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Gastspiel

Volles Vertrauen

in Shakespeare

TWELFTH NIGHT
(WAS IHR WOLLT)


Bewertung:    



Shakespeares Komödien haben alle auch eine tragische Tiefe, und deutsche Produktionen loten diese sehr gerne aus, während englische Inszenierungen oft das komische Potenzial hervorheben. Das Shakespeare-Festival in Neuss zeigte auch in diesem Jahr wieder etliche unterschiedliche Beispiele, sich dem Phänomen Shakespeare zu nähern.

Der erfahrene Regisseur Guy Retallack gehört zu den besten Drama-Coaches Großbritanniens und hat die Londoner Bridge House Production Twelfth Night (Was ihr wollt) in einer aufs Wesentliche konzentrierten Version inszeniert und stellt den Text und seine vielschichtige Bedeutung in den Vordergrund. Mit nur fünf SchauspielerInnen werden 15 namentlich erwähnte Rollen gespielt und das in einer Klarheit und Übersichtlichkeit, die meisterhaft ist. Das Bühnenbild ist einfach gestaltet, ein Sandstrand mit mehreren Pflöcken in Kniehöhe, auf denen man sitzen oder stehen kann. Die Lichtregie ist zurückhaltend, die Kostüme sind dezent und es werden nur wenige Requisiten eingesetzt.

*

Nach einem Schiffbruch verschlägt es die junge Viola (Eve Niker) an die Küste von Illyrien. Zu ihrer eigenen Sicherheit zieht sie sich Männerkleider an und bewirbt sich unter dem Namen Cesario am Hof des Herzogs Orsino (George Maguire), der sie/ihn schnell ins Vertrauen zieht. Er liebt die in Trauer befindliche Olivia, die aber nicht an ihm interessiert ist, also schickt er den Jüngling Cesario als Boten zu ihr, um für ihn zu werben. Olivia (Miriam Grace Edwards) verliebt sich nun wiederum in den Boten, ohne zu wissen, dass der ein Mädchen ist. Cesario/Viola liebt heimlich Orsino, dem sie als sein Diener und angeblicher Mann die Liebe nicht gestehen kann. Regisseur Retallack wurde in der Einführung von der Shakespeare-Expertin Vanessa Schormann interviewt und meinte, dass das Liebeskarussell den Zeitgeist träfe und fragte sich, was das heute im Rahmen der Genderdiskussion ausmache. Das Stück dreht sich um Verwirrung und die Suche nach Identität, wozu auch die sexuelle Orientierung gehört. Unter Retallacks Regie werden viele Nuancen gezeigt. Sein Resümee: Love is madness. Die Liebe ist Verrücktheit.



Fayez Bakhsh, Eve Niker, Ben Wood, Miriam Grace Edwards und George Maguire beim Schlussapplaus | © Christoph Krey


Shakespeare im Original ist auch für englische Muttersprachler nicht in allen Teilen unmittelbar verständlich. Viele Produktionen setzen daher gerade bei den Komödien auf Musik, da diese auf Klangebene zumindest die Stimmung wiedergeben kann. Ein wunderbares Beispiel war Much Ado About Nothing, mit dem das Festival eröffnet wurde, wo eine ganze Band spielte und für eine wunderbare Stimmung sorgte. Das ist bei Twelfth Night entgegengesetzt. Die Inszenierung ist unprätentiös und lässt sich von der Weisheit und Genialität des Textes tragen und geht dem emotionalen Wahrheitsgehalt auf den Grund, der uns Menschen auch 400 Jahre nach der Entstehung des Stückes immer noch gemeinsam ist. Der Schauspieler Ben Woods spielt ein Gegensatzpaar: Als Narr Feste benötigt er eine große Erkenntnisfähigkeit, als Sir Andrew spielt er einen Edelmann, der geistig nicht ganz auf der Höhe ist und sich zum Narren halten lässt. Woods muss als Narr viel singen und hat die Stücke selber komponiert. Im anschließenden Publikumsgespräch erzählte er, dass er sich dabei vom Inhalt und Gefühl inspirieren ließ sowie vom vorgegebenen Versmaß der Texte. Dadurch konnte er sich das so zu eigen machen, dass ein organisches Ganzes daraus entstanden ist. Mit einem Stirnband à la Keith Richards und einer runden rötlich gefärbten Sonnenbrille, wie John Lennon sie trug, ist er die optisch auffälligste Figur.

Die SpielerInnen hatten von Paul Harris eine Bewegungsregie erhalten, denn auch die Körperhaltung sagt viel über einen Menschen aus. George Maguire ist ein Musicalstar und Tänzer und spielt zum ersten Mal in einem Shakespeare-Stück. Bei ihm wird die Interpretation der Figuren durch Bewegung besonders deutlich, wenn er einmal den leidenschaftlich liebenden Orsino spielt und dann den puritanischen Hausverwalter Malvolio. Der Puritaner fällt einer Intrige zum Opfer und zieht eine gelbe Strumpfhose mit gekreuzten Bändern an, um seiner Herrin Olivia zu gefallen. Da macht sich die Ballett-Erfahrung Maguires bemerkbar, der diese Art Trikot von Kindheit an gewöhnt ist und sich darin zu bewegen weiß. Während Orsino als Herzog Herr der Lage ist, wird Malvolio zum Opfer gemacht.

Fayez Bakhsh ist der einzige Nicht-Europäer im Ensemble mit arabischem und dunkelhäutigem Einschlag. Er spielt Sir Toby, den feierfreudigen Onkel von Olivia, der normalerweise von einem älteren, oft übergewichtigen Mann verkörpert wird. Bakhsh spielt auch Sebastian, den vermissten Zwillingsbruder von Viola, die hellhäutig ist. Bei Retallack muss man davon ausgehen, dass diese optische „Fehlbesetzung“ gewollt war. Es geht um einen gewissen Abstraktionsfaktor. Bei Sir Toby reicht der Flachmann, um ihn als Trunkenbold zu kennzeichnen, bei Sebastian die Kappe, die der Kopfbedeckung ähnlich ist, die auch seine Schwester als Cesario trägt. So werden mit einfachen aber effektiven Mitteln Bezüge hergestellt, die die Rezeption der komplexen Handlungsstränge erleichtern.

Frauen waren zur Zeit Shakespeares im Prinzip rechtlos und großen Zwängen unterworfen. Eve Niker als Viola und Miriam Grace Edwards als Olivia spielen die Erleichterung sehr herzergreifend, als sie endlich doch noch ihrem Herzen folgen dürfen.

Obwohl viel gelacht wird, ist die Stimmung für eine Komödie verhalten, am Anfang herrscht eine gewisse Melancholie. Als das Stück 1602 uraufgeführt wurde, war Königin Elisabeth I. bereits 68 Jahre alt. Es war absehbar, dass bald eine Ära zu Ende gehen würde und die Puritaner vermutlich Oberhand gewinnen würden. Auch mit dieser getragenen Atmosphäre spürt Retallack dem Original nach. Es gibt nur einen Quasi-Tanz und nur Lieder, die im Text stehen, darüber hinaus wird nichts hinzugefügt, auf Showeinlagen oder Aufbauschungen wird verzichtet. Es ist eher selten, dass sich eine Inszenierung derart konsequent in den Dienst eines Stückes stellt, und sich von dem leiten lässt, was der Text zu bieten hat. Und wie immer bei Shakespeare kann man viel über die Liebe, das Leiden und unser Menschsein erfahren. Insgesamt ein sehr gelungener und mutiger Ansatz, uns dieses Werk des „unsterblichen Barden“ näher zu bringen.
Helga Fitzner - 8. Juli 2019
ID 11555
Weitere Infos siehe auch: https://www.shakespeare-festival.de


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