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Premierenkritik

Papageno mit

Florentinerhut



Die Zauberflöte an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

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Dass eine Inszenierung an einem anderen als dem ursprünglichen Haus übernommen wird, steht, wenn man von patentierten Musical-Inszenierungen absieht, nicht an der Tagesordnung. Es muss sich schon um einen ungewöhnlichen Wurf handeln, wenn eine Regie und das ganze Drumherum, noch dazu nach acht Jahren, mit einem anderen Ensemble wiederbelebt wird. Mit den großen Würfen ist das freilich so eine Sache. Sie lassen sich nicht objektivieren. Nicht jeder muss sie als solche betrachten, und ein Massenerfolg verpflichtet noch nicht zur Zustimmung. Für manche sind die Carmina Burana oder die Skulpturen von Jeff Koons ein großer Wurf, für andere sind sie ein monumentaler Kitsch.

Im vergangenen Jahr hat die Stuttgarter Oper Krzysztof Warlikowskis Iphigénie en Tauride rekonstruiert. Jetzt war Barrie Koskys gefeierte und als Gastspiel um die Welt gereiste Zauberflöte an der Reihe. Offenbar denkt der Intendant Viktor Schoner bei der Programmplanung nicht nur in der Kategorie Komponist und Thema, sondern auch in Richtung der szenischen Realisierung. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Es dient der Bewahrung exzeptioneller Regie- oder auch Bühnenbild- und Kostümentwürfe, reduziert aber zugleich den Raum für neue Ansätze. Bei der begrenzten Zahl von Premieren kann auch eine Inszenierung pro Jahr schon ins Gewicht fallen.

Für Stuttgart wurde Die Zauberflöte unter den Bedingungen der Coronakrise adaptiert. Barrie Kosky hatte die gleiche Idee wie Hans Neuenfels in seiner Stuttgarter Entführung aus dem Serail oder Warlikowski und lange vor ihm Pina Bausch in deren Iphigenie: die Figuren zu verdoppeln, in seinem Fall also, den Sängern Tänzer, die allerdings eher posieren als tanzen, oder Statisten zur Seite zu stellen. Zudem wurde das Orchester für ein Arrangement von Andreas N. Tarkmann auf 13 Musiker verkleinert, was einen gewöhnungsbedürftigen Klang ergab.

Das Besondere an dieser Zauberflöte sind die von Suzanne Andrade und Paul Barritt von der britischen Theatergruppe 1927 verwendeten filmischen Techniken, die Kenner des Paares auch als Masche bezeichnen könnten und die es schwer machen, zu entscheiden, was auf deren Konto und was auf das Konto von Barrie Kosky geht. Sie haben mehr mit der seit Jahrzehnten bestehenden Prager Laterna magika zu tun als mit den Videoexperimenten eines Frank Castorf. Schikaneders Figuren gleichen sich dem Stil von 1927 an, also dem Vorbild von Buster Keaton oder Harold Lloyd. Sie stehen meist statisch auf Podesten wie Fassadenfiguren. Die Animationen drohen ihnen die Schau zu stehlen. Wenn sich Papageno und Papagena viele Nachfahren ihres Namens wünschen, sieht man diese auf der bühnenfüllenden Leinwand durch einander purzeln. Die Königin der Nacht erscheint als Riesenspinne. Keine Chance für Sympathie. Monostatos darf, wie in fast allen neueren Inszenierungen, nicht schwarz sein, wie er behauptet, und sieht aus wie Nosferatu in Begleitung von Keith Harings Hunden. Sarastro wiederum mit seinem Zylinder ist total verbürgerlicht. Dialoge werden durch Zwischentitel ersetzt, die am Klavier begleitet werden. Das alles fügt sich zu einer Parodie des Stummfilms oder vielmehr zu einer Parodie einer Parodie des Stummfilms. Das hat seine Meriten, wenn es, beispielsweise, um den Golem geht. Ob es der Oper auf die Sprünge hilft – darüber ließe sich streiten wie über den großen Wurf.

Von der Herkunft Papagenos aus dem Volkstheater ist in dieser Inszenierung ebenso wenig geblieben wie von dem Klassenunterschied zwischen ihm und Tamino. Die viel diskutierte Symbolik der Zauberflöte interessiert Kosky nicht. Mit diesem Abend hat Viktor Schoner den größtmöglichen Gegensatz zur Oper eines Jossi Wieler geschaffen. Er bedeutet den Sieg des Dekorativen über die Interpretation. Das hat sein eigenes Recht, verbraucht sich aber selbst in der kurzen Spielzeit von zwei Stunden und zwanzig Minuten.

Gesungen wird größtenteils aus dem Dunkel der Proszeniumslogen. Weil sie bei dieser Konzeption verborgen bleiben wie die Unsichtbaren, von denen Tamino Auskunft über Pamina erhofft, nehmen die Sänger bei der Verbeugung umso lieber ihre Mund-Nasen-Masken ab. Am meisten beeindruckten Mingjie Lei als Tamino, Johannes Kammler als Papageno und Josefin Feiler als Pamina. Beate Ritter bewältigte die Koloraturen der Königin der Nacht, die jeder, wenn nicht aus der Oper, so doch aus Wunschkonzerten kennt, zeigte aber zuvor Intonationsschwächen. Alles in allem hat es dieses Ensemble, das traditionell im Zentrum einer Oper steht, nicht verdient, marginalisiert zu werden. Aber was tut man nicht alles für einen großen Wurf. In Zeiten der Abstandsregel.



Die Zauberflöte an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund

Thomas Rothschild - 4. Oktober 2020
ID 12509
DIE ZAUBERFLÖTE (Opernhaus, 03.10.2020)
Musikalische Leitung: Hossein Pishkar
Regie: Barrie Kosky und Suzanne Andrade
Animationen: Paul Barritt
Bühne und Kostüm: Esther Bialas
Licht: Diego Leetz
Chor: Bernhard Moncado
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Besetzung:
Sarastro / Sprecher ... David Steffens
Tamino ... Mingjie Lei und Lorenzo Soragni (Tanz)
Königin der Nacht ... Beate Ritter
Pamina ... Josefin Feiler und Martina Borroni (Tanz)
Erste Dame ... Catriona Smith und Miriam Markl (Tanz)
Zweite Dame ... Maria Theresa Ullrich und Daura Hernández García (Tanz)
Dritte Dame ... Stine Marie Fischer und Alexandra Mahnke (Tanz)
Papageno ... Johannes Kammler und Michael Fernandez (Tanz)
Papagena ... Clare Tunney
Monostatos ... Heinz Göhrig und Sebastian Petrascu (Tanz)
Erster Geharnischter ... Moritz Kallenberg
Zweiter Geharnischter ... Jasper Leever
Mitglieder des Staatsopernchores
Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart
Premiere an der Staatsoper Stuttgart: 3. Oktober 2020
Weitere Termine: 04., 28.10. / 08., 21., 28.11.2020
Eine Produktion der Komischen Oper Berlin


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de/


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