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Premierenkritik

Totes Tänzchen



Totentanz am BE | (C) JR Berliner Ensemble

Bewertung:    



Der Regisseur Kay Voges hat mit August Strindbergs Totentanz nach Die Parallelwelt (2018) seine zweite Inszenierung am Berliner Ensemble realisiert. Der Pandemie geschuldet und auch der Tatsache, dass der Regisseur vor einem Jahr die Intendanz des Wiener Volkstheaters übernahm, kommt die Produktion zwei Jahr später als geplant heraus. In Strindbergs toxischem Ehedrama will er die Nähe zum irischen Dramatiker Samuel Beckett erkannt haben, was nicht unbedingt neu ist. Strindbergs symbolistische Phase ab 1898 wird immer wieder eine Vorläuferrolle zum Absurden Theater Becketts nachgesagt. Das mag gerade auch für Strindbergs Totentanz zutreffen, in dem sich zwei Menschen seit 25 Jahren wie in einem unendlichen Spiel bekriegen und eine weitere dazukommende Person dieses Spiel erneut befeuert. Hier denkt man sofort an Becketts Endspiel. Zusätzlich lädt Voges die Bedeutung seiner Inszenierung mit der Erwähnung der TV-Mystery-Serie Lost auf.

Was das mit dem Totentanz zu tun hat, kann man getrost gleich wieder vergessen. Voges nutzt Motive aus Lost lediglich für das Bühnenbild von Daniel Roskamp, das wie die Schaltzentrale der Schwan-Station auf der Pazifikinsel, auf die es eine Gruppe von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes verschlagen hat, wirkt. Das zeigt auch eine Leuchtanzeige, auf der ständig ein Countdown runterzählt. In der Serie muss alle 108 Minuten ein Code eingegeben werden, um das Ende der Welt zu verhindern. Dazu macht sich hier Marc Oliver Schulze als Hauptmann Edgar an einem Schaltpult zu schaffen, springt auf ein Fahrrad zur Energiegewinnung, während Claude De Demo als seine Frau Alice ein bizarres Tänzchen aufführt. Hier ist das Ende der Welt aber eher die Angst vor dem Tod.

Das Ehepaar lebt seit 25 Jahren isoliert auf eine Quarantäneinsel in einem ehemaligen Gefängnisturm und ist wie in einer Zeitschleife gefangen. Das erinnert natürlich auch an die Zeiten der Corona-Pandemie. Edgar kommt von seinen Kontrollgängen draußen im langen Ledermantel und mit Gasmaske durch ein mit Handsensor geöffnetes Schleusentor, während seine Frau Alice dabei ist sich die Beine zu rasieren. Es entwickelt sich dann das tägliche Spiel der verbalen Verletzungen. Ein Schlagabtausch der routiniert eingeübt scheint. Abwechslung bringt ein Besuch nach 15 Jahren von Edgars altem Freund und Cousins von Alice, Kurt (Gerrit Jansen), der nun als Frischfleisch mitten in den vampiristischen Ehekrieg gerät und auch wechselnd von beiden instrumentalisiert wird.

In der modernen Textfassung von John von Düffel geht es da verbal auch gut zur Sache. Kay Voges fügt noch ein bisschen Schamhaar-Rasur und Sado-Maso-Spielchen dazu. Das wäre natürlich ein Fest für ein gutes Schauspielensemble. Hier erschöpft sich das allerdings in viel ironischem Klamauk, gestischem Gehabe und Geschrei. Viel behauptetes Drama, Lichteffekte, Gefuchtel mit einem Gewehr und etwas Slapstick sind alles, was der Regie dazu einfällt. Von absurdem Witz kaum eine Spur. Die Abreise Kurts erfolgt zwar etwas anders als bei Strindberg, das Paar nimmt aber ihren gewohnten Schlagabtausch wieder auf. Der zweite Teil von Strindbergs Totentanz, in dem die Tochter des Paars und Kurts Sohn auftreten, ist gestrichen. Von Erlösung und Läuterung keine Spur, aber auch nicht von irgendeinem tieferen Sinn dieses Treibens. Ein leider auf Dauer recht totes Kammerspiel.



Totentanz am BE | (C) JR Berliner Ensemble

Stefan Bock - 26. Februar 2023
ID 14065
TOTENTANZ (Berliner Ensemble, 25.02.2023)
Regie: Kay Voges
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Mona Ulrich
Musik/Geräusch: T.D. Finck von Finckenstein
Video: Voxi Bärenklau
Licht: Steffen Heinke
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Besetzung:
Claude De Demo (als Alice)
Marc Oliver Schulze (als Hauptmann)
Gerrit Jansen (als Kurt)
Premiere war am 25. Februar 2023.
Weitere Termine: 26.02., 18., 19.03.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de


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