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Gastspiel

Mitreißender

Auftakt

MUCH ADO ABOUT NOTHING (VIEL LÄRM UM NICHTS)


Bewertung:    



Es marschierte gleich eine ganze Band in ansteckender Feierlaune ein, um das diesjährige Shakespeare-Festival im Globe Theater Neuss zu eröffnen, und diese traf auf ZuschauerInnen, von denen viele ein Jahr lang auf diesen Moment gewartet hatten. Einige kamen früh und speisten auf reservierten Plätzen vor dem liebevoll ausgestatteten Zelt, andere verwandelten die Picknick-Tische in fürstliche Tafeln mit Tischtüchern, kulinarischen Köstlichkeiten, Schampus und richtigem Geschirr - und auch das wonnige Wetter spielte mit. Die Truppe Northern Broadsides, Halifax und New Vic Theatre Co-Production war das sechste Mal nach Neuss gekommen mit einer üppigen und detailverliebten Produktion von Much Ado About Nothing (Shakespeares unverwüstlicher Komödie Viel Lärm um nichts aus dem Jahr 1599) in der Regie von Conrad Nelson und mit einem großen Ensemble, toller Choreografie und Kostümen.

*

Schon am fantastischen Bühnenbild erkennt man, dass das in Messina verortete Stück in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nach England verlegt wurde: Einschlägige Plakate über das Verhalten in Kriegszeiten, wie Geheimhaltung und Nahrungsmittelverwertung, zeugen noch vom Leben an der Heimatfront. Der Krieg ist zu Ende, aber noch immer müssen Lebensmittelreste für die Schweinezucht gesammelt werden. Die Frauen sind gekleidet wie die Women's Land Army (einer Entsprechung der Arbeitsmaiden in Deutschland), die mit Gummistiefeln, Knickerbocker und Wollpullovern herumlaufen und Landarbeit verrichten. Da trifft die Nachricht von der erfolgreichen Rückkehr der Armee des Prinzen Don Pedro (Matt Rixon) ein, die für einige Zeit auf dem Gut des Gouverneurs Leonato (Simeon Truby) untergebracht wird. Unter ihnen ist der junge Soldat Claudio (Linford Johnson), auf den Leonatos Tochter Hero (Sarah Kameela Impey) ein Auge geworfen hat. Leonatos Nichte Beatrice (Isobel Middleton) freut sich über das Wiedersehen mit Benedick (Robin Simpson), würde das aufgrund einer vorangegangenen Enttäuschung mit ihm aber niemals zugeben.



Mit einem halben Orchester wird die Rückkehr der Soldaten ausgelassen gefeiert. | © Christoph Krey


Die Stiefel der Ladies werden nach und nach durch Pumps ersetzt, die Arbeitskluft durch Kleider, und Hero bekommt ihr Hochzeitskleid. Damit es auch für die sturen Eheverächter Beatrice und Benedick zu einem Happyend kommt, die sich ein grandioses Wortgefecht nach dem anderen liefern, bedarf es einiger Tricks ihrer Freunde. Alles könnte endlich wieder gut werden, wenn sich nicht Don Pedros Bruder Don John (Richard J. Fletcher) aus purer Bosheit ein Intrigenspiel ausgedacht hätte, um das Glück von Hero und Claudio zu zerstören.

Bei der Besetzung des Stücks ging es nicht allein um schauspielerische Fähigkeiten, alle sind auch gute bis exzellente SängerInnen und MusikerInnen. Sophia Hatfield (in der Rolle der Margaret u.a.) spielte Oboe, was bei einer Trauerfeier unter die Haut ging. Alle können singen und spielen mindestens ein Instrument. Das wunderbare Lied aus dem Stück Sigh No More Ladies war ein Highlight der Inszenierung, vierstimmig gesungen von Simeon Truby, Linford Johnson, Robert Wade und Matt Rixon, grandios und absolut konzerttauglich. Es wurde dankenswerterweise als Zugabe noch einmal angestimmt. Als Wächter, die das böse Treiben von Don John aufdeckten, brillierten David Nellist als Dogberry und sein Assistent (James McLean) in den komischen Szenen, die es trotz ihrer eingeschränkten geistigen Fähigkeiten schaffen, die Übeltäter Borachio (Anthony Hunt) und Conrade (Heather Phoenix) zur Strecke zu bringen. Am Ende triumphieren komödiengerecht die Guten, darunter Ursula (Rachel Hammond), die Hero in höchster Not geholfen hat, wie auch Heros weitsichtiger Onkel Antonio (Andrew Whitehead), der in einer sehr geschickt angelegten Doppelrolle auch den Geistlichen, Bruder Francis, spielt.

Da in Kriegszeiten patriarchalische Strukturen vorherrschen, ist die Rolle der Frau eine untergeordnete, was zu Shakespeares Zeiten deutlich der Fall war. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges ist vielen zumindest noch aus Erzählungen der Eltern und Großeltern bekannt. Das kommt dem Stück zugute, weil es die Machtlosigkeit der Frauen glaubwürdiger macht, obwohl die in der Abwesenheit der Männer große Leistungen vollbrachten. Dass die Frauen am Ende versöhnlich sind, anstatt wegen der erlittenen Ungerechtigkeit aufzumucken, mag daran liegen, dass sie des Krieges und der Auseinandersetzung müde sind und jetzt einfach nur feiern wollen. Dazu wurden die BesucherInnen der Vorstellung von einem spielfreudigen Ensemble regelrecht verführt.

* *

Wer auf den Geschmack gekommen ist und Much Ado About Nothing moderner und minimalistischer sehen will, hat im Juli noch Gelegenheit dazu, wenn die Handlebards aus London, vier junge Männer, auf Fahrrädern herumkurven und die Rollen unter sich aufteilen. Oder doch viel lieber die Mädchentruppe der Handlebards, die sich vor dem Sturm nicht scheut und The Tempest aufführt?
Helga Fitzner - 18. Juni 2019
ID 11510
SHAKESPEARE FESTIVAL IM GLOBE NEUSS 2019
Es gibt neben weiteren britischen auch einige deutsche Shakespeare-Inszenierungen, eine ungarische, eine französische und eine polnische. Der Kinder-Shakespeare-Tag wartet wieder mit Überraschungen für die Jüngsten auf und wie immer gibt es eine Einführung vor jeder Performance und einige Publikumsgespräche. Nach dem beschwingten und hochmusikalischen Einstieg ins Shakespeare-Universum sind die Pforten noch bis zum 13. Juli geöffnet. (hf)


Weitere Infos siehe auch: https://www.shakespeare-festival.de/de/


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