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Premierenkritik

Über das

Scheitern (2)

RAUMFAHRER am Staatstheater Cottbus


Raumfahrer am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Marlies Kross

Bewertung:    



In seinem 2021 erschienenen zweiten Roman Raumfahrer verbindet der aus Görlitz stammende Schriftsteller Lukas Rietzschel die wahre Geschichte der beiden Brüder Georg und Günter Kern aus Deutschbaselitz bei Kamenz mit der fiktiven des kurz vor der Wende geborenen Krankenpflegers Jan, der im vor der Schließung stehenden Krankenhaus in Kamenz arbeitet und von einem nur der Alte genannten Patienten im Rollstuhl einen Karton mit Fotos und Dokumenten erhält, der die lange im Dunkeln bleibende Beziehung von Jans Eltern zu jenem Günter Kern birgt, dessen Bruder Georg der kurz vor dem Mauerbau in den Westen geflüchtete Maler Georg Baselitz ist. Rietzschel erzählt die Geschichte der Kern-Brüder in Rückblenden parallel zur Suche Jans nach den Lücken in seiner eigenen Familiengeschichte und fügt auch Beschreibungen von Bildern des Malers Baselitz mit ein.

*

Paula Thieleckes Bühnenfassung der o.g. Lausitz-Erzählung von Rietzschel, die einen Tag vor Armin-Petras‘ Musiktheaterproduktion Im Berg auf der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus Premiere hatte, muss hier allerdings tatsächlich als krachend gescheitert betrachtet werden. Selbst Theaterautorin und mit ihrem Stück Judith Shakespeare - Rape and Revenge Gewinnerin des Stückewettbewerbs der Autor:innentheatertage 2022 am Deutschen Theater Berlin, geht Thielecke als Regisseurin nicht besonders sorgsam mit Rietzschels Roman-Text um.

Der Ausstatter Jan Koslowski hat einen länglichen Bungalow mit offener Veranda, einem einsehbaren und geschlossenen Zimmer in die Kammerbühne gestellt. An den Seiten der Bühne befinden sich anstatt der echten Baselitz-Bilder großformatige Fotografien. Regisseurin Paula Thielecke lässt ihre vier DarstellerInnen den ganzen Abend über sämtliche Rollen des Romans wie in einer Art Speed-Dating für Hyperaktive spielen. Die Vorstellung der wichtigsten Figuren des Romans wie Vater (Torben Appel) und Mutter (Sophie Bock) Jans, der Alte oder die Oberärztin Karoline (beide Sigrun Fischer) erfolgt „MAZ ab“ in Videoeinblendungen (Max Kubitschek), die wie die obligatorische Livekamera zur Inszenierung gehören. Lediglich Markus Paul ist als Jan gesetzt.

Natürlich wird auch hier irgendwann ein Karton übergeben und der Plot abgespult. Wir erfahren, dass Jans Vater der letzte Fischer der Zone ist, dass er getrennt von Jans Mutter lebt und dass die Mutter schwere Alkoholprobleme hat und dann später auch stirbt. Allerdings rauscht das am Publikum im klamaukig fröhlichen Schnelldurchlauf vorbei, dass man Mühe hat, die Zusammenhänge zu erkennen und eingebauten Rückblenden in irgendein Verhältnis zueinander setzen zu können. Dass es dem Autor vor allem auch um einen Vergleich der Nachwende- mit der Nachkriegsgeneration in einer erst durch den Krieg traumatisierten und dann durch den Strukturwandel nach der Wende gebeutelten Region geht, wird hier allenfalls nebenbei verjuxt. Jans Vergleich der Eltern mit in einer Zwischenwelt schwebenden Raumfahrern verkommt zum hyper-nervösen Theatersport ohne Bodenhaftung.




Raumfahrer am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Marlies Kross


Das Interesse am Stoff und der Region, in der er spielt und in der die Regisseurin auch selbst Familie hat, scheint für sie nicht allzu groß gewesen zu sein. Zumindest sieht sie alles mit einer anderen Brille, wie einem Artikel im Cottbuser Stadtmagazin Hermann zu entnehmen ist, für das Paula Thielecke im wallenden Kleid in der hier „austrocknenden Landschaft“ posiert hat. Während Lukas Rietzschel nicht ganz ohne Witz melancholisch-poetisch vom Wandel in der Natur und Gesellschaft erzählt, was dem anderen Schriftsteller des Eröffnungswochenendes, Franz Fühmann, recht nahe kommt, will Paula Thielecke das „Saftige des Lebens“ und „ein bisschen Sonnenallee“ im Roman entdeckt haben. Der blöde Gag „Alles Stasi außer Mutti.“ verkehrt da am Ende nicht nur die tragische Pointe der Geschichte. An der schauspielerischen Leistung und der Ästhetik des Abends ist kaum etwas auszusetzen. Der Umgang mit Text und Autor muss allerdings als eher respektlos bezeichnen werden.
Stefan Bock - 13. September 2022
ID 13803
RAUMFAHRER (Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus, 09.09.2022)
Eine Lausitz-Erzählung von Lukas Rietzschel für die Bühne bearbeitet von Paula Thielecke

Regie: Paula Thielecke
Bühne/Kostüm: Jan Koslowski
Musik: Mika Amsterdam
Video: Max Kubitschek
Dramaturgie: Franziska Benack, Lisa Mell
Mit: Torben Appel, Sophie Bock, Sigrun Fischer, Markus Paul
UA war am 9. September 2022.
Weitere Termine: 16.09. / 01., 20.10. / 24.11. / 14., 26.12.2022 // 19.01. / 19.02. / 17.03.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatstheater-cottbus.de/


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