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Bonnarchie

BONNOPOLY
von Ulf Schmidt


Bonnopoly am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu

Bewertung:    



Bürger begehren das Wohl ihrer Bundesstadt und ziehen eine Bilanz. Auf der Bühne der Bad Godesberger Kammerspiele geht es hoch her bei der Uraufführung von Bonnopoly (Regie: Volker Lösch). Ungläubig und erschrocken vernehmen die Figuren zunächst über einen Fernsehsprecher, dass Bonn nicht Bundeshauptstadt bleiben soll. Sie blicken wie erstarrt minutenlang ins Publikum und gehen dann wehmütig ihren hingebungsvollen Erinnerungen vom beschaulichen Bonner Regierungssitz nach. Doch es kommt noch dicker. Bald wälzen sich die Figuren halbnackt im Schlamm und sprechen schließlich als Bürgermasse synchron im Chor. Alles dreht sich um Bonn, die idyllische Stadt am Rhein, über deren Ausverkauf die Figuren auf der Bühne lebendig und freiheraus streiten. Die an beiden Ufern des Rheins gelegene Stadt war von 1949 bis 1990 provisorische Bundeshauptstadt und bis 1999 Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1951 ist Bonn Sitz der Vereinten Nationen.

Inhaltlich behandelt die Textvorlage von Ulf Schmidt jedoch vor allem auch den Bauskandal des World Conference Center Bonn (WCCB), der für die Bürger vor Ort weitreichende Konsequenzen hat. Das Desaster um das ambitionierte Großprojekt, bei dem sich Stadtregierung und städtische Verwaltung kolossale Fehleinschätzungen leisteten, dürfte die Stadt bis 2041 rund 309 Millionen Euro ohne den eigentlichen Betrieb des Konferenzzentrums kosten. Der Steuerzahler wird hier stark belastet, ohne Einfluss auf seine Zahlungen nehmen zu können. Denn allem Anschein nach werden für das WCCB Mittel bei öffentlichen Angeboten, wie Schulen, Kitas, Schwimmbädern oder Bibliotheken, gestrichen. Denn offiziell gilt Bonn, spätestens seit den ersten Plänen für das WCCB vor über 15 Jahren, als „überschuldet“. Bonnopoly ist politisches Theater im besten Sinne. Das Theater Bonn, bei dem auch mehr und mehr Gelder gestrichen werden – die Spielstätte der Halle Beuel wurde bereits aufgegeben – bezieht mit seiner liebevoll grotesken Uraufführung Stellung gegen die fatale politische Grundentscheidung, ein sogenanntes Prestigeprojekt gegenüber sozial-kulturellen Ausgaben für die Allgemeinheit zu bevorzugen. Gleichzeitig erscheint das Drama auch als paradigmatisch. Denn Bonn ist kein Einzelfall, wenn es um grandiose Fehleinschätzungen städtischer Ausgaben geht. Auch in anderen Städten gab es Bauskandale in ähnlichen Dimensionen, bedenke man die Elbphilharmonie, Stuttgart 21, die Kölner Oper oder den Berliner Flughafen.

*

Laura Sundermann spielt die ehemalige Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, die sich gerne auch bei wohltätigen Anlässen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit präsentiert. Nachdem Bonn nicht mehr Regierungssitz ist, strebt sie naiv nach der Umsetzung eines lokalen Großprojektes, auch um in ihrer Amtszeit mit einem reputablen Leuchtturmprojekt glänzen zu können. Verantwortung wird an überforderte Bedienstete delegiert, nur die Lorbeeren weiß die Oberbürgermeisterin selbst einzuheimsen. Statistiken, Bilanzen und Haushaltsunterlagen werden geschönt, wenn Birte Schrein und Glenn Goltz bürokratisch als städtisch verordnete Beamte alles als „korrekt“ zeichnen, ohne Sachverhalte zu überprüfen. Ein zwielichtiger Privatinvestor (Holger Kraft) scheint für das Prestigeprojekt schnell gefunden, ohne dass dessen finanzielle Mittel hinreichend überprüft werden. Bald ufern die Kosten für den Bau des WCCB immer mehr dramatisch aus. Kein Ende scheint in Sicht und auch die lokalen Medien werden aufmerksam. Die Oberbürgermeisterin weist geflissentlich alle Schuld von sich. Dieckmann entgeht einem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue und der Bestechlichkeit mangels hinreichenden Tatverdachts. Das Drama legt nahe, das für Dieckmann hier auch ihr Mann unterstützend tätig geworden sein könnte, der bis 2005 als Justiz- bzw. Finanzminister des Landes NRW amtierte.

Mit überzeichneter und überspitzter Eloquenz dankt Daniel Breitfelder schließlich Dieckmann als nachfolgender Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch feierlich für ihre verdienstvolle Arbeit für die Stadt Bonn, nachdem sich diese im Zuge des WCCB-Skandals nicht mehr zur Wahl stellte. Mit Karnevalskrone auf dem Kopf und bönnschem Gruße legt Nimptsch nach der feierlichen Einweihung des WCCB nun nahe, wo überall gespart werden müsste, weil die Stadt überschuldet sei.

Hier unterbricht das Drama alsbald die temporeiche theatrale Vorführung, um wiederholt Bonner Bürger auf die Bühne zu bitten, die von ihren eigenen Schicksalen in einer Stadt mit sinkendem sozialem Wohnungsbau, steigenden Mieten und Mittelkürzungen in der öffentlichen Versorgung erzählen. Schlussendlich versammelt Lösch einen ganzen Chor Bonner Bürger auf der Bühne, die lautstark ihr Recht als Bürger auf eine soziale Stadt einfordern. Denn wenn sich die Stadtregierung scheinbar gewohnheitsmäßig in mehrstelliger Millionenhöhe verkalkuliert liegt es in der Hand der Bürger selbstständig Verantwortung zu übernehmen.



Bonnopoly am Theater Bonn | Foto (C) Thilo Beu


Bonnopoly ist eine wichtige und mutige Theatervorführung, in der fatale politische Prozesse überspitzt und kabarettistisch auf die Bühne gebracht werden. Anfangs noch schwungvoll und dynamisch gerät Bonnopoly leider zum Ende hin arg platt und hat Längen. So werden etwa einige Kurzinterviews mit Projektpartnern und Beurteilern des Baus auf die Bühne projiziert, was ein bisschen ermüdet und trotzdem wenig neue Einsichten vermittelt. Schlussendlich erscheint es jedoch als charmante Idee den Bonner Bürgern das Wort zu erteilen. Sie wurden schließlich bei der Umsetzung des WCCB nicht gefragt und hatten so kaum Einfluss auf die haarsträubende städtische Entwicklung.
Ansgar Skoda - 24. September 2017
ID 10272
BONNOPOLY (Kammerspiele Bad Godesberg, 23.09.2017)
Regie: Volker Lösch
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Julia Kurzweg und Annegret Riediger
Chorleitung: Tim Wittkop
Licht: Max Karbe
Video: Lars Figge
Dramaturgie: Nicola Bramkamp, Elisa Hempel und Ulf Schmidt
Besetzung:
Ruckherzog u.a. … Bernd Braun
Bürgermeister u.a. … Daniel Breitfelder
Sparkasse u.a. … Lisan Lantin
Bürokrat u.a. … Glenn Goltz
Berater u.a. … Jan Jaroszek
Investor u.a. … Holger Kraft
Bürokratin u.a. … Birte Schrein
Bürgermeisterin u.a. … Laura Sundermann
Choristinnen und Choristen: Clara Pauline Arnold, Klara Eschi, Gisela Matrisch, Elisabeth Schliebitz, Andrea Siedker, Christine Soltwedel und Bürgerinnen und Bürger der Stadt Bonn
Uraufführung am Theater Bonn war am 9. September 2017.
Weitere Termine: 24., 29.09./ 01., 07., 11., 15., 28.10.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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