen meint Gernot Grünewald? 1978 setzt sich Troll dafür ein, „dass es nie mehr zu einem 1933 kommt“, und er äußert Ähnliches wie kürzlich Kevin Kühnert. Ob er heute für ihn und gegen Andrea Nahles Partei ergreifen würde? Am Schluss ist dieser Thaddäus Troll durchaus ein Mensch, den man sich 2019 zum Vorbild wählen kann. Es könnte ja auch Friedrich Wolf sein, der lange in Stuttgart gelebt hat. Rein theoretisch.



Thaddäus Troll am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Thomas Rothschild – 5. Mai 2019
ID 11390
THADDÄUS TROLL (Kammertheater, 04.05.2019)
Kein Heimatabend

Inszenierung: Gernot Grünewald
Bühne und Kostüme: Michael Köpke
Video: Thomas Taube
Kamera: Jochen Gehrung und Daniel Keller
Musik: Dominik Dittrich
Licht: Sebastian Isbert
Dramaturgie: Bastian Boẞ
Mit: Giovanni Funiati, Jannik Mühlenweg, Benjamin Pauquet und Sebastian Röhrle
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 4. Mai 2019
Weitere Termine: 05.-08.05. / 23., 25., 26.06.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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