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Premierenkritik

Berlin

Kleistpark


Hakan Savaş Mican präsentiert am Maxim Gorki Theater den zweiten Teil seiner mit Musik- und Filmeinlagen begleiteten Stadt-Trilogie


Foto (C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Im ersten Corona-Sommer 2020 kam der erste Teil der von Regisseur Hakan Savaş Mican geplanten Stadt-Trilogie Berlin Oranienplatz am Maxim Gorki Theater heraus. Anderthalb Jahre später herrscht immer noch Pandemie, sind aber dank Impfungen und ausgefeilten Hygienekonzepten die Theater zumindest in Berlin wieder voller. Passend zur damaligen Situation fiel der Plot um den Kreuzberger Modedesigner Gianni (gespielt von Taner Şahintürk), der wegen des Verkaufs gefälschter Markenklamotten fünf Jahre ins Gefängnis musste und nochmal alle seine Freunde aufsuchte, etwa zu melancholisch aus. Jazzmusik und eingespielte Filmsequenzen mit Bildern rund um den titelgebenden Kreuzberger Oranienplatz begleiteten den Lebensbilanz ziehenden Gianni auf seiner Abschiedstour.

Auch im zweiten Teil, der am Schöneberger Kleistpark spielt und daher auch Berlin Kleistpark heißt, benutzt Regisseur Mican die gleichen ästhetischen Mittel für seine Inszenierung. Wieder sehen wir Taner Şahintürk, diesmal als deutsch-türkischen Anwalt Adem, an einem Scheidepunkt in dessen Leben. Er will mit seiner Freundin Moria, ebenfalls Anwältin, eine Wohnung in Kreuzberg kaufen und mit ihr zusammenziehen. Da sind aber noch einige Dinge in seinem Leben ungeklärt, besonders das Verhältnis zu seiner wieder in der Türkei lebenden Mutter Meryem, die ihn, als sie in Deutschland arbeitete, als Kind in der Türkei zurück ließ. Das Problem der sogenannten „Kofferkinder“ der Arbeitsmigranten aus Südeuropa und der Türkei hatte Hakan Savaş Mican bereits in seinem 2014 am Ballhaus Naunynstraße uraufgeführten Interview-Stück On my way home behandelt. Der Regisseur teilt mit den darin aus ihrem Leben erzählenden Töchtern und Söhnen ein ähnliches Schicksal.

Wer diese Produktion damals gesehen hat, kommt also etwas besser in die Geschichte rein. Es beginnt vor dem Eisernen Vorhang mit der Wohnungsbesichtigung des Paars Moria (gespielt von Sesede Terziyan) und Adem. Dabei herrscht eine etwas gereizte Stimmung mit sarkastischen Spitzen und man ist sich, wie ja wohl offensichtlich auch die ProtagonistInnen selbst, nicht sicher, ob das Zusammenziehen der beiden eine so gute Idee ist. Zudem ist Moria noch eine aus Israel stammende Jüdin, was scheinbar auch zusätzlichen Konfliktstoff birgt. Außerdem ist Adem eifersüchtig auf die Freundin von Moria. Die Kunstgaleristin Lea (Abak Safaei-Rad) rät Moria nämlich, mehr an sich zu denken und zu einer Karriere in den USA, wohin Adem vermutlich nicht mitkommen würde.

Adem ist sich seines Glücks also nicht sicher, da er wirkliches Glück nie erlebt hat. Das manifestiert sich im Stück in den immer recht kurz angebundenen Gesprächen mit seiner Mutter, die plötzlich aus der Türkei angereist ist. Meryem (Çiğdem Teke), die die in Familienbesitz befindliche Haselnussfarm in der Türkei leitet, fährt, als ihr der Arzt (Mehmet Yılmaz) eröffnet, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein, nach Berlin in die alte Wohnung am Kleistpark, um mit ihrem Sohn reinen Tisch zu machen.

Diese Gespräche in angespannter Situation werden immer wieder durch Filmeinspielungen unterbrochen, in denen Adem durch die Straßen Schönebergs läuft, seine Mutter (nun gespielt von Sema Poyraz) mit dem Auto vom Flugplatz abholt, oder Lea in ihrer Galerie aufsucht, um den Einfluss der Freundin auf Moria zu unterbinden. In einer weiteren Filmeinspielung sehen wir, wie die Mutter von Hakan Savaş Mican in einer Installation des Regisseurs aus Einrichtungsgegenständen ein altes Porzellanservice aus ihrer ehemaligen Wohnung wiedererkennt. Dazu hat Jörg Gollasch einen Soundtrack aus Chansons und Jazz komponiert. Sehr schön sind auch die französischen, türkischen und israelischen Lieder, die Sesede Terziyan begleitet durch ein Live-Musik-Quartett singt. Einmal greift sich der verzweifelte Adem selbst das Mikro und grölt einen deutschen Schlager ins Publikum.

Das schwierige Mutter-Sohn-Verhältnis färbt auf die Beziehung Adems zu Moria ab. Adem kann die Vergangenheit nicht begraben und verbaut sich so die gemeinsame Zukunft mit Moria. Auch wenn Meryem, die trotz Adems Verbot die potentielle Schwiegertochter mit Geschenken überhäuft (ein Albtraum für den damals auf diese einzigen Zuwendungen seiner Mutter angewiesenen Sohn) sich mit Moria auf Anhieb ganz gut versteht, tut sich Adem schwer, Meryem zu verzeihen. Das Stück lässt das am Ende auch relativ offen und zeigt das Kennenlernen des Paars in Adems alter Wohnung. Wieder relativ melancholisch lässt einen der Abend zurück. Insgesamt sind die nur 90 Minuten aber ein recht einfühlsam, ohne zu viel Sentimentalität gemachtes Theater, das auch zum Nachdenken anregt.
Stefan Bock - 12. Dezember 2021
ID 13355
BERLIN KLEISTPARK (Maxim Gorki Theater, 11.12.2021)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Alissa Kolbusch
Musil: Jörg Gollasch
Video: Mikko Gaestel
Kostüme: Miriam Marto
Licht: Arndt Sellentin
Dramaturgie: Yunus Ersoy, Holger Kuhla
Mit: Sema Poyraz, Abak Safaei-Rad, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Çiğdem Teke, Sesede Terziyan und Mehmet Yılmaz sowie den Livemusikerinnen und Livemusikern Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Natalie Plöger und Lizzy Scharnofske
Premiere war am 11. Dezember 2021.
Weitere Termine: 17., 18.12-2021 // 13., 16.01.2022


Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de/


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