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Birte Schrein als Elizabeth in Maria Stuart am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

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Das Haupt liegt bereits abgeschlagen am Boden. Der vielfach überdimensionierte Kopf mahnt skulptural schon zu Beginn an das verhängnisvolle Fatum der Titelheldin. Augen und Mund erscheinen friedvoll geschlossen. Doch in diesem Kopf tobte bis zuletzt Widerstandswille. Das Schicksal der Maria Stuart (1542-1587), einstige Königin von Schottland und Frankreich, bewegt bis heute. Das Theater Bonn zeigt nun mit üppigem Dekor eine poppige Inszenierung von Friedrich Schillers Drama in einer Bearbeitung von PeterLicht. Zahlreiche eingeflochtene Texte der Schweizer Autorin Katja Brunner bereichern durch neue Akzentsetzungen.

Maria Stuart floh nach der Ermordung ihres zweiten Gemahls aus Schottland nach Großbritannien. Hier lebt sie im Exil in Gefangenschaft, wo auch das Vorgeführte spielt. Sie hat einen Konflikt mit Königin Elisabeth I. (1533-1603), der vor allem auf Marias Anspruch an den britischen Königsthron fußt. Maria Stuart wird bald der Mittäterschaft an einem geplanten Komplott gegen die englische Königin verdächtigt. Unter diesem Vorwand lässt Elizabeth die Konkurrentin 1587 wegen Hochverrats enthaupten.

Regisseur Matthias Köhler und Bühnen- und Kostümbildner Ran Chai Bar-zvi, die bereits für Die Glasmenagerie sehenswert eindrücklich zusammenarbeiteten, schöpfen auch hier aus einem ganzen Fundus schillernder Bühnenideen. Sie setzen Maria Stuart in der Werkstatt requisitenreich knallig-exquisit in Szene. Der Name „ELIZABETH“ prangt in Großbuchstaben auf Boden und Bühnenwand. Er zeigt unübersehbar, auf wessen Machtanspruch und Boden das Geschehen spielt. Die Seitenwände deuten Briefe an, in denen Maria versucht hat, sich mit ihrer Gastgeberin auszusprechen, um etwa Mitleid zu erwirken. Elisabeth (Birte Schrein) und ihre eifrigen Diener tragen wie Flügel üppig nach oben gewölbte Schulterpolster und Halskrausen. Die englische Königin lenkt die Aufmerksamkeit durch weite, leuchtend blaue Reifrockgewänder auf sich. Die Perlen auf dem Kleid korrespondieren mit denen auf ihrem perlbestickten Toupet. Ihr Gesicht ist kreidebleich geschminkt. Meist agiert sie auch maskenhaft mit spöttisch verschlossenem Blick oder unbeweglicher Mine. Doch bald gerät ihr Minenspiel während eines staatstragenden Gewissenskonfliktes außer Kontrolle. Am Ende wird sie in roter Schrift „Maria“ zwischen die Wandmajuskel ihres eigenen Namens schreiben. Sie möchte keine Mörderin sein.

Lena Geyer betritt als Titelheldin fordernd mit stolzem Schritt und im knallgelben, zu den Seiten ausufernden Minireifrock die Spielfläche. Trotz ihrer zermürbenden Situation als Gefangene pocht Maria immer wieder auf ihr Adelsgeschlecht und ihr Königinnenrecht. Schnell wirkt sie verunsichert und sichtlich misstrauisch, wenn die Gefolgsleute ihrer Gastgeberin ihre Wünsche spöttisch belächeln. Schon bald muss sie Kugeln und Bällen ausweichen, welche die Diener der Königin an ihr vorbei über die Bühne rollen. Unvorbereitet hat sie die lang ersehnte Gelegenheit, der Königin vor die Augen zu treten. Prompt wird ein Wald von wirklichkeitsgetreuen Elisabeth-Pappkopien vor ihr aufgebaut, den sie durchstreifen muss, um ihre menschliche Adressatin zu finden.

Während die eine darüber klagt, gefangen zu sein, betont die andere hämisch die Gastfreundschaft durch Kost und Logis, die Elisabeth der Schwester gewähre. Elisabeth verschanzt sich unbewegt in ihren voluminösen Kostümen, wie hinter einer erbarmungslosen Rüstung. Während sie ein Gemälde mit dem Aufdruck ihrer selbst im Kopfbereich öffnet, gibt sie folgenschwere Befehle. Auch die Gefolgsleute von Elisabeth haben es im Ränkespiel am Hof nicht leicht. Sie können sich noch so tief verbeugen; schon bald wird unklar, wem es die Treue zu halten gilt. Denn schon früh ist gewiss, es kann nur eine geben. Markus J. Bachmann, Nicolas Streit und Klaus Zmorek wechseln als irrlichternde Höflinge zwischen Verrat und Diensttreue regelmäßig die Seiten: Mal beraten sie Elisabeth und mal planen sie die Befreiung Marias.

Musikalische Einlagen wie leise Varianten von „Like a prayer“ oder „Blue Moon“ und mehrstimmige Gesänge (Musik: Philipp Pleßmann) lockern das dichte Spiel. Auch Katja Brunners Einschübe ringen dem Klassiker neue Facetten ab. Sie betonen die Außenseiterrolle der beiden Königinnen als machttragende Frauen. Maria stellt so die Gerichtsbarkeit des rein männlich besetzten Gerichtes, das sie verurteilte, in Abrede. Nur Frauen wie Elisabeth dürften über sie richten, denn bei diesen glaubt sie an mehr Empathie für ihr Schicksal. Elisabeth erklärt hingegen ihren männlichen Beratern lautstark, dass Frauen naturgemäß eben nicht schwach seien. Gleichzeitig überlegt sie, wie staatstragend ihre Gebärmutter eigentlich anmute, wenn es dem Volk nach ihrer Verheiratung gelüste. Die wütende Maria erinnert später die fassungslose Elisabeth hochnäsig daran, dass Elisabeth eigentlich die Ausgeburt einer Mätresse sei, Anna Boleyn. In einem Phantasiestreich gegen Ende lädt Maria ihre Widersacherin Elizabeth zum Schwesternplausch auf einen Gin Tonic ein; prompt verlangt es Elisabeth nach einer Bloody Mary. Diesem gehässigen und alsbald folgeschweren Schwesternplausch möchte man noch stundenlang zusehen.



Lena Geyer als Maria Stuart (links) mit Nicolas Streit als Hund | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 29. Januar 2022
ID 13426
MARIA STUART (Werkstatt, 27.01.2022)
Inszenierung: Matthias Köhler
Musik: Philipp Pleßmann
Bühne und Kostüme: Ran Chai Bar-zvi
Licht: Ewa Górecki
Dramaturgie: Male Günther
Besetzung:
Maria … Lena Geyer
Elisabeth … Birte Schrein
Alle anderen … Markus J. Bachmann, Nicolas Streit und Klaus Zmorek
Premiere am Theater Bonn: 27. Januar 2022
Weitere Termine: 11., 19.02./ 05., 10., 25.03.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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