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Salzburger Festspiele 2021

Schillers Tragödie

im düsteren Pathos,

von dreißig nackten

Männerleibern gerahmt



Birgit Minichmayr als Maria Stuart bei den Salzburger Festspielen 2021 | Foto (C) SF/Matthias Horn

Bewertung:    



Die SALZBURGER FESTSPIELE befinden sich im hundertsten Jahr ihrer Gründung und das zweite Jahr unter Corona-Bedingungen. Wurde das im letzten Jahr noch etwas lax gehandhabt, nimmt man es heuer um so genauer. Das merkt das Publikum besonders beim Besteigen des Shuttle-Buses zur Außenspielstelle auf der Perner-Insel in Hallein. Erst nachdem im für Salzburg typischen Schnürlregen alle Zertifikate und Personalien akribisch geprüft sind, darf im Bus Platz genommen werden. Das Tragen der FFP2-Maske ist mittlerweile verpflichtend, darauf wird auch besonders im Saal geachtet und das Publikum bei Bedarf ermahnt. Ein Corona-Fall bei der Premiere des Jedermann war ausschlaggebend für die Verschärfung der Regeln, obwohl man in der Stadt Salzburg kaum noch jemand mit Maske antrifft. Dafür ist hier die 3G-Regel fast überall an der Tagesordnung.

Nicht nur Corona, auch ein kleiner Kritikerskandal um angeblich zu kurze Haare und zu kleine Brüste der Buhlschaft im Jedermann beherrschte das allgemeine Medienecho der Festspiele. Der Körper der Frau mal wieder im Mittelpunkt zumeist männlichen Interesses. Wer hätte das gedacht.

*

Zwei Frauen stehen auch im Zentrum von Friedrich Schillers Tragödie Maria Stuart. Die schottische Königin als Gefangene der sie als Nebenbuhlerin um den englischen Thron fürchtenden Elisabeth I. ist der Ausgangspunkt eines perfiden Intrigenspiels, in dem vor allem Männer die Strippen ziehen. Zwei Frauen im Streit um die Macht, bei der die eine sich von den Männern Rettung erhofft, während die andere permanent von ihren männlichen Beratern beeinflusst wird.

Man kann das psychologisch ausdeuten, wie der Berliner Kunsthistoriker Karlheinz Lüdeking im dicken Programmheft zur Inszenierung. Wobei er auch wieder nur bei den sexuell begründeten Thesen der Psychoanalyse Sigmund Freuds landet. Auch Schillers Intension, Maria Stuart und Elisabeth I. in einer Person zu einen bzw. der Versuch der Emanzipierung der Maria von ihrer Gegnerin werden verhandelt. All das mag in die Inszenierung des Wiener Burgtheater-Intendanten Martin Kušej eingeflossen sein. Ins Auge fallen dann aber doch die dreißig nackten Männer, die zu Beginn frontal, dann fast nur noch mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne stehen. Später dürfen sie auch mal lange Mäntel tragen. Eine geballte Ladung Testosteron, aus deren Mitte heraus die männlichen Protagonisten auftreten und in deren labyrinthischen Reihen sich die beiden Frauen immer wieder verlieren. Mehr Installation als Spiel. Eine düstere, sexuell aufgeladene Choreografie der Gewalt und Angst. Ein roter Zopf schwingt im ersten Bild über den Häuptern der Männer. Die Haare als Symbol gefallener Weiblichkeit. Da ist man wieder beim Körper, auf den Frau zumeist reduziert wird.

War die zum letzten THEATERTREFFEN eingeladenen Maria Stuart vom Deutschen Theater Berlin in der Regie von Anne Lenk ein auch der Pandemie geschuldetes distanziertes Spiel in einem Setzkastenbühnenbild, so ist Kušejs Inszenierung das ganze Gegenteil davon. Körperliche Nähe ist hier Programm. Zuweilen recht übergriffig zeigen sich die Herren Burleigh (Norman Hacker), Leicester (Itay Tiran) und der jugendliche Fanatiker Mortimer (Franz Pätzold) nicht nur in Worten gegenüber den beiden Königinnen. Birgit Minichmayr ist als leidende Maria Stuart an den Händen durch ein langes Seil gefesselt. Gequält richtet sie ihre anklagenden Sätze und Beteuerungen der Unschuld ins Publikum. Bibiana Beglau als schwankende Elisabeth I. ist dagegen mal um kühle Distanz zu ihren Beratern, dann wieder um emotionale Nähe zum Geliebten Leicester bemüht.

Das Zusammentreffen der Kontrahentinnen ist zunächst mehr ein vorsichtiges Abtasten auf leerer Bühne unter einem hin und her schwingenden Lampenspot, bis die beiden sich in Rage geredet haben. Gegen die enge Phalanx der Männer haben die Frauen aber nie wirklich eine Chance. Betrogen sind sie am Ende beide. Die eine macht ihren Frieden mit der Männerwelt als strahlender Engel ganz in Weiß, die andere steht dort ganz in Rot als Verteidigerin ihrer Macht, der sie aber ihre Weiblichkeit opfert. Regisseur Kušej setzt auf die Gewalt der Bilder, düster wabernden Nebel, den bekannt harten Begleitsoundrack Bert Wredes und viel Pathos in den Stimmen seiner Protagonistinnen. Das ist sicher sehr eindrucksvoll anzuschauen, aber auch mitunter etwas zu dick aufgetragen.



Bibiana Beglau (als Königin Elisabeth) und viele, viele Männer in Maria Stuart bei den Salzburger Festspielen | Foto (C) SF/Matthias Horn

Stefan Bock - 24. August 2021
ID 13094
MARIA STUART (Perner-Insel, 23.08.2021)
Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Friedrich Rom
Ton: David Müllner und Aki Traar
Choreografische Arbeit: Daniela Mühlbauer
Dramaturgie: Alexander Kerlin
Besetzung:
Elisabeth, Königin von England ... Bibiana Beglau
Maria Stuart, Königin von Schottland ... Birgit Minichmayr
Robert Dudley, Graf von Leicester ... Itay Tiran
Georg Talbot, Graf von Shrewsbury ... Oliver Nägele
Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh ... Norman Hacker
Amias Paulet, Ritter, Hüter der Maria ... Rainer Galke
Mortimer, sein Neffe ... Franz Pätzold
Wilhelm Davison, Staatssekretär ... Tim Werths
Premiere bei den Salzburger Festspielen: 14. August 2021
Weitere Termine: 25., 26.08. (in Salzburg) sowie 05., 11., 12.09.2021 (in Wien)
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien


Weitere Infos siehe auch: https://www.salzburgerfestspiele.at


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