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Uraufführung

Wie würden Sie

entscheiden?



Terror am DT Berlin | (C) Arno Declair

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Wie würden Sie entscheiden? hieß eine langjährige ZDF-Gerichtsshow, in der echte Gerichtsverfahren vor Publikum noch einmal durchgespielt wurden. Im Anschluss konnten die Zuschauer im Studio per Knopfdruck über Schuld und Unschuld der Delinquenten abstimmen, bevor Rechtsprofis über die tatsächlich gefällten Urteile aufklärten. So ein Gerichtsprofi ist auch der Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach. Er ist in Deutschland einer breiten Leserschaft durch seine Bücher Verbrechen und Schuld bekannt geworden. In diesen Erzählbänden schreibt von Schirach aus seiner eigenen Erfahrung als Strafverteidiger über Fälle, die sich nach unseren moralischen Vorstellungen nicht eindeutig entscheiden lassen. Dort heißt es u.a., dass die Schuld eines Menschen schwer zu wiegen ist und uns nur das Recht vom Chaos trenne. Ein Tanz auf einer dünnen Schicht aus Eis, darunter sei es kalt. Das klingt etwas schwülstig gegenüber der sonst recht nüchternen Sprache des Autors, in der er seine Prozessberichte abspult. Wie nun auch in seinem ersten Theaterstück Terror, das entsprechend jener Fernsehshow an jedem Abend mit einer Entscheidung des Publikums enden soll. Neben dem DT haben bereits 15 weitere Theater dieses Stück in ihren Spielplan gestellt.

Ferdinand von Schirach hat bereits in dem Essayband Die Würde des Menschen ist antastbar sein eigenes Rechtsempfinden erschöpfend dargelegt. Der Eingangstext ist im Programmheft zum Stück nachzulesen. Das sei hiermit empfohlen. Es geht darin auch um die Frage, ob ein von Terroristen entführtes Verkehrsflugzeug, das in ein voll besetztes Fußballstadion geflogen werden soll, abgeschossen werden darf, ob also 164 Menschenleben gegen die von 70.000 aufzuwiegen sind, und erklärt letztendlich „warum der Terrorismus über die Demokratie entscheidet“. Autor von Schirach beschreibt hier außerdem an Beispielen wie etwa der Tötung Osama Bin Ladens durch die US-Regierung oder dem Umgang der Bundesregierung mit dem NSA-Abhörskandal, wie Recht und vor allem unser Grundgesetz in der Reaktion auf den Terror ausgehöhlt werden. Fazit: „Die westliche Welt, ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis (...) entscheidet sich am Umgang mit dem Recht.“

Wenn man so will, hat von Schirach aus diesem Essay nun ein abendfüllendes Theaterstück gemacht, das genau den Fall des Abschusses eines entführten Passagierflugzeuges durch einen Kampfpiloten der Bundeswehr behandelt, der sich in einer Gerichtverhandlung für seine Tat verantworten muss. Major Lars Koch (Timo Weisschnur) ist des Mordes angeklagt. Ihm zur Seite steht die Verteidigerin Biegler (Aylin Esener) und auf der Seite des Anklage Staatsanwältin Nelson (Franziska Machens). Die Verhandlung wird von einer vorsitzenden Richterin (Almut Zilcher) geführt, die einige einleitende Worte zu den zu Schöffen ernannten Zuschauern spricht. Es entspinnt sich nun tatsächlich so etwas wie eine echte Gerichtsverhandlung, die auch ein wenig versucht, Katz und Maus mit dem Publikum zu spielen, indem es teils recht geschickt durch immer neue Argumente, Zeugenvernehmungen (Lisa Hridna als hoch emotionale Frau eines der Insassen des Flugzeugs und Helmut Moshammer als überkorrekter Luftraumsicherheitsoffizier Lauterbach) und einige Rechtsfallbeispiele aus der Geschichte aufs besagte dünne Glatteis geführt werden soll. Dem sei hier aber nicht allzu weit vorgegriffen.

Es spielt aber auch eine Lücke im Luftraumsicherungsgesetz der Bundesrepublik eine entscheidende Rolle. Das Bundesverfassungsgericht hatte den Paragrafen, der den Abschuss entführter Flugzeuge regelt, als grundgesetzwidrig gekippt. Unser Kampfpilot betrachtet das aus eigener Sicht recht kritisch und entschied sich in diesem Fall nach erfolgter Befehlsverweigerung bewusst für den Abschuss, was er auch vehement vor Gericht verteidigt. Die Wahl des kleineren Übels, wie es seine Verteidigerin später in ihrem Plädoyer darstellt. Eine eher US-amerikanische Rechtsauffassung, die die Staatsanwältin eben mit dem Hinweis auf den Grundgesetzartikel 1, „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“, kontert. Die Menschen im Flugzeug würden zu Objekten erklärt. Sie beruft sich hierbei auf Immanuel Kants Subjektbegriff, was dem Ganzen auch noch einen philosophischen Anstrich gibt.

Weiter wird viel von Recht und Moral, Prinzipien, Gewissen und Vernunft geredet. Es fliegt Aktenpapier durch die Luft, und jeder bekommt einmal einen kleinen emotionalen Ausbruch geschenkt. Dabei sitzt man sich mal auf Stühlen gegenüber, mal der Angeklagte allein im Mittelpunkt, und Almut Zilchers Richterin darf auch mal aus dem 1. Rang sprechen. Viel mehr kann Regisseur Hasko Weber, Intendant des Nationaltheaters Weimar, aus diesem starr konstruierten Plot nicht herausholen. In kurzen Pausen dröhnt laut Musik, und in animierten Videoeinblendungen auf eine mit Flugzeugtrümmertapeten gesäumte Betonwand sieht man Flugzeuge, Leichen im Gras oder den Piloten als Technik-Hybrid wie in einem Computerspiel. Das zielt dann schon alles sehr in Richtung einer Schuld des Angeklagten, obwohl es eigentlich doch eher seine Gedankenwelt, von ihm selbst als „Innereien“ bezeichnet, illustrieren soll.

Letztendlich entscheidet sich das Publikum aber doch, nach einer Pause beim Wiedereintritt in den Saal, durch entsprechend gekennzeichnete Türen, Lars Koch mit 255 zu 207 Stimmen freizusprechen. Die Richterin beruft sich hier auf einen Notstand wegen ungeklärter Rechtslage, was eine nette Wendung ist, und eigentlich eher einem Freispruch zweiter Klasse gleichkommt. Falls die Zuschauer den Piloten mal für schuldig erklären sollten, gibt es noch einen zweiten Richterspruch, auf dessen Begründung man ebenfalls gespannt sein darf. Weitere grundsätzliche Fragen zu Krieg, Terror und Demokratie, oder Freiheit, Sicherheitsbedürfnis und Landesverteidigung greift das Stück allerdings gar nicht erst auf. Es bleibt ganz statisches Gerichtsspiel. Aber zumindest ist in jedem Fall für fortgesetzte Diskussionen gesorgt.


* *


[Anm. d. Red.: Diese Art Mitmachtheater ist nicht neu - in Please, Continue (Hamlet), vor zwei Jahren bei den FOREIGN AFFAIRS im Haus der Berliner Festspiele gezeigt, spielten Yan Duyvendak & Roger Bernat schon mal einen Fiktivprozess à la "Gericht für alle" durch.]
Stefan Bock - 5. Oktober 2015
ID 8911
TERROR (Deutsches Theater Berlin, 03.10.2015)
Regie: Hasko Weber
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Camilla Daemen
Video: Daniel Hengst
Licht: Heimhart von Bültzingslöwen
Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Almut Zilcher, Timo Weisschnur, Aylin Esener, Franziska Machens, Helmut Mooshammer und Lisa Hrdina
Uraufführung war am 3. Oktober 2015
Weitere Termine: 6., 16., 22. 10. / 5., 10., 25. 11. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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