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Bruchstücke vitaler Lebensmomente



Buch (5 ingredientes de la vida) am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU_OSTKREUZ

Bewertung:    



Während die meisten Arbeitsgeräte unsere körperlichen Möglichkeiten erweitern, ist die Erfindung des Buchs für den argentinischen Schriftsteller und Bibliothekar Jorge Luis Borges einzigartig - „eine Erweiterung des Gedächtnisses und der Phantasie“ Dies verrät sein Beitrag im Programmheft zu Fritz Katers Buch (5 ingredientes de la vida) an der Bühne Nord vom Schauspiel Stuttgart.

Fritz Kater, Schriftsteller-Pseudonym für den Schauspiel-Intendanten Armin Petras, teilt seinen Text Buch in „fünf Bestandteile des Lebens“, so der spanischsprachige Untertitel. Inhaltlich und ästhetisch stehen die einzelnen Teile „Utopie“, „Phantasie“, „Liebe und Tod“, „Instinkt“ und schließlich „Sorge“ für sich. Auf der Bühne entspinnt sich eine assoziative, oft zusammenhanglose Reise in diese allesamt existentiellen Themen.

Das Publikum bewegt sich zunächst im dunklen und leeren Bühnenraum und sieht auf Großbildleinwänden trashig anmutende Videoeinspieler mit sich echauffierenden Wissenschaftlern. Voller Zukunftsoptimismus werden hier auf vier Bildschirmen als scheinbare „Utopie“ Wachstum und Beschleunigung propagiert, während eine Gefährdung durch die bewusst in Kauf genommene Umweltzerstörung geleugnet wird. Ein Gewaltrausch mit zwei Playboy-Bunnies beendet die Erörterung.

Zwei Kinder (Holger Stockhaus und Ursula Werner) warten in einem eiskalten Berliner Winter auf die S-Bahn und vergeblich auf ihre Mutter, die nicht kommt. Sie stehen einander dick verpackt in Anorak, Mütze und Schal auf Podesten gegenüber. Es schneit und niemand sorgt sich um sie. In ihrer Verzweiflung erproben sie ihre blühende „Phantasie“ und erfinden trotzig Geschichten.

„Liebe und Tod“ ist eine Parabel über die Tierwelt. In der trockenen afrikanischen Savanne beschreiben Schattenbilder und tänzerische Choreographien das Leben und Sterben einer Elefantenkuh. Von Menschen verkörperte Tiere (Svenja Liesau, Max Siemonischek und Edmund Telgenkämper) glauben an das verlorene Paradies, für welches ein „Spiegelstein“ steht. Sie treffen auf Wilderer, die mit wissenschaftlichem Ehrgeiz skrupellos Raubbau am Planeten betreiben. Es gilt das Recht des Stärkeren. Lederjacken werden auf den Boden geklatscht und instinktgetrieben reiben sich Körper aneinander.

Ein aus Metall nachgebautes Mammut-Skelett [s. Foto o. re.] liegt in „Instinkt“ als Gerüst mit archaischem Gipskopf und Stoßzähnen im Bühnenzentrum. Das Publikum ist beidseitig zum großräumigen Objekt auf unbequemen Sitzbänken platziert. Ein in eigene Gedankenwelten verlorener Künstler (Holger Stockhaus) verdrängt, dass sein „Hase“ krank ist. Seine Frau (Anja Schneider) erscheint auf der anderen Seite des Raumes sitzend als ein einziger Vorwurf: „Du bist nicht da, wenn dein Kind krepiert, du Schwein.“ Bald erklimmen beide immer wieder strauchelnd das kalte Metall.

Auf der sinnlich-assoziativen, stets skizzenhaft bleibenden Reise beschreiten die Figuren in kurzen Szenen Grenzerfahrungen einer zerbrechenden Welt. Der fast vierstündige Theaterabend schöpft Kraft aus berührenden Live-Musik-Auftritten vom Kanadier Miles Perkin, der mit ausdrucksstark melancholischem Gesang und Trommelsoli an Schlagzeug oder Metallstangen komplexe Gedankengänge der Inszenierung rockig auflockert. Auch die Bewegungs- und Körperbetontheit der Inszenierung weckt – ebenso wie die phantasievollen Kostüme und das originelle Bühnenbild - stets kraftvolle Assoziationen. Es bleiben trotzdem – wie im wirklichen Leben – viele gesponnene Fäden unsichtbar und zahlreiche Rätsel.




Buch (5 ingredientes de la vida) am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU_OSTKREUZ

Ansgar Skoda - 16. November 2015
ID 8983
BUCH 5 INGREDIENTES DE LA VIDA (Nord, 08.11.2015)
Regie: Armin Petras
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Patricia Talacko
Musik: Miles Perkin
Video: Rebecca Riedel
Choreografie: Berit Jentzsch
Licht: Gregor Roth, Jurgen Kolb
Dramaturgie: Jan Hein, Tobias Staab
Besetzung:
Svenja Liesau, Anja Schneider, Max Simonischek, Holger Stockhaus, Edmund Telgenkämper, Ursula Werner und Miles Perkin (Live-Musik)
Uraufführung in den Münchner Kammerspielen war am 10. April 2015
Stuttgarter Premiere: 6. November 2015
Weiterer Termin: 29. 11. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de

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