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UNTERLEUTEN von Juli Zeh


Bernd Braun als Kron und Max Moor als Gombrowski (von links nach rechts) in Unterleuten am Theater Bonn| Foto (C) Thilo Beu

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Ohne Wind geht es nicht, wenn die Energiewende hin zu Erneuerbarem oder Regenerativem eingeläutet werden soll. Windkraft gilt nicht nur bei uns als leistungsstärkste Energiequelle bei den erneuerbaren, noch vor Solarenergie. Die Europäische Union, die Bundesregierung und neue Gesetzgebungen bieten hier allerlei Förderprogramme. Doch wo werden Windkrafträder gebaut- oft an Bahnstrecken oder Autobahnen und vor allem auf dem Land. Und wie überzeugt man die Bürger auf dem Land von der Notwendigkeit des Baus großer Windkrafträder in ihrer Region - mit der nicht zu unterschätzenden Belastung durch den Schlagschatten und Rotorenlärm der Windturbinen? Wie begegnet man Vorbehalten, etwa seitens des Natur- und Vogelschutzes? Am Theater Bonn beschäftigt sich nun ein witziges, geist- und temporeiches neues Theaterstück mit diesen Fragen und betrachtet auch die unterschiedlichen, möglichen Perspektiven ansässiger Dorfbewohner.

Schon seit einiger Zeit produziert das Theater Bonn Texte prominenter, gebürtiger Bonner Gegenwartsautoren wie Juli Zeh oder Thomas Melle. Mit Unterleuten inszenierte nun Jan Neumann in den Bad Godesberger Kammerspielen Juli Zehs 2016 veröffentlichten gleichnamigen Roman.

Geschildert wird die Lebenswirklichkeit der fiktiven Gemeinde Unterleuten, irgendwo in der Provinz der ehemaligen DDR. Die Menschen dort hängen der alten Zeit nach, in der das Leben im Dorf noch funktionierte, jedenfalls anders funktionierte als nach der Wiedervereinigung. Die riesigen Ländereien der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) gehören nun zum großen Teil Gombrowski, einem ehemaligen Funktionär der LPG. Zu einem noch größeren Teil gehören sie dem Spekulanten Meiler aus dem Westen der Republik, der sie zu einem Spottpreis aufkaufte.

Die stärksten Momente der Vorführung beleuchten unterschiedliche Blickwinkel auf die Menschen vor Ort, das Land sowie die Besitz- und Machtverhältnisse. Nachdem der Investor Meiler 250 Hektar Land der ehemaligen DDR – also „Volkseigentum“ - gekauft hat, fährt er durch seine neuen Besitztümer. Dabei wird ihm deutlich, dass alles das was er sieht, also die Landschaft, nichts anderes als Besitz von irgendwelchen Menschen – auch ihm - ist.

Der beabsichtigte Bau von Windkraftanlagen durch den Betreiber Schaller verspricht dem Besitzer der Grundstücksflächen, für die sich entschieden wird, sehr gute Renditen. Es beginnt ein Kampf um den Zuschlag, der mit allen Mitteln ausgetragen wird.

Die Unterleutener waren schon zu DDR-Zeiten der Willkür der Mächtigen des Arbeiter- und Bauern-Staates ausgesetzt, und die Wiedervereinigung hatte für sie vor allem die Verwahrlosung bisheriger Strukturen zur Folge. Doch nun werden sie scheinbar vollends zum Spielball der wirtschaftlich Mächtigen. In direkter Dorfnähe könnten Anlagen gebaut werden, die möglicherweise größer als der Kölner Dom sind, ohne dass sie selbst etwas davon haben. Es entstehen Gerüchte. Intrigen werden gesponnen, Unterschriften gesammelt, und langsam beginnt eine Protestbewegung gegen die möglichen Windkrafträder.

Liebevoll, gestisch und mimisch ausdrucksstark agieren die Darsteller in mehrfachen Rollen, indem sie teils auf der Bühne fliegend Kostümierungen wechseln. Zum einen sind sie die Akteure (Grundbesitzer und Investoren, die nur ihren finanziellen Vorteil durchsetzen wollen), zum andern spielen sie auch die einfachen Dorfbewohner - manchmal hoffnungslos überzeichnet im hinterwäldlerischen Schlabberlook (Kostüme: Dorothee Curio), die, wie die Grundstücke selbst, zur Verfügungsmasse der Mächtigen degradiert scheinen. Erkennbar wird dieser mögliche Klassenunterschied in den Körperhaltungen, die das Ensemble einnimmt. Vor allem die eingezogenen Köpfe - besonders gekonnt und geradezu eine ganz andere Gestalt einnehmend agiert hier in einer Gastrolle der Fernsehmoderator Max Moor - machen deutlich, wie sehr die Dorfbewohner es gelernt zu haben scheinen, sich wegzuducken, weil gefühlt immer schon über sie hinweg regiert und entschieden wurde. Immer wieder verstecken sich besonders zurückhaltende Dorfbewohner auch unter den herabfallenden Haarsträhnen ihrer Perücken, die sie beständig zupfen. Da passt es dann auch, dass sich bald über ihren Köpfen die Windräder drehen könnten, um den Ökostrom nach Westdeutschland zu liefern. Eine mögliche Kindesentführung und ein nicht völlig geklärter Todesfall steigern noch die Verwicklungen vor Ort. Sie sorgen dafür, dass einzelne Dorfmitglieder unbequeme Fragen stellen und auch mit ihrem potentiellen Schicksal hadern.

Ein spannender Theaterabend, der Gegenwartsthemen unterhaltsam aus unterschiedlichen Blickwinkeln verhandelt.



Unterleuten am Theater Bonn| Foto (C) Thilo Beu

Ansgar Skoda - 5. Dezember 2017
ID 10411
UNTERLEUTEN (Kammerspiele Bad Godesberg, 01.12.2017)
Regie: Jan Neumann
Bühne und Kostüme: Dorothee Curio
Musik: Camill Jammal
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Johanna Vater
Besetzung:
Gombrowski … Max Moor
Kron … Bernd Braun
Linda Franzen / Jule Fließ / Mizzie Meiler: Laura Sundermann
Kathrin Kron / Hilde Kessler / Miriam Schaller … Lydia Stäubli
Meiler … Wilhelm Eilers
Bodo Schaller / Arne Seidel … Wolfgang Rüter
Gerhard Fließ … Matthias Breitenbach
Frederik Wachs / Herr Pilz / Krönchen … Philipp Basener
Uraufführung am Deutschen Nationaltheater Weimar: 18. November 2017
Premiere am Theater Bonn: 23. November 2017
Weitere Termine: 07., 13., 20., 22., 30.12.2017 // 06., 18.01.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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