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Ewigwaberndes

Reizgewitter



Kibsa Anthony Ouedraogo in Rauschen mit dem Fringe Ensemble im Theater im Ballsaal Bonn | Foto © Lilian Szokody

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Flackernde Störbilder vereinnahmen die Bühnenwand und einen Deckenmonitor. Bilder überlagern sich. Aus den Bildschirmflimmern formen sich Buchstaben. Die Buchstaben erzählen von Einzelschicksalen. Sätze zeichnen viele Momentaufnahmen von vereinsamten Senioren, überforderten Studierenden oder verzweifelten Flüchtlingen. Fünf Akteure sprechen flüsternd in unterschiedlichen Sprachen durcheinander, ohne sich gegenseitig zu adressieren. Man erkennt und versteht sie nur schemenhaft. Sie stehen nebeneinander hinter einem beleuchteten, durchsichtigen Folienvorhang. Eine Frau erklärt, dass sie gerne noch einmal ihre beiden Töchter sehen möchte. Eine andere Frau lobt später keck lachend den Frohsinn von weinseligen Ahrtaltouristen; findet solche als Gegenüber in der Bahn jedoch alsbald auch etwas aufdringlich-anstrengend.

Das Quintett blättert minutenlang in Zeitungen. Sie lesen versonnen, während Bildprojektionen Nachrichten wiedergeben. Danach trommeln sie synchron auf Holzsitzblöcken. Bald treten die Darsteller in kurzen Soloszenen hervor. Manuel Klein mimt eingangs mit wirrem Haar den kritikresistenten britischen Premierminister Johnson. Er beeindruckt gleich darauf gesanglich mit facettenreichem Stimmorgan. Eine Schweizerin (Alejandra Jenni) wartet bei einem Vorsprechen vor laufender Kamera mit tiefsinnigen Gedanken auf. Doch die englischsprechende Managerin (Nicole Kersten) interessiert sich oberflächlich besonders für die großen Augen der Darstellerin. Sie fordert sie während des Vortrags fortwährend auf, in die Kamera zu blicken, wodurch sich die Bewerberin kunstvoll verrenken muss: „Show your big eyes!“

Kibsa Anthony Ouedraogo entstammt Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso. Er spielt eine Figur, die den kleinen Bruder vermisst. Letzterer verschwand bei einer gemeinsamen Flucht spurlos. Der sorgenvolle Sprecher fühlt sich verantwortlich, da sich der kleine Bruder in seiner Obhut befand. Er imaginiert in französischer Sprache eine unheilvolle Entführung seines Bruders durch radikale Terroristen.

Bettina Marugg tritt gegen Ende mit einem meditativ-mantra-artigem Gesangssolo nach vorne. Sie singt nachdenklich in Endlosschleife den Refrain aus Midnight Oils Beds are burning (1987): „How can we dance/ When our earth is turning?/ How do we sleep/ While our beds are burning?” Der Charterfolg von Midnight Oil ist ein politisches Lied, das von der gewaltsamen Vertreibung eines australischen Aborigine-Stammes in den 1950ern und 60ern handelt, deren Lebensraum aufgrund von Atomwaffentests nuklear kontaminiert wurde.

Dazu schafft Sounddesigner Ömer Sarigedik eine spannungsvolle Klanglandschaft, die zwischen meditative-sphärisch und leidenschaftlich rhythmisch dahinbrodelt. Während des Gesangs befestigen vier Darsteller – nun in oranger Warnschutzkleidung – vorbereitete Eisplatten sorgfältig an Leinen (Bühne und Kostüme: Annika Ley). Alsbald fließt im Theater im Ballsaal Wasser von den Eisplatten nach unten ab. Ein Symbol für Zerbrechlich- und Vergänglichkeit.

Regisseur Frank Heuel hat hier eine nachdenkliche Szenencollage geschaffen, die leider etwas disparat erscheint und trotzdem nachzuklingen vermag. Das sehenswertere Nachfolgeprojekt Stürmen wirkt weniger ambitioniert, dafür aber deutlich unterhaltsamer.



Bettina Marugg in Rauschen mit dem Fringe Ensemble am Theater im Ballsaal Bonn
Foto © Lilian Szokody

Ansgar Skoda - 8. Februar 2022 (2)
ID 13448
RAUSCHEN (Theater im Ballsaal, 05.02.2022)
Regie: Frank Heuel
Bühne, Kostüme und Video: Annika Ley
Musik/Sound: Ömer Sarıgedik
Live-Musik/Sound: Ozan Tekin
Dramaturgie: Harald Redmer
Produktionsleitung: Svenja Pauka
Technik: Silas Paulat
Mit: Alejandra Jenni, Nicole Kersten, Manuel Klein, Bettina Marugg und Kibsa Anthony Ouedraogo
Premiere war am 7. November 2019.
Eine Produktion von fringe ensemble/Rauschen GbR und phoenix5


Weitere Infos siehe auch: https://www.fringe-ensemble.de


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