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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Stolz und

Erniedrigung



Maria Stuart am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Katrin Ribbe

Bewertung:    



Schillers Maria Stuart gehörte, wie Wilhelm Tell, lange zur Schullektüre. Dann verschwand sie weitgehend aus den Spielplänen. Sprachlich wie thematisch schien sie nicht mehr in die Gegenwart zu passen. Wenn sie nun doch immer wieder auf die Bühne kommt, so dürfte das einen ganz bestimmten Grund haben: Es handelt sich um eins der wenigen Dramen, in denen gleich zwei Frauen im Zentrum stehen. Ob konservativ oder experimentell: dieses Angebot will sich nicht entgehen lassen, wer den Mangel an saftigen Frauenrollen im Theater beklagt. Und ältere Theaterbesucher erinnern sich an prominente Darstellerinnen, die diese Herausforderung angenommen haben.

Vor genau vierzig Jahren hat die jung verstorbene genialische Elke Lang in Stuttgart die Titelrolle verkörpert. Ihr gegenüber stand als Elisabeth die damals 25jährige Sibylle Canonica. Das war, in der Regie von Günter Krämer, Schauspielertheater auf höchstem Niveau. Dass eine Maria Stuart heute anders aussehen würde, war zu erwarten. Dass sie allerdings so bieder ausfallen würde, nicht.

Keine Überschreibung, keine Übersteigerung und kein Dementi des „Zickenkriegs“, kein Geschlechtertausch, nicht einmal wie bei Martin Kušej, dreißig nackte Männer . Schillers Frauen sind auch hier Frauen und die Männer Männer. Lediglich die Kostüme verweisen auf unsere Gegenwart. Gegeben wird eine weitgehend texttreue, wenn auch stark gekürzte Fassung. Das wäre kein Malheur. Aber das kommt so uninspiriert daher, so frei von jeglichem Interpretationsansatz, dass man sich fragt, worin die Notwendigkeit dieser Aufführung jenseits des Wiedererkennungswerts besteht.

Gespielt wird in und vor einem stilisierten zweistöckigen Gefängnis, das sich mal in den Hintergrund, mal mehr nach vorne schiebt. Dahinter ab und zu Filmaufnahmen von Polizeieinsätzen, deren Ort und Zeit ungenau bleibt. Der Szenenwechsel erfolgt durch Lichtwechsel und den Einsatz von Musikfragmenten. Figuren, die nicht gerade am Dialog beteiligt sind, bewegen sich, filmisch gesprochen, geisterhaft in Zeitlupe. Ich erinnere mich an Elke Lang und an Sibylle Canonica. Ich erinnere mich sogar an Fred Liewehr, der zwei Jahrzehnte davor den Leicester gespielt hatte, dessen fiesem Opportunismus ich seither im wirklichen Leben so oft begegnet bin. Ob ich mich in vierzig oder gar sechzig Jahren an diese mädchenhaft umherflatternde Maria Stuart von Katharina Hauter und an diese statisch in sich versunkene Elisabeth von Josephine Köhler, an diesen leichtgewichtigen Leicester von Marco Massafra erinnern werde? Wohl kaum. Die Dramaturgin erklärt, sie hätten herausfinden wollen, „wofür diese Frauen heute für uns stehen“. Falls sie es gefunden haben, kommt es jedenfalls nicht über die Rampe. In den Fernsehbildern von Putin und Selenskyj entdeckt man mehr Elisabeth und Maria als in der Begegnung der Schauspielerinnen auf der Stuttgarter Bühne.

In Arthur Schnitzlers Stück Der einsame Weg beklagt sich die alternde Schauspielerin Irene Herms bei ihrem Ex-Geliebten Julian Fichtner über den Schriftsteller Stephan von Sala, der einmal bei einer Probe zu ihr gesagt hatte: „Mein Fräulein, es sind Verse – Verse, mein Fräulein…“ Die Ansprache mit „Fräulein“ verbietet sich heute, aber dass es sich bei Schillers Sprache um Verse handelt, verdiente Beachtung. Die Generation, die heute auf der Bühne steht, kann offenbar keine Verse mehr sprechen. Ohne die Hörbarkeit dieser (antiquierten?) Kunstsprache aber wird Schiller trivialisiert. Der Regisseur Michael Talke scheint nicht einmal bemerkt zu haben, dass immer wieder sinnwidrig betont wird, dass ein schlampiger Satzakzent die Bedeutung verfälscht.

Die berühmten letzten Worte von Schillers Drama, Graf Leicester betreffend, fehlen in Stuttgart: „Der Lord lässt sich/ Entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.“ Vielleicht fürchtete die Regie die Frage „Was will er denn dort?“ und die Antwort „Er sucht eine Alternative zu den kalten Würstchen und dem elenden Kartoffelsalat des Premierenbuffets“.



Maria Stuart am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Katrin Ribbe

Thomas Rothschild – 15. Mai 2022
ID 13622
MARIA STUART (Schauspiel Stuttgart, 14.05.2022)
Inszenierung: Michael Talke
Bühne und Kostüme: Oliver Helf
Sounddesign: George Dennis
Lichtdesign: Jack Knowles
Dramaturgie: Christina Schlögl
Mit: Josephine Köhler, Katharina Hauter, Marco Massafra, Boris Burgstaller, Matthias Leja, Till Krüger, Klaus Rodewald, Jannik Mühlenweg, Gábor Biedermann, Marietta Meguid und Christiane Roßbach
Premiere war am 14. Mai 2022.
Weitere Termine: 15., 20.05. / 05., 07., 25., 26.06. / 17., 18.07.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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