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Hallo liebe
Textfläche (1)

Mitwisser

von Enis Maci


Bewertung:    



2013 hat Elfriede Jelinek, die Mutter aller Textflächen, tatsächlich mal einen Text über Textflächen geschrieben. Die bindet sie sich da sprachlich gesehen wie Schneeschuhe an die Füße, ein weniger rasantes Fortbewegungsmittel als Ski. Der Wintersport dient der österreichischen Dramatikerin ein ums andere Mal als sprachliche Metapher in ihren Stücken, den sogenannten Textflächen, auf denen man ungeübt schon mal ausrutschen kann. Zu beobachten war das nun wieder bei den alljährlichen AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin. An mehr oder minder sportlichen Nachahmern mangelt es da nie. Nachdem schon zu Beginn die Inszenierung des Kölner Intendanten Stefan Bachmann vom Stück Schnee Weiss, (Die Erfindung der alten Leier) der Textflächen-Meisterin auf Skiern mächtig ins Rutschen kam, sah es für den Autoren-Nachwuchs nicht gerade besser aus.

*

Im Rennen um den Mülheimer Theaterpreis machten dann zumindest noch zwei Texte dem Kölner Stück samt Inszenierung Konkurrenz. Thomas Köck mit altlas und Enis Maci mit Mitwisser. Kurz nach dem Küren des Preisträgers waren diese beiden neben dem Jelinek-Text in der Endrunde befindlichen Kontrahenten auch in Berlin zu sehen. In Mülheim durchgesetzt hat sich schließlich Thomas Köck. Damit gelang dem Jelinek-Landsmann sogar die direkte Titelverteidigung, was selbst Dauerteilnehmerin Elfriede Jelinek noch nicht geschafft hat. Sowohl Köck als auch Maci bedienen in ihren Stücken die Kunst der Textfläche, was vor allem Mitwisser zum großen Problem nicht nur für die Inszenierung vom Schauspielhaus Wien in der Regie von Pedro Martins Beja wurde.

Der junge Regisseur bekommt die ausufernden Textmassen der 1993 in Gelsenkirchen geborenen Autorin von Anfang an nicht so richtig in den Griff. In seiner 90minütigen Inszenierung mutiert das Stückpersonal fast im Minutentakt von Boul spielenden Floridarentnern mit Gummimasken über Partys feiernde Schüler und radikalisierte Jugendliche schließlich zu Kommentar-Zombies aus dem Internet. Maci arbeite textlich in sehr verschiedenen Stilen. Jugendliche Umgangssprache wechselt von Berichten über Ort und Geschehen zu philosophischen Einschüben und poetische Textpassagen nach antiken Tragödien. Es geht um drei reale Fälle von Gewaltverbrechen, bei denen es nicht nur um die Täter, sondern vor allem um die titelgebenden Mitwisser der Taten geht. Sie berichten von einem Jungen aus einer Kleinstadt in Florida, der seine Eltern umbringt und dann seine WhatsUp-Gruppe zur Party nach Hause einlädt, einer verheirateten türkischen Frau, die ihren Vergewaltiger aus dem familiären Umfeld umbringt und einem jungen deutschen Salafisten, der als IS-Kämpfer nach Syrien geht. Alles vorgetragen im verteilt gesprochenen bzw. chorischen Erzählstil. Hallo Textfläche halt.

Gespielt wird das auf einer mit Leuchtröhren bestückten Gitterrostbühne, an deren Hintergrund die geografischen Koordinaten der Orte auftauchen. Die genauen Ortsangaben sind hier verbindende Klammer für etwas, das eigentlich an jedem Ort der Welt passieren kann, wie es auch überall die schweigende, wegsehende Masse gibt, die hier einmal auch als deutsche Bürger, die nichts von den NS-Verbrechen in den KZs gewusst haben wollen, auftritt. Eine „poetischer Kartografie einer verrohenden Welt“, wie es heißt. Langeweile, Fremdenhass, Rache aus Ehre, Beeinflussung von außen durch Internetkommentare, die hier als modernes Pentand zu den antiken Orakelsprüchen gedeutet werden, sind die Tatmotive. Die Täter stammen aus allen möglichen Schichten. Als angestrengt zuhörender Mitwisser wird man davon aber mehr überrollt als mitgenommen.



Mitwisser von Enis Maci am Schauspielhaus Wien | Foto (C) Matthias Heschl

Stefan Bock - 7. Juni 2019
ID 11475
MITWISSER (Kammerspiele des DT, 03.06.2019)
Regie: Pedro Martins Beja
Bühne / Kostüme: Elisabeth Weiß
Musik: Markus Steinkellner
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Simon Bauer, Lili Epply, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger
Uraufführung am Schauspielhaus Wien: 24. März 2018
Gastspiel des Schauspielhaus Wien zu den AUTORENTHEATERTAGEN | RADAR OST 2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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