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SALZBURGER FESTSPIELE 2022

Abgesoffen in

Ingolstadt



Bewertung:    



Nach seiner vorjährigen Inszenierung von Schillers Maria Stuart auf der Perner Insel schickt Burgtheaterdirektor Martin Kušej in diesem Jahr Ivo van Hove nach Salzburg. Der belgische Theaterregisseur ist international erfahren und hat mit Schauspiel- und Popstars wie Juliette Binoche, Isabelle Huppert, Jude Law und David Bowie zusammengearbeitet. Seit 2001 ist er künstlerischer Leiter des Internationaal Theater Amsterdam. Obwohl van Hove viel für die Münchner Kammerspiele, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg und die Schaubühne Berlin inszeniert hat, ist Ingolstadt seine erste Regiearbeit zu einem deutschen Text, und das gleich in doppelter Form. Der Dramaturg Koen Tachelet hat zwei Dramen der jungen Marieluise Fleißer (1901-1974) zu einem Stück zusammengefasst. Das 1924 erschienene Schauspiel Fegefeuer in Ingolstadt sowie der Komödie Pioniere in Ingolstadt, die in drei Fassungen von 1928, 1929 und 1968 vorliegt. Beide Stücke sind stark vom Expressionismus und Bertolt Brecht beeinflusst, etwas Ödon von Horváth und Georg Büchners Woyzeck finden sich auch darin. In jedem Fall aber viele christliche Verweise. Fleißer hat in beiden Stücken die provinzielle bayrische Enge und ihre katholische Erziehung verarbeitet.

Vor allem viel toxische Männlichkeit und vergebliches weibliches Aufbegehren gegen patriarchale Verhältnisse sehen Dramaturg und Regisseur in ihrer Überarbeitung, die auf der Bühne der Perner Insel in Hallein in einem mit kleinen Inseln und ein paar Untiefen durchbrochenen Wasserbecken spielt. Ein paar Strommasten und Leuchtgirlanden komplettieren das Provinzbild Ingolstadts. Bühnenbildner Jan Versweyveld spielt hier sicher auf den ursprünglichen Titel Fußwaschung von Fegefeuer in Ingolstadt an. Die aus Küstrin zum Brückenbau an die Donau abkommandierten Armee-Pioniere dürften da sicher auch eine Rolle gespielt haben. Zu Beginn wird gebetet, dann auch mal strammgestanden und exerziert. Männer singen im Chor, bevor sie später waterboarden. Die jungen Frauen Ingolstadts sind neben dem Saufen ihr Zeitvertreib und Ausgleich für den Druck von oben.

Druck ausgeübt wird in beiden Stücken Fleißers. Mal ist es der Vater (Ernest Allan Hausmann), mal die Mutter (Elisabeth Augustin) oder ein Feldwebel (nochmal Ernest Allan Hausmann, der coronabedingt für Oliver Nägele einspringen musste), der seine Untergebenen kujoniert und am Ende dafür gnadenlos über Bord geht. Auch wenn Brecht die Pioniere als Komödie bezeichnete, gibt es hier nichts und für niemanden zu lachen. Das düstere, frauenverachtende Umfeld zieht sich auch durchs Fegefeuer. Hier ist es Olga (Marie-Luise Stockinger), die von dem Sadisten Peps (Tilman Tuppy) schwanger ist und abtreiben soll, was aber nicht gelingt. Die Mädchen Alma (Dagna Litzenberger Vinet) und Berta (Lilith Häßle) versuchen mit den Pionieren ihr Glück und scheitern ebenfalls an der misogynen Männerwelt, die hier auch vor Vergewaltigung nicht zurückschreckt. Wer ihn liebt, muss leiden, sagt Pionier Korl (Maximilian Pulst) zu Berta.

Als leidenden Jesus empfindet sich auch der verschmähte Außenseiter Roelle (Jan Bülow). Schon bei Fleißer ist er ein verquaster Heiliger, der hier nach einer verunglückten Engelsbeschwörung von der Männerhorde gesteinigt und nachdem der wasserscheue Stinker wieder auferstanden ist, auch noch zwangsgetauft wird. Zum religiösen Wahn, kommt der Männlichkeitswahn, der zu Fleißers Zeiten dann in den Faschismus kippte. Auch heute dürften Männerbünde, ob militärisch oder zivil, noch Frauen das Fürchten lehren. Trotz dem sich diese nach allen Kräften wehren, ist Frau und Mensch sein hier nicht wirklich angesagt. Jedoch die einfache Verdoppelung des Elends macht aus zwei alten Stücken nicht unbedingt ein neues. Viel mehr macht Ivo van Hove aber nicht aus diesen 2,5 Stunden langen, pausenlosen Wasserspielen. Das zieht sich bis zum bitteren und sehr pathetischen Ende und dürfte einigen FestspielbesucherInnen nicht nur den Sekt zwischendurch vermießt haben.



Ingolstadt bei den SALZBURGER FESTSPIELEN | Foto (C) Matthias Horn

Stefan Bock - 4. August 2022
ID 13739
INGOLSTADT (Perner Insel, 02.08.2022)
Nach dem Schauspiel Fegefeuer in Ingolstadt sowie der Komödie Pioniere in Ingolstadt von Marieluise Fleißer
In einer Bearbeitung von Koen Tachelet

Regie: Ivo van Hove
Kostüme: An D’Huys
Musik: Eric Sleichim
Dramaturgie: Sebastian Huber, Koen Tachelet
Video: Julia Várkonyi Video
Bühne und Licht: Jan Versweyveld
Besetzung:
Olga ... Marie-Luise Stockinger
Roelle ... Jan Bülow
Alma ... Dagna Litzenberger Vinet
Berta ... Lilith Häßle
Korl ... Maximilian Pulst
Peps ... Tilman Tuppy
Fabian ... Jonas Hackmann
Christian ... Lukas Vogelsang
Clementine ... Lili Winderlich
Münsterer ... Gunther Eckes
Rosskopf ... Julian von Hansemann
Protasius ... Bijan Zamani
Berotter / Unertl / Feldwebel / Neuer Feldwebel ... Ernest Allan Hausmann
Roelles Mutter ... Elisabeth Augustin
Jäger ... Etienne Halsdorf
Premiere zu den SALZBURGER FESTSPIELEN war am 1. August 2022.
Weitere Termine in Salzburg: 04., 05., 07.08.2022
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien


Weitere Infos siehe auch: https://www.salzburgerfestspiele.at/


Post an Stefan Bock

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SALZBURGER FESTSPIELE



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