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nachDRUCK # 6

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Freie Szene

Cyberpunk

um die Kraft

des Widerstands



Felix Bold, Felix Breuel und Fiona Metscher (v.l.n.r.) in Posthuman Condition am FWT Köln | Foto © Markus J. Bachmann

Bewertung:    



„Ich bin glücklich!“ Drei Figuren singen und tanzen synchron zu den Ausrufen dieser Worte auf einer abschüssigen Ebene. Sie feiern ihre augenblickliche Gemeinschaft. Dieses starke Gefühl wird von den Figuren nur von kurzer Dauer sein. Später werden einzelne Charaktere auf ebendieser Ebene mit Klarsichtfolie gefesselt und mit unbequemen Fragen konfrontiert.

In Pat To Yans Posthuman Condition (auch bekannt unter dem Titel Eine posthumane Geschichte) verschmelzen Phantastik, Cyberpunk und politische Parabel zu einem Geflecht über die Zukunft unserer Spezies.

*

Am FREIEN WERKSTATT THEATER in Köln setzt Guido Rademachers die Dystopie mit starken Bildern um. Videoprojektionen von Roberta de Lacerda Medina deuten surreale Elemente und Science Fiction-Motive in einem ansonsten schlichten Bühnenbild von Katrin Lehmacher wirkungsvoll an. Die Akteure werden in projizierten Bildern vervielfacht und verzerrt. Die Stimmen der Akteure sind teils durch Halleffekte künstlich verfremdet.

Die Handlung dreht sich um Frank (Felix Bold), einen Soldaten, der im bequemen Homeoffice Drohnenangriffe auf ein fernes diktatorisches Land steuert. Das Grauen ist ihm und seiner Frau Jane (Fiona Metscher) jedoch nah. Ihre Familiengründung wird empfindlich gestört, als ihr Sohn Anders (Felix Breuel) aufgrund eines mysteriösen „alten Fluchs“ ohne Po geboren wird. Anders altert aufgrund eines künstlichen Ersatzes seines Pos deutlich schneller als üblich und entwickelt sich zum Cyborg. Er kann An- oder Abwesenheit der technischen Devices bei seinem Vater empfinden, als dieser zum Ort seines Bombardement reist und bereits weit entfernt ist. Frank begegnet auf seinem Trip Geistern und mythologischen Wesen. Er wird mit eigener Schuld konfrontiert und erkennt, dass sein Tun fatale Folgen hatte.

Die Akteure verkörpern unterschiedliche Figuren und variieren dann ihren stimmlichen Ausdruck, oft jedoch ohne ihre Kostüme zu wechseln. Dadurch bringt man die Figuren schnell durcheinander. Fiona Metscher mimt etwa auch ein Mädchen mit einem Baum auf dem Kopf, das mit Anders intime Gespräche führt. Sie konfrontiert zudem als sogenannte Weiße Knochenfrau in der Fremde Anders’ Vater Frank. In anderen Szenen verkörpert Metscher eine hochentwickelte KI. Frank-Darsteller Felix Bold mimt auch Priscilla, eine Freundin von Jane, die opportunistisch innerhalb des repressiven Systems agiert. Priscilla und Jane geraten aneinander, als sich ihre Wege beruflich überschneiden.

Die Inszenierung ist mit vier Akten, kurzen Szenen und einem Epilog recht verschachtelt. Szenen werden durch schnelle Wechsel unterbrochen. Dann geht auf der Bühne des FWT kurz das Licht aus.

Pat To Yan deutet symbolisch eine deformierte Menschlichkeit in einer technisierten Welt an. Die Aufführung fragt danach, wo Ethik und Moral bleiben, wenn Überwachung und Künstliche Intelligenz das Leben bestimmen. Der Hongkonger Autor kritisiert repressive Staaten wie seine Heimat China und lässt seine Figuren das eigene Tun überdenken und langsam Kraft für individuellen Widerstand finden.

Yans Posthuman Journey Trilogie ist 2023 hierzulande in der deutschen Übersetzung aus dem Englischen von John Birke und Ulrike Syha bei Suhrkamp erschienen. Die Theatertexte festigten Pat To Yans Ruf als eine wichtige Stimme des zeitgenössischen politischen Theaters.

Guido Rademachers und Dramaturg Dandan Liu fokussieren in ihrer phantasievollen Umsetzung der vielschichtigen Vorlage erstaunlich aktuelle Motive und Themen: Künstliche Intelligenz gilt als die wohl wichtigste Technologie unserer Zeit. Software für KI, Clouds oder Plattformen kommt überwiegend von US-Techkonzernen. International wird seit längerem die Produktion humanoider Roboter gefördert. Menschenähnliche Roboter werden dabei für Arbeiten in der Logistik und Produktion eingesetzt, sollen aber Studien zufolge in etwa zehn Jahren voraussichtlich auch im Haushalt und in der Alten- und Krankenpflege zum Einsatz kommen. Auch Drohnen werden bei Bränden, Autounfällen oder in der modernen Kriegsführung etwa in der Ukraine immer wichtiger. Sie lassen sich per Klick starten, steuern sich weitestgehend selbst und ermöglichen binnen kurzer Zeit Luftaufnahmen vom Einsatzort.

Bildprojektionen deuten ein hochtechnisiertes Geschehen effektvoll an. Die Akteure verkörpern ihre unterschiedlichen Figuren mit ausdrucksstarker Mimik und trotz der stimmlichen Verfremdung gut verständlich. Gleichwohl erscheint das dargebotene Geschehen etwas überfrachtet, zu surreal und schwer zugänglich.



Posthuman Condition am FWT Köln | Foto © Markus J. Bachmann

Ansgar Skoda - 30. Januar 2026 (2)
ID 15674
POSTHUMAN CONDITION (Freies Werkstatt Theater, 28.01.2026)
von Pat To Yan

Inszenierung: Guido Rademachers
Dramaturgie: Dandan Liu
Bühne und Kostüm: Katrin Lehmacher
Video: Roberta de Lacerda Medina
Musik: Felix Breuel
Technik: Anil Tepe, Ingo Esselen und Daniel Swoboda
Mit: Felix Bold, Felix Breuel und Fiona Metscher sowie Anton Schieffer (im Video) und
Johanna Münch (Stimme)
Premiere war am 10. Oktober 2024.
Weitere Termine: 01.02./ 09., 12.04.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.fwt-koeln.de


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