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THEATER DER WELT | Düsseldorf, 17.06.-04.07.2021

Ist mein Mikro an?
(2. Anlauf)

Jordan Tannahill & Erin Brubacher


Bewertung:    



Nun also konnte die am Vorabend verregnete Premiere von Ist mein Mikro an? nachgeholt werden. Die Akteure stehen im Stil des traditionellen Agitationstheaters fast durchweg in einer Reihe frontal zum Publikum – offensichtlich zu einem guten Teil ihr Freundeskreis – und bilden ein kollektives Subjekt: die Jugend. Adressat sind „die Alten“, die vor 1965 geboren wurden. „Eure Zeit ist abgelaufen.“

Man stutzt. Ist die Klimakatastrophe, von der zunächst die Rede ist, tatsächlich eine Angelegenheit der Jungen? Sind sie es, von denen man erwarten darf, dass sie der Aufforderung „Schafft den Kapitalismus ab“ nachkommen werden?

Was wir nun schon seit Jahren aus dem Gegensatz von Frauen und Männern kennen – den Manichäismus –, wiederholt sich hier als alternativloses Gegenüber von jung und alt. Den Alten wird prophezeit, was passiert, „wenn euer Haus brennt“. Bertolt Brecht hat diese Situation in seinem Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus schon differenzierter ausgemalt.

Mama wird gemahnt: „Hört auf die Experten.“ Sind sie durchweg jung? Die unvermeidlichen „alten weißen Männer“ sagen angeblich nur „beruhigt euch“. Bertrand Russel, Robert Jungk, Noam Chomsky: alles Abwiegler? Sagen wir es gerade heraus: da erliegen die jungen Sprecher des Textes von Jordan Tannahill und Erin Brubacher einem antiageistischen, rassistischen und sexistischen Klischee. Was gut gemein ist, erweist sich als gefährlich. Das Rhetorische gehört zum Genre. Die radikale Vereinfachung ist zwiespältig.

Die Jugendlichen werden selbst einmal Alte sein. Sind sie dann notwendig im Unrecht? Und was ist mit den jungen Menschen, die begeistert in den Ersten Weltkrieg zogen, die in HJ, SS und Wehrmacht Juden, Roma, Behinderte und Homosexuelle jagten? Am Alter kann es nicht liegen. Vielleicht sollten sich die Düsseldorfer Jugendlichen Bilder aus dem Warschauer Ghetto ansehen und überprüfen, wer da jung ist und wer alt. Nach 45 Minuten und drei Vierteln der Aufführung werden zaghaft ein paar Gegenargumente vorgetragen. Einer sagt: „Die Reichen sind die Unterdrücker, nicht die Alten.“ Auch das ist noch zu einfach. Warum richtet sich der Text nicht gegen ein System, für das der schamlose Gelderwerb oberstes Prinzip ist und genau das rechtfertigt, was hier bekämpft wird: die Unterdrückung?

Es folgt eine knappe Gewaltdiskussion. Nach Ansätzen zu Dialogen kehrt die kollektive Rede aus der Formation heraus zurück. Sie fragt danach, worin die Hoffnungen bestehen, und findet nicht wirklich eine Antwort. Dann singen die jungen Menschen, in jeder Hinsicht brav und frei von Aufmüpfigkeit. Die Kriegserklärung endet im evangelischen Kirchentag. Die Macher sollten einmal in die alten Aufnahmen des Floh de Cologne hineinhören.

*

Sie sind schrecklich sympathisch, die jungen Menschen mit den verkabelten Mikrophonen. Ihr Zorn und ihre Ungeduld sind nicht nur verständlich, sondern berechtigt. Ihren Autoren möchte man etwas mehr politische Differenzierung wünschen. Ansonsten könnte es passieren, dass ihre Jugendlichen resignieren und verstummen, noch ehe sie eine Familie gegründet und Kinder auf die Welt gebracht haben.



Ist mein Mikro an? | Foto: Thomas Rabsch

Thomas Rothschild – 24. Juni 2021
ID 12996
Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterderwelt.de/


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