Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Freie Szene

Natur ist

nicht das

Andere



Das Fringe Ensemble zeigt Stürmen im Theater im Ballsaal | Foto © Ralf Emmerich

Bewertung:    



Harald aus Oberhausen, wie er sich nennt, begrüßt drauflosplaudernd die eintretenden Zuschauer. Sprudelnd wie ein Wasserfall weiß er, „Eröffnung verlangt Offenheit“. Der 67jährige behauptet, es falle ihm schwer, eine „Red Line“ zu ziehen, da ja ständig Eindrücke auf einen einprasseln. Doch wenn Probleme überhandnähmen und es „Stürme auszuhalten gebe“, werde er empfindlich. Dann würde es ihn, wie wohl die meisten, in die Bergwelt ziehen. Wandern wolle er dann. Im Theater im Ballsaal ist Darsteller Harald Redmer mit den Füßen auf einem Brett an einer markierten Position festgeschnallt. Augenzwinkernd erklärt er, der Monolog sei unvorbereitet. Prompt relativiert er, der Wert des Nichtstuns werde unterschätzt und was sei denn schon je vorbereitet. Doch die vier links hinter ihm sitzenden Blechbläser in Hawaiihemden recken ihre Köpfe nach einigen Minuten. Sie wollen auch am Bühnengeschehen teilhaben. Bald singt Redmer herzzerreißend ein Eagles-Cover von „Desperado“ und endet leise mit den Verszeilen: „You better let somebody love you/ Before it's too late.” Eine frische Brise und ein starker Auftakt für die szenische Collage des sichtlich Impro-erprobten FRINGE ENSEMBLE.

Nach dem Prolog platziert sich das Ensemble wenig später auf fünf Stühlen in der Bühnenmitte dem Publikum gegenüber. Die drei Akteurinnen Nicole Kersten, Laila Nielsen und Wanda Wylowa leiten mit dem gespenstisch-schauerlichen Hexenmonolog „When shall we three meet again“ aus Shakespeares Tragödie Macbeth das Thema des Abends ein: Es braut sich etwas zusammen. Ein Sturm zieht auf. Doch noch herrscht stürmische Euphorie, die nach vorne pusht, wie die Schweizerin Wanda Wylowa so schön bebildert. Sie schwärmt vom Gefühl der Verbundenheit beim Tanzen, wenn man ganz in Schweißgerüche der anderen abtauchen könne.

Manuel Klein erklärt sodann, dass sich das Wort „Panik“ vom Hirtengott Pan, in der griechischen Mythologie Gott des Waldes und der Natur ableitet. Durch die Panflöte wird in Skulpturen oft seine Freude an Musik, Fröhlichkeit und Ekstase ausgedrückt. Im Christentum des Mittelalters wurde Pan dann dämonisiert. Zuvor positiv als Zeichen der Lust konnotierte Attribute wie Kopfhörner wurden ikonographisch umgedeutet. Pan wurde dämonisiert. Der Sage nach soll er auch durch einen markerschütternden Schrei seine Herde zu einer sinnlosen Massenflucht veranlasst haben, weil er in seiner Mittagsruhe gestört wurde. Daher die etymologische Entstehung des Wortes „Panik“. Auch die Darsteller schreien bald wiederholt, lustvoll und gellend. Da kann dem Publikum in Zeiten von Corona schon angst und bange werden wegen der Aerosole. Eine Panik bahnt sich jedenfalls nicht an. Noch gilt auch im Ballsaaltheater Maskenflicht.

In kurzen, unterschiedlich originellen Szenen widmen sich die Darsteller und ihre Figuren assoziativ dem Leitthema Stürmen. Dabei verkörpern sie unterschiedliche Typen und agieren auch miteinander. Manuel Klein erzählt leidenschaftlich von einer plötzlichen Eifersuchtsszene einer Braut während einer Hochzeit. Laila Nielsens Figur blickt als benachteiligte Kulturschaffende auf die Pandemie und taucht lustvoll in die Querdenkerszene ab. Sie fühlt sich bald jedoch von der Metaphorik ihrer Genossen vor den Kopf gestoßen, wenn wie in Game of Thrones von der Endphase des „Kampfes zwischen Licht und Dunkel“ die Rede ist. Durch Ausdrücke wie „manipuliert“ und „gehirngewaschen“ wird sie schließlich vollends verschreckt, möchte aber den Kontakt nicht ganz aufgeben.

Urkomische Akzente setzt die Kölnerin Nicole Kersten, wenn sie als überforderte Mum im Joggingdress ihren lieben Kleinen in die Schule chauffieren möchte. Dabei ist sie sodann vom Verkehrsaufkommen und Sohnemann hoffnungslos überfordert. Da überholt sie kopflos gerne einmal ausscherende Busse oder regt sich über parallelfahrende Altersgenossen auf dem Lastenfahrrad auf: „Nee, ich habe noch nichts fürs Klima getan!“ Ihrer Anspannung wird sie auch bei beherzten Meditationsversuchen nicht Frau. Wanda Wylowa und Laila Nielsen sprechen bald synchron einen köstlichen Monolog, in dem Ameisen genuss- und gewaltvoll einen Mistkäfer verspeisen. Es zeugt von herrlicher Situationskomik, wenn auf dem Höhepunkt des Mahls die außenstehende Nicole Kersten perplex zwischen beide gerät.

Das illustre Bläserquartett (Moritz Anthes, Helmut Buntjer, Florian Esch, Tobias Herzog) setzt durch plötzliche Einsätze dramaturgische Akzente, begleitet kunstvoll gesangliche Solos oder spielt in einem gelungenen Instrumentalsolo „Moon River“. Zum Ende hin wenden sich die Darsteller ihrem Publikum zu und glätten die Wogen, wenn sie daran erinnern, dass Tränen salzig schmecken und ein Blick sein Gegenüber halten kann. Trotzdem gilt es dem sogenannten Anthropozän, dem Erdzeitalter des Menschen, einen Denkzettel zu verpassen. Schon bald hat Ausstatterin Annika Ley das karge Bühnenzentrum mit üppig wuchernden Topfpflanzen bedacht. Die inmitten der Grünpflanzen platzierten Darsteller beschwören nacheinander die Formel, Angst vor der Natur müsse aufhören. Sie glauben zu erkennen, dass wir nur durch Umweltrechte und eine Gleichstellung der Natur die Erdüberlastung und das Kollabieren des Ökosystems noch abwenden können. Hierzu wäre es sinnvoll Natur endlich als Rechtssubjekt zu bewerten, damit Naturschutz nicht mit dem Eigennutzungsrecht konfligiere, so die lebendige Diskussion auf der Bühne. Einhellig fordert das Ensemble schlussendlich eine ökologische Revolution des Rechts. Und Recht haben sie, tatsächlich gefährdet das Anthropozän längst den überbevölkerten und ressourcenerschöpften Planeten.



Das Fringe Ensemble zeigt Stürmen im Theater im Ballsaal | Foto © Ralf Emmerich

Ansgar Skoda - 3. Februar 2022
ID 13438
STÜRMEN (Theater im Ballsaal, 01.02.2022)
Regie: Frank Heuel
Bühne und Kostüme
Video: Annika Ley
Musikalische Leitung: Helmut Buntjer
Mit: Nicole Kersten, Manuel Klein, Laila Nielsen, Harald Redmer und Wanda Wylowa sowie den Live-Musikern Moritz Anthes, Helmut Buntjer, Florian Esch und Tobias Herzog
Premiere im Pumpenhaus Münster: 14. Januar 2022
Weitere Termine: 09., 10.02. (in der Orangerie Köln), 18., 19.02. (im Theater im Ballsaal, Bonn)


Weitere Infos siehe auch: https://www.fringe-ensemble.de


Post an Ansgar Skoda

skoda-webservice.de

Freie Szene

Neue Stücke

Premieren (an Stadt- und Staatstheatern)



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)