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Premierenkritik

Allein mit der Grenzerfahrung

DIE WAND
von Marlen Haushofer


Bewertung:    



Die Wand von Marlen Haushofer [s. auch unsere Filmkritk] präsentiert sich als Erinnerungsbericht einer etwa 40jährigen, namenlosen Ich-Erzählerin. Bei einem Wochenendbesuch in einem Jagdhaus im Gebirge ist sie plötzlich eines Morgens völlig isoliert - hinter einer undurchdringlichen aber durchsichtigen Wand, die ein größeres Areal umgibt. In der Außenwelt dieser glasartigen Wand ist alles tierische und menschliche Leben abgestorben, und Reste sind dort nur in fossil erstarrter Form erkennbar. Im Inneren befindet sich nur die Ich-Erzählerin mit einigen Tieren (Kuh, Hund, Katze), die somit der Katastrophe entgeht. Durch ihre Abhängigkeit von erlernbaren Handgriffen barer Selbsterhaltung (Säen, Ernten, Melken, Heu machen) ändert sich die Beziehung der Protagonistin zum Leben, zu seinem Wert und zur Zivilisation. Sie erkennt nur noch das als wertvoll, was für sie unmittelbar nützlich erscheint. In der Kammer des Theater Aachen spielt Katja Zinsmeister bei der deutschen Erstaufführung des Bestsellers ausdrucksstark die namenlose Protagonistin hinter der Wand. Die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich konzentriert sich auf die wichtigsten Inhalte der Romanvorlage, überrascht mit dramaturgischen Kniffen und entwirft Die Wand als Psychogramm einer Persönlichkeitsentwicklung.

Nur etwa dreißig Personen passen in die Kammer des Aachener Theaters. Sie sitzen im Raum verteilt gegenüber einer ebenerdigen Bühne, nur durch ein lichtdurchlässiges Tuch von dieser getrennt. Dahinter beginnt Katja Zinsmeister mit lebendiger Stimmführung den Monolog der bekannten Buchvorlage. Leicht hysterisch berichtet sie vom Auftauchen der Wand und ersten Begegnungen mit Tieren, die bald ihre Weggefährten werden. Die Natur und die Tiere deutet sie liebevoll mit konzentrierten Gesten an, und es wird leicht, sich diese in der eigenen Fantasie hinzuzudenken. Insbesondere zu Anfang dominieren kurze, experimentelle Videoprojektionen das Bühnenbild (Video: Hannah Dörr), während die hinter dem Tuch nur schemenhaft sichtbare Frau Erinnerungen monologisiert. Gezeigt wird in den Videoprojektionen die in luftige und weiße Sommerkleider gehüllte Protagonistin ruhig auf einer Bank sitzend oder beim langsamen Kartoffelschälen oder Holzhacken. Diese friedlichen Sequenzen kontrastieren wirkungsvoll mit plötzlich wiederholt eingeblendeten Videobildern, die eine vervielfältigte Protagonistin zeigen, wie diese ihren Kopf erschrocken gegen eine Glaswand drückt. Das Entsetzen vor der Ausweglosigkeit der Situation erscheint wie ein lauter Angst-Alptraum. Denn just in diesem Moment setzt die Inszenierung effektvoll hämmernden Sound ein. Später wird ein ähnliches Röhren plötzlich auftretende Zahnschmerzen der Protagonistin akustisch unterstreichen (Musik: Silvan Jeger).

In ihrer temporeichen und packenden Performance stellt Zinsmeister pantomimisch erstarrte Menschen auf der anderen Seite der Wand dar oder versucht ihren Textfluss und ihre Bedrängnis einzudämmen, indem sie das Mikrofon ablegt, nur um dann doch nach kurzem Schweigen wie im Zwang weiter fortzufahren. Das ineinander verwobene Skript aus Vernunft und Disziplin, mit der die Erzählerin in ihrem Bericht ihre Existenz aufarbeitet, lässt so immer auch darunter liegende massive Existenzängste und Gefühle der Unordnung und des Wahnsinns durchscheinen. Der Erzählprozess selbst begründet den einzigen Wert und die Motivation des Vortrages, welcher sich somit als Selbstmonolog ausgibt und seine potentielle Leserschaft negiert: „Es kommt nur darauf an, zu schreiben, und da es keine anderen Gespräche mehr gibt, muß ich das endlose Selbstgespräch in Gang halten.“ Die namenlose Protagonistin kommentiert ihren Erzählprozess oft, indem sie beispielsweise unterscheidet, ob sie ein vergangenes Ereignis noch sensuell erfassen und wiedergeben oder ob sie es nur noch erinnern kann. Die Uneindeutigkeit der Erinnerungen und Aufarbeitungsbemühungen verleiht ihr eine gewisse Authentizität. Dramaturgisch schafft die Inszenierung packende Bilder der Isolation, der Ängste, der Gefühle von Zeitverlust und einer Entgrenzung in der Natur, wenn die Protagonistin zwischen den Zuschauern am Boden liegend Worte für ihre Natureindrücke sucht, laut eine ebenso schöne wie unbestimmbare Melodie summt oder das Licht plötzlich flackert und es dann dunkel wird (Licht: Pascal Moonen). Einiges wirkt jedoch auch überzeichnet, wenn Zinsmeister minutenlang durch eine übergroße Tiermaske spricht oder einem Theaterbesucher Unverständliches ins Ohr flüstert. Insgesamt jedoch dürften auch Kenner von Haushofers vielschichtigem Roman neue Zusammenhänge in Dittrichs Theateradaptation entdecken. Insbesondere Darstellerin Katja Zinsmeister, die das Stück am Aachener Theater meist zweimal hintereinander spielt, überzeugt mit ihrer Entwicklung der stets zurückgenommener agierenden und mehr und mehr aufs Wesentliche konzentrierten Figur.



Katja Zinsmeister in Die Wand am Theater Aachen | Foto (C) Ludwig Koerfer

Ansgar Skoda - 26. September 2016
ID 9583
DIE WAND (Kammer des Theater Aachen, 23.09.2016)
Inszenierung: Paul-Georg Dittrich
Ausstattung: Pia Dederichs und Lena Schmid
Musik: Silvan Jeger
Video: Hannah Dörr
Dramaturgie: Inge Zeppenfeld
Mit: Katja Zinsmeister
Premiere am Theater Aachen war am 23. September 2016.
Weitere Termine: 8., 12., 18., 22. 10. / 4., 12., 19., 25. 11. / 4., 8., 11., 17., 23. 12. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.theateraachen.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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