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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Rangelei und

Dramen auf dem

Wohnungsmarkt



Daniel Stock (Jan Mierau), Lydia Stäubli (Hanna Mierau), Julia Kathinka Philippi (Berenice), Annika Schilling (Sina), Birte Schrein (Elke Özdamar) in Der Haken am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

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Bezahlbare Mietwohnungen in Großstädten sind rar. Die Not um erschwingliche Mieten veranlasst Bewerber mitunter zu kreativen Ideen, Taktiken und Einflussnahmen. Denn Anforderungen an Interessenten werden mitunter absurd. Der Wohnungsmarkt bietet so allerlei dramatisches Konfliktpotenzial. Das wusste bereits Thomas Melle, der seiner Zeit mit Die Lage ein Stück zum Thema vorlegte. Auch das Autorenduo Sarah Nemitz & Lutz Hübner nimmt sich mit seinem gestern am Theater Bonn uraufgeführten Text Der Haken der Thematik voller Situationskomik und mit liebenswerten Typen an.

Tom Muschs Bühne zeigt eine mehrebige Wohnung mit großen Fenstern, einer Terrasse, einer durch eine Tür abgetrennten Küche mit Abstellgelegenheiten. Der Makler (Timo Kählert) und die Mietinteressenten purzeln beim Eintreten über am Boden liegende Matratzen. Auch andere Möbelstücke wirken durch lautes Knarzen verdächtig. Ein Hängeschrank verrutscht mehrfach.

Eine demonstrativ selbstbewusst stolzierende Frau (Birte Schrein) fragt geschäftig, ob die Wohnung kernsaniert sei, erkundigt sich nach dem Energieausweis und der Struktur der Nebenkosten. Die findige Frau mit dem türkischen Nachnamen Özdamar sucht eine Wohnung für ihre schwangere Tochter aus Hamburg. Sie möchte wissen, ob die hohen Kosten des Aufzugs am Wartungsvertrag liegen. Als Führerin eines nahegelegenen Elektrogeschäfts kenne sie sich mit lokalen Preisen aus, betont sie. Insgeheim macht sie der günstige Preis misstrauisch. Trotzdem glaubt sie, dass ihre Strategie zur Anmietung der Altbauwohnung in Toplage aufgehen könnte.

Der Makler wirkt wenig vertrauenerweckend, wenn er Fragen von Frau Özdamar nicht beantworten kann. Er erklärt aufgeregt, er sei nur der Neffe des Vermieters. Sichtlich überfordert erscheint er als verschlossener Sonderling, der irrational den Mietinteressenten abwegige Fragen stellt.

Markus J. Bachmann spielt den schleimigen Wiener Spekulanten und Investor Peer, der gleich mit seiner Solvenz prahlt. Ein Dorn im Auge ist er dabei der hippen Studentin Sina (Annika Schilling), die ihre Finanzkraft durch eine Elternbürgschaft nachweisen muss und unsicher mit ihrer Mitbewerberin Berenice (Julia Kathinka Philippi) eine WG und ein Startup plant. Sie schmökert in Habacht-Stellung auf dem Sofa Despentes’ Roman Vernon Subutex über einen Obdachlosen, während sie misstrauisch das bunte Geschehen beäugt. Später, als klar wird, dass Peer die Wohnung nicht mieten, sondern kaufen möchte, wehrt er sich gegenüber den jungen Frauen vehement dagegen, als der Böse vom Dienst wahrgenommen zu werden. Bald lässt der Makler die Mietinteressenten allein, um den Vermieter dazu zu bitten. Hanna (Lydia Stäubli), wohlhabende Exfrau von Jan (Daniel Stock), möchte nun grundsätzlich über Parteilichkeit diskutieren. Ist Arm sein immer gleich gut, reich sein immer gleich böse? Die Gruppendynamik wartet szenisch mit kleinen und großen Dramen und allerlei Grundsatzdiskussionen auf.

Es bietet durchaus eine gewisse Situationskomik, wenn sich Jan als Macher betont breitbeinig auf einen Sessel fläzt, mit herabhängenden Bauch. Als bloßer Fahrer seiner Ex-Frau versucht er doch stets die Verhandlungen zu dominieren. Hanna ist von seiner grenzüberschreitenden, übergriffigen Art genervt und bittet ihn wiederholt, unten am Büdchen zu warten. Doch auch die Rechnung, dass er alleine zuhause mit den Kindern bleibt, hat sie scheinbar ohne den Wirt gemacht. „Bärchen“ wird er bald nicht nur von seiner Ex, sondern auch vom sich mit ihm solidarisieren wollenden Peer lustvoll genannt. Positionen der Figuren prallen auf der Suche nach dem annehmbaren Heim aufeinander. Es wird sichtlich um Verständnis gerungen.

*

Manchmal droht die Aufführung zäh zu werden, da durch pointierte Konfrontation der unterschiedlichen Typen allzu viele Themen angerissen werden (Wohnungsnot, unterschiedliche soziale Schichten, Political Correctness, einsam Altern). Szenen, die in Slapstick ausarten, werden jedoch durch Ruhepausen, in denen die Akteure in ihren Bewegungen effektvoll einfrieren, mit leiser Musikuntermalung unterbrochen. Eine berührende Szene zeigt in einen solchen Moment den greisen Wohnungsbesitzer (Wolfgang Rüter) beseelt als agilen Schlagersänger, während alle anderen in sich zusammengesunken Immobilität verkörpern – ein kurzes Bild umgekehrter Verhältnisse.

Während bei Thomas Melle noch anonym bleibende Investoren aus dem Ausland für Wohnraumverknappung sorgen, ist bei den Eheleuten Nemitz & Hübner der Vermieter ein einsamer Witwer und Diplomat im Ruhestand. Er stellt sich Fragen nach eigener Bedürftigkeit und Würde im Alter. Wer wird ihn pflegen, wenn er mal nicht mehr kann. Doch lassen sich derartige Zuwendungen schaffen, indem man Wohnraum zur Verfügung stellt?



Julia Kathinka Philippi (Berenice), Markus J. Bachmann (Peer Bechtolf), Lydia Stäubli (Hanna Mierau), Birte Schrein (Elke Özdamar), Annika Schilling (Sina), Daniel Stock (Jan Mierau) in Der Haken am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu


Von Nemitz & Hübner war bereits Frau Müller muss weg ein am Theater Bonn 2019 von Jens Groß inszenierter sehenswerter Publikumserfolg. Auch Roland Riebelings kurzweilige Regie des Stücks Der Haken bietet abermals soliden Unterhaltungswert durch fesselnde Typen und eine Aneinanderreihung pointenreicher Konflikte.

Ansgar Skoda - 21. Januar 2023
ID 14009
DER HAKEN (Schauspielhaus Bad Godesberg, 20.01.2023)
Regie: Roland Riebeling
Musik: Ruben Philipp
Bühne: Tom Musch
Kostüme: Nini von Selzam
Licht: Boris Kahnert
Dramaturgie: Nadja Groß
Besetzung:
Martin Brockes ... Timo Kählert
Benedikt Goldmann ... Wolfgang Rüter
Hanna Mierau ... Lydia Stäubli
Jan Mierau … Daniel Stock
Elke Özdamar ... Birte Schrein
Peer Bechtolf ... Markus J. Bachmann
Sina Hindelang ... Annika Schilling
Berenice Vendel ... Julia Kathinka Philippi
Uraufführung am Theater Bonn: 20. Januar 2023
Weitere Termine: 22., 26., 28.01./ 02., 03., 15.02./ 02., 16.03.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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