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Alte Mythen und nationalreligiöse Wirklichkeit in der Türkei



(C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Neben dem Singstück Lö Grand Bal Almanya von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu (auf der großen Bühne des Maxim Gorki Theaters Berlin) feierte fast gleichzeitig ein kleines, feines Stück (im Studio Я des MGT) Premiere.

In der Reihe „Mythen der Wirklichkeit“ erzählen der junge Dramatiker Ahmet Sami Özbudak und Regisseur Serkan Öz in Süleymankurt, was mit jungen Menschen passieren kann, wenn das türkische Bildungssystem zunehmend von religiösen Einflüssen vereinnahmt wird. Der Text wird von Schauspieler Murat Dikenci und Schauspielerin Selin Kavak auf Türkisch und Deutsch gesprochen und jeweils deutsch, türkisch und englisch übertitelt. Was nicht ganz einfach ist, aber der einzig aus der Perspektive des jungen Türken Süleyman erzählten Geschichte auch einen gewissen zusätzlichen Drive gibt.

Süleyman ist ein recht neugieriger Junge aus Istanbul, der Käfer sammelt, die er in einem Aquarium aufbewahrt. Die beiden Schauspieler widersprechen sich hier zunächst gegenseitig, ob es Aquarium oder nicht eher Terrarium heißen muss. Beide sind wechselnd Süleyman oder der Vater des Jungen bzw. verschiedene Hodschas, in deren Koranschule der Sohn vom Vater geschickt wird, obwohl er eigentlich Tierarzt werden will. Im Internat gefällt es Süleyman nicht besonders, er wird wegen seines sonderbaren Hobbys gehänselt oder sogar verpetzt. Einem dieser „Verräter“ lauert der Junge dann im Waschraum auf und stößt ihn mit dem Kopf ins Waschbecken unter Wasser.

Süleyman will Gerechtigkeit und ringt um Anerkennung. Da er sie vom Vater nicht bekommen kann, sucht er sie bei den Religionslehrern. Dem Jungen erscheint beim Gebet in der Moschee Sultan Fatih Mehmed, der Eroberer Konstantinopels, auf einer Kakerlake reitend. Die Fantasie Süleymans gemischt mit einem starken Interesse für Geschichten und Mythen könnten ihn ebenso zu Stücken von Shakespeare ins Theater führen, treiben den Jungen aber aus Angst vor dem Satan immer mehr in die Hände der religiösen Eiferer, die ihn geschickt in ihr System aus Kontrolle und Propaganda einbinden. Zehn Jahre später - zur Zeit der Proteste im Istanbuler Gezi-Park - wird er als Mitglied der nationalkonservativen Religionsgemeinschaft „Die hohe Bewegung“ auf einen kritischen Journalisten angesetzt. Aus dem einst wissbegierigen Süleyman ist der hörige Sklave Süleymankurt geworden.

*

Die Inszenierung von Serkan Öz zeigt diese Geschichte einer Gehirnwäsche hin zum religiösen Fanatismus als sehr freies, körperbetontes Spiel der beiden Darsteller, die auf zwei Stahlgerüsten klettern und diese auf der Bühne immer wieder zu neuen Konstellationen verschieben. Autor Ahmet Sami Özbudak benutzt in seinem Text neben dem türkischen Heldenmythos von Sultan Fatih Mehmed auch den des Mankurt, eines besonders höriger Sklaven, dem die Haare abgeschoren und Kamelleder auf den Kopf genäht werden, so dass sein Haar ins Gehirn dringt, anstatt nach außen zu wachsen, und bezieht sich auf Suren des Korans wie die vom Elefanten Mahmud, mit dem der christliche König Abraha aus Rache wegen der Beschmutzung seiner Kirche die Kaaba in Mekka zerstören wollte.
Stefan Bock - 27. Mai 2018 (2)
ID 10720
SÜLEYMANKURT (Studio Я, 26.05.2018)
Text: Ahmet Sami Özbudak
Regie: Serkan Öz
Mit: Murat Dikenci und Selin Kavak
Premiere am Maxim Gorki Theater Berlin: 25. Mai 2018


Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de


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