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THEATER DER WELT | Düsseldorf, 17.06.-04.07.2021

Zwischenbilanz


In Erinnerung an Ivan Nagel
und Marie Zimmermann



Die Halbzeit des Festivals THEATER DER WELT in Düsseldorf ist überschritten. Versuchen wir eine Zwischenbilanz.

Bei den vergangenen Ausgaben von THEATER DER WELT konnte man, neben mancherlei Entdeckungsreisen in unerforschtes Terrain, auch solche Inszenierungen begutachten wie Tschechows Drei Schwestern vom Budapester Katona Jozsef Theater in der Regie von Tamás Ascher, das selbe Stück sowie den Kirschgarten von Eimuntas Nekrosius, Anatolij Wassiljews Cerceau, Ariane Mnouchkines Atriden. Die Düsseldorfer Kommission rechnet derlei offenbar nicht mehr zum Theater der Welt. Sie scheint fest entschlossen, nur noch jene Spielarten zuzulassen, die man, ungenau genug, postdramatisch nennt, und mit dem Rest zu verfahren wie die katholische Kirche des Barock mit der Gotik. Einst pilgerten die Festivalmacher zu Nekrosius. Der ist leider tot. Reist noch jemand zu Oskaras Koršunovas? Überhaupt: Osteuropa! Gehört es – außer dem Baltikum in drei Koproduktionen – wegen eines übergeschnappten Orbán nicht mehr zur Welt? Ariane Mnouchkine hat für diese Tage eine neue Produktion, die erste seit Jahren, angekündigt. Wäre es nicht möglich gewesen, die Premiere in das verschobene THEATER DER WELT nach Düsseldorf zu holen? Ein Kollektiv von der Qualität des Théâtre du Soleil war beim THEATER DER WELT nicht zu entdecken. Wir wollen das letzte Festival vor vier (statt vor drei) Jahren in Hamburg nicht verklären. Aber immerhin haben dort Joachim Lux vom Thalia Theater und Amelie Deuflhard von Kampnagel für einander ergänzende Positionen gesorgt. Solch ein Korrektiv fehlt in Düsseldorf.

Man kann aparte Projekte wie etwa den European Philosophical Song Contest oder Ist mein Mikro an? mögen oder auch nicht. Um das zu entscheiden, muss man sie allerdings kennen. Als die Häuser wegen Corona geschlossen waren, versicherten die angeblichen Liebhaber und die tatsächlichen Profiteure, wie wichtig ihnen das Theater sei und wie sehr es ihnen fehle. Jetzt findet es wieder statt, in Düsseldorf unter dem Titel THEATER DER WELT sogar in geballter Form. Die Säle und die Außentribüne aber sind meist halb und mehr als halb leer. Im 50 Kilometer entfernten Bochum und im noch etwas näheren Köln studieren insgesamt mehr als 1.000 Frauen und Männer Theaterwissenschaft bzw. Medienkultur und Theater. Das Interesse an dem Fach ist so groß, dass ein Numerus Clausus eingeführt wurde. Das Interesse am Fach, an den akademischen Weihen und den damit verbundenen Privilegien, aber offensichtlich nicht am Theater. Wo sind die Studierenden beim THEATER DER WELT abgeblieben? Der Augenschein straft die Beteuerungen Lügen. Offenbar war das Gezeter bloß Heuchelei, nicht mehr als Pose, man kann es auch Theater nennen. Schlechtes Theater. Auch das Interesse der Kolleg*innen hält sich in Grenzen. Würden alle, die Unterstützung forderten wegen Einnahmeausfällen während der Krise, die Vorstellungen beim THEATER DER WELT besuchen, hätten die Veranstalter keinen Grund zur Klage. Ist der Verdacht des Narzissmus da ganz von der Hand zu weisen? Ich erinnere mich gut, dass ich Regisseure und Theaterleiter wie Jürgen Bosse, Dieter Giesing oder Claus Peymann (wenigstens bis zur Pause) an verschiedenen Orten im Publikum sah. In Düsseldorf ist mir kein bekanntes Gesicht aufgefallen. Aber ich kenne natürlich nicht alle.

Und die Stadt? Ein geliebtes Kind scheint das THEATER DER WELT nicht zu sein. Man kann durch die Straßen spazieren, ohne überhaupt zu bemerken, dass in Düsseldorf ein Festival stattfindet. Keine Hinweise, keine Lockungen, und auf dem Gustaf-Gründgens-Platz zwischen den Orten des Geschehens: Tote Hose. Inzwischen hat man sogar die paar Skateboarder vertrieben. Das Betonfeld, das auch durch das grün überwucherte Gebäude gegenüber vom Theater nicht schöner wird, gehört den Tauben. Mitarbeiter des Festivals stellen sich in Positur, aber es ist niemand da, um sie zu bewundern.

Schade. Eine versäumte Chance. Vielleicht wird es ja noch besser. Die Hoffnung stirbt angeblich zuletzt. Auf dem allabendlichen Weg zum Theater sagt eine weibliche Stimme in der Straßenbahn den Karolingerplatz an – mit Betonung auf der dritten statt der ersten Silbe (man versteht „Karolinaplatz“). Wenn man schon damit Schwierigkeiten hat, wie soll man dem THEATER DER WELT zu Erfolg verhelfen?


Thomas Rothschild – 28. Juni 2021
ID 13003
Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterderwelt.de


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