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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

3D-Computerwelt

mit Live-Avataren


WOMEN IN TROUBLE


Women in Trouble an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Julian Röder

Bewertung:    



Susanne Kennedy ist seit ihren Münchner Inszenierungen von Marie-Luise Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt und Rainer-Werner Fassbinders Warum läuft Herr K. Amok bekannt für ihre übertrieben künstliche Ästhetik, bei der die DarstellerInnen Latex-Masken tragen und die Stimmen vom Band kommen. Die Regisseurin hat dieses Prinzip immer weiter verfeinert, und in ihrer dritten Münchner Inszenierung The Vergin Suizid wandeln ihre Figuren wie Computer-Avatare durch eine künstliche Bühneninstallation. Letztere Arbeit entstand in Koproduktion mit der neuen Volksbühne unter Chris Dercon und wird dort auch 2018 in den Spielplan übernommen. Seitdem bekannt ist, dass Suzanne Kennedy zum künstlerischen Stab der neuen Volksbühne gehört, war man vor allem gespannt auf ihre erste Arbeit, die nun den Abschluss der Eröffnungspremieren im Haupthaus bilden sollte.

Im Vorfeld hatte Programmdirektoren Mariette Piekenbrock die Nähe von Kennedys Maschinenwesen aus ihrer neuen Produktion für die Volksbühne zu den Figuren in den ästhetisch stark reduzierten Einaktern von Samuel Beckett aus den 1960er und 70er Jahren betont. Beckett wurde als "Motor aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts" bezeichnet und als Beglaubigung der Begründung einer neuen Theatertradition im selbst an Traditionen nicht armen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz über die erste Spielzeit gestellt. Das scheint starker Tobak, sollte sich aber nur wenige Wochen später tatsächlich bewahrheiten. Jetzt bekam das Theaterpublikum zur Premiere von Women in Trouble diese neuen Welten auch live auf der Bühne präsentiert. „Lifespring“ heißt diese Wellness-Oase, die sich Regisseurin Kennedy von ihrer Bühnenbildnerin Lena Newton mit mehreren Räumen auf der Drehbühne im Großen Haus am Rosa Luxemburgplatz hat bauen lassen.

Eine Computerspielwelt in 3D, in der mehrere wie Avatare auftretende PerformerInnen [Namen s.u.] in den besagten ausdruckslosen Silikonmasken zu einer vom Band laufenden Tonspur in englischer Sprache mit ebenso emotionslosen Stimmen die Münder bewegen. Den Text hat sich Suzanne Kennedy aus Blogs, Fernsehserien und Kinofilmen wie etwa John Cassavetes Opening Night sowie Schriften von Gilles Deleuze und Antonin Artaud zusammengesucht. Den Plot bildet dann auch eine fiktive Web-Serie, in der eine Schauspielerin namens Angelina Dreem die Hauptrolle spielt. Angelina hat Lungenkrebs und geht zur Behandlung in besagte Krebsklinik eines Dr. Chue. Aber sie spielt diesen Part gleichzeitig auch in der Serie, die ihr Sterben sozusagen als Reality-Show ausschlachtet. Sich wiederholende Szeneanordnungen, die von einer männlichen Stimme aus dem Off diktiert werden, zeigen Angelina im Gespräch mit ihrem Lover, der Mutter, dem Arzt oder bei TV-Interviews. In Drehs für die Serie, bei der sie von ihrem männlichen Partner geschlagen werden soll, thematisiert Kennedys Inszenierung auch genderspezifische Probleme.

Dabei laufen die Szenen vom einen Raum des Bühnenkarussells zum nächsten, verdoppeln und verdreifachen sich diese Angelinas oder spiegeln sich vor einer durchsichtigen Wand ineinander. Und wenn dieser weibliche Avatar ohne jegliche innere Regung betont „I am on my way to happiness and free future“, dann ist das natürlich auch eine zutiefst traurige Botschaft, sind doch diese Heilsversprechen der Selbstoptimierungsindustrie bekanntlich auch extrem fragwürdig. Die teilnahmslose Trostlosigkeit dieser Bilder überträgt sich dabei automatisch auch auf das Publikum, das sicher spätestens nach einer halben Stunde begriffen haben wird, wohin das alles zielt, allerdings nicht durch die glatte Oberfläche dieser Welt tiefer einzutauchen vermag. Durch die Röhre eines laut brummenden Computertomografen erfolgt schließlich der Übertritt in eine neue Stufe des Bewusstsein, ob nun mit oder ohne Körper. Die philosophischen und spirituellen Textsplitter vom Band lassen das Ganze wie eine pseudowissenschaftliche Esoterik-Show wirken.

Die Verheißung der Wiedergeburt führt dann aber lediglich in eine weitere Welt des ewig Gleichen, nur dass sich die Bühne nun in die andere Richtung dreht. Ein immer währender Limbus. Die Vorhölle dessen, was nun in Zukunft an der Volksbühne stattfinden wird. Und da gleicht diese Maschinerie der Susanne Kennedy tatsächlich fatal der von Samuel Beckett, der von Marietta Piekenbrock gern als Motor aus dem Maschinenraum des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Man hat ihn ja ganz bewusst als Beglaubigung des Folgenden an den Anfang der Spielzeit gestellt, die zunehmend eine Austreibung des Menschen-Theaters mit den Mitteln der zeitgenössischen bildenden Kunst betreibt. Objekte, Installationen und Videoarbeiten die all überall schon die Kunsthallen der Gegenwart füllen. Die 9. Berlin Biennale im vergangenen Jahr nannte das „The Present In Drag“. Die Gegenwart hat sich verkleidet, ist weder erkennbar noch zu verstehen. Konventionelle Formen der künstlerischen Gesellschaftskritik greifen daher nicht mehr. Die netzaffine Kunst ist dabei ganz in die Ästhetik der alltäglichen Werbewelt gewandet. Wobei die virtuelle Welt zunehmend als Realität wahrgenommen wird, Nationen als Marken, Menschen als Daten und die Kultur als Kapital. Ähnliches haben wir schon vom neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon gehört.

Und so belässt es Susanne Kennedy auch dabei, lediglich auf unseren Alltag beherrschende Widersprüche zu verweisen. Woman in Trouble ähnelt da sehr der Videoinstallation What the Heart Wants von Cécile B. Evans. Auch da geht es ja u.a. um den Menschen in der der Netz-Gegenwart, um sein Sterben und das Weiterleben als virtueller Avatar im eigenen Social-Media-Account. Sicher geht es in Kennedys Arbeit noch um einiges mehr. Aber das Erstarren des Theaters in einer bloßen Installation, die Menschen als Avatare benutzt und den Text nur als begleitende Tonschleife mitlaufen lässt, ist 2,5 Stunden lang leider ziemlich langweilig. Die fehlenden Emotionen spiegeln sich auch in einem recht eintönigen Technosoundtrack, der sich zunehmend verstärkt und schließlich am Ende in den fast schon kitschigen Choral Lacrimosa II des polnischen Filmkomponisten Zbigniew Preisner, u.a. bekannt durch hochemotionale Orchesterstücke zu Terence Maliks Tree of Life oder Krzysztof Kieślowskis Die zwei Leben der Veronika. Damit setzt Kennedy einen pathetischen Kontrapunkt.

„Ich like America and America likes Me“, heißt es einmal beiläufige im Text. So lautet auch der Titel einer kapitalismus- und kolonialismuskritischen Kunstaktion von Joseph Beyus in einer New-Yorker Galerie, bei der sich der Künstler 1976 vier Tage lang zusammen mit einem Kojoten in einen Käfig einsperren ließ. Der Kojote stand hier vor allem als Symbol für den Schöpfungsmythos der nordamerikanischen Ureinwohner. Mehr muss man zum großen Irrtum dieser bemüht an Vorbildern klebendenden Volksbühneneröffnung nicht sagen. Und wenn die letzten Worte der Inszenierung „Zeige deine Wunde“ lauten, so ist das nicht nur ein Verweis auf den großen Meister der sozialen Plastik, der in diesem Werk seine biografischen Verwundungen thematisiert hat, sondern auch auf seine Nachfolger wie etwa Christoph Schlingensief, der hier wohl auch eine der Inspirationsquellen Kennedys zu sein scheint. Nur hat Schlingensief in seinen letzten Arbeiten dezidiert sich selbst mit seiner Krankheit in den Mittelpunkt ge- und extrem persönliche Empfindungen dazu ausgestellt. Susanne Kennedy zeigt nur ein ausdrucksloses und dazu noch sehr fremdelndes Abbild dessen.



Women in Trouble an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Julian Röder

Stefan Bock - 3. Dezember 2017
ID 10405
WOMEN IN TROUBLE (Volksbühne Berlin, 30.11.2017)
Regie & Text: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Lotte Goos
Licht: Rainer Casper
Video: Rodrik Biersteker
Sound Design: Richard Janssen
Mit: Suzan Boogaerdt, Marie Groothof, Niels Kuiters, Julie Solberg, Anna Maria Sturm, Bianca van der Schoot und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 30. November 2017.
Weitere Termine: 03., 10., 23., 27.12.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne.berlin


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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Zum Vergleich: ORFEO (im Martin-Gropius-Bau, 2015)



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